Während im sächsischen Zwickau und im baden-württembergischen Schwäbisch Gmünd die Lichter ausgehen, entstehen in Debrecen, Kecskemét und Novi Sad hochmoderne Fabriken. Deutsche Konzerne und Weltmarken verlagern massiv ihre Produktion nach Ungarn und Serbien– von Autoteilen bis Klebstoffen – angelockt von Löhnen, die bis zu 70 Prozent unter deutschem Niveau liegen, und einer Politik, die Investoren den roten Teppich ausrollt.
Die Nachricht traf Sachsen Anfang 2023 wie ein Schlag. Der britisch-deutsche Autozulieferer GKN Driveline gibt seinen Standort in Zwickau-Mosel auf. Mehr als 800 Beschäftigte verlieren ihre Arbeit, obwohl das Werk bis zuletzt profitabel arbeitete und Gelenkwellen für BMW, Mercedes und Lamborghini fertigte. Zur Begründung verwies das Unternehmen auf strukturelle Veränderungen in der Automobilindustrie, fallende Preise und steigende Kosten.
Was GKN zunächst verschweigt. Zeitgleich entsteht im ungarischen Miskolc ein neues Gelenkwellen-Werk, das von der dortigen Regierung mit Steuererleichterungen und Beihilfen gefördert wird. Die EU-Kommission prüft derzeit diese Subventionen.
Sachsens damaliger Wirtschaftsminister Martin Dulig reagierte mit Unverständnis. Er könne nicht nachvollziehen, warum der Standort nicht gehalten werden könne, während gleichzeitig in Ungarn investiert werde, erklärt der SPD-Politiker. Die IG Metall warf GKN vor, die Produktion scheibchenweise nach Osteuropa zu verlagern, und kündigte Proteste an.
Henkel verlässt Ostdeutschland vollständig
GKN ist kein Einzelfall. Ende 2024 schloss der Düsseldorfer Konsumgüterkonzern Henkel sein Klebstoff-Werk im sächsischen Heidenau bei Dresden. Rund 40 Mitarbeiter verloren ihre Stelle. Die Produktion von Heißschmelz-Klebstoffen für die Möbel-, Automobil- und Lebensmittelindustrie wandert nun ins ungarische Környe. Damit hat Henkel keinen einzigen Produktionsstandort mehr in Ostdeutschland.
Dabei hatte Henkel-Chef Carsten Knobel noch Ende August 2024 öffentlich beteuert, man werde kein Werk in Deutschland schließen.
Auch der Stuttgarter Automobilzulieferer Mahle gab bereits 2022 sein Werk im sächsischen Freiberg auf. Rund 85 Arbeitsplätze fielen weg. Das Unternehmen erklärte, es gebe für den Standort keine wirtschaftliche Perspektive mehr. Mahle streicht bis 2025 weltweit etwa 7600 Stellen, vor allem an Standorten mit Verbrenner-Fokus.
Milliarden fließen nach Ungarn
Während in Ostdeutschland und darüber hinaus Werke schließen, investiert die deutsche Automobilindustrie Milliarden in Ungarn. BMW eröffnete 2025 in Debrecen sein erstes europäisches Werk seit zwei Jahrzehnten. Über zwei Milliarden Euro flossen in die hochmoderne Fabrik, die ausschließlich Elektroautos der Neuen Klasse produziert. Langfristig sollen dort mehr als 2000 Arbeitsplätze entstehen.
Mercedes-Benz kündigte im Februar 2025 an, sein bestehendes Werk im ungarischen Kecskemét für eine Milliarde Euro zu erweitern. Die Kapazität soll auf 200.000 Fahrzeuge pro Jahr verdoppelt werden. Gleichzeitig reduziert der Konzern die Produktion in deutschen Werken um 100.000 Einheiten jährlich. Finanzvorstand Harald Wilhelm erklärte die Strategie offen: Der Anteil der Produktion in Ländern mit niedrigeren Kosten solle von 15 Prozent im Jahr 2023 auf 30 Prozent bis 2030 steigen. Die Produktionskosten in Ungarn lägen etwa 70 Prozent unter dem deutschen Niveau.

Der Technologiekonzern ZF Friedrichshafen baut in Ungarn gleich zwei neue Werke. In Kecskemét und Debrecen entstehen Fabriken für Stoßdämpfer und Achsmodule, die die neuen Elektromodelle von BMW und Mercedes beliefern sollen. Das Investitionsvolumen beträgt rund 62 Millionen Euro für 313 neue Arbeitsplätze. Der ungarische Staat steuert etwa zehn Prozent als Zuschuss bei. Auch Bosch eröffnete Anfang 2025 in Miskolc ein neues Logistik- und Lagerzentrum für 147,6 Millionen Euro.
Serbien als Startrampe: Freihandel mit EU, Eurasien und China
Nicht nur Ungarn profitiert von der Abwanderung. Auch Serbien, das nicht zur EU gehört, zieht deutsche Industriechampions an. Continental eröffnete im Februar 2023 eine hochmoderne Elektronikfabrik in Kać bei Novi Sad. Die Anlage mit 30.000 Quadratmeter Fläche produziert Displays und Infotainment-Systeme. Rund 150 Millionen Euro investierte der Konzern, etwa 1500 Arbeitsplätze sollen entstehen.
ZF betreibt seit 2019 ein Werk im serbischen Pančevo, das E-Motoren und Getriebeteile fertigt. 2023 folgte eine Erweiterung um Elektronik für Hybridfahrzeuge. Der Abgasspezialist Boysen eröffnete 2021 in Subotica seine größte Auslandsfabrik. 65 Millionen Euro flossen in das Werk, das komplette Abgassysteme für Mercedes und Audi produziert und 500 Arbeitsplätze bietet.
Serbien lockt mit einem einzigartigen Vorteil. Das Land unterhält Freihandelsabkommen sowohl mit der EU als auch mit der Eurasischen Wirtschaftsunion, der Türkei, Großbritannien und seit Oktober 2023 auch mit China. In Serbien produzierte Waren können damit zollfrei in Märkte mit zusammen rund 2,7 Milliarden Verbrauchern exportiert werden. In 15 Sonderwirtschaftszonen genießen Unternehmen zusätzlich Zollfreiheit auf importierte Materialien und Maschinen sowie Steuerbefreiungen.
Hohe Energiekosten, Bürokratie und Bittstellermentalität
Die Gründe für die Verlagerungen sind vielschichtig. Am offensichtlichsten ist das Lohngefälle: Ein Industriearbeiter verdient in Ungarn im Schnitt rund 1500 Euro brutto monatlich, in Deutschland über 4600 Euro. Ungarn erhebt zudem mit neun Prozent den niedrigsten Körperschaftsteuersatz in der EU. In Deutschland liegt die effektive Steuerbelastung für Unternehmen bei etwa 30 Prozent.
Auch bei den Energiekosten liegt Deutschland ganz hinten. 2025 zahlten Haushalte im Schnitt 38 bis 39 Cent pro Kilowattstunde, Unternehmen je nach Größe 13 bis 18 Cent, während Ungarn mit etwa zehn Cent die niedrigsten aufwies. Für viele Unternehmen rechne sich die Produktion in Deutschland schlicht nicht mehr.
Die ungarische Regierung unter Viktor Orbán wirbt aggressiv um ausländische Investoren. Für Großprojekte werden Subventionen, Steuererleichterungen, günstiges Bauland und schnelle Genehmigungen gewährt. Barbara Zollmann von der Deutsch-Ungarischen Industrie- und Handelskammer spricht von einem Investitionsboom dank einer Wirtschaft-First-Politik. Qualifizierte Mitarbeiter zu wettbewerbsfähigen Löhnen, gute Hochschulen, niedrige Steuern und eine auf Investitionsförderung ausgerichtete Wirtschaftspolitik machten Ungarn attraktiv.
Marko Graf, Hauptgeschäftsführer der IHK Osnabrück, kritisiert die deutschen Verhältnisse. In Deutschland werde Investoren leider viel zu selten der sprichwörtliche rote Teppich ausgerollt. Spätestens in der Umsetzungsphase hole sie die Bürokratie ein. In Ungarn und Serbien hingegen würden Investoren mit offenen Armen empfangen, Verfahren beschleunigt und Probleme pragmatisch gelöst.
Neben Ostdeutschland auch Powerhouse Baden-Württemberg betroffen
Die Abwanderung trifft nicht nur Ostdeutschland. Bosch plant, bis 2030 seine Lkw-Komponentenproduktion vom Traditionsstandort Schwäbisch Gmünd vollständig ins ungarische Maklár zu verlagern. Tausende Arbeitsplätze stehen vor dem Aus. Die Gmünder Bundestagsabgeordnete Inge Gräßle von der CDU warnt, hohe Energiekosten in Deutschland verschärften die Wettbewerbsnachteile gegenüber Ländern wie Ungarn zusätzlich.
ZF kündigte an, bis 2028 konzernweit bis zu 14.000 Stellen in Deutschland zu streichen. Laut Betriebsrat sind über 30 Prozent der deutschen Werke bedroht. Ein internes Video offenbarte Pläne, große Teile der Getriebeproduktion vom Werk Saarbrücken nach Eger in Ungarn zu verlagern.
Die IG Metall und Lokalpolitiker warnen vor einer schleichenden Deindustrialisierung. Wenn immer mehr Firmen ihre ostdeutschen Standorte aufgeben, drohe der Region ein massiver Verlust an industrieller Substanz. Der Zwickauer Betriebsrat Jörg Kirsten formulierte es fatalistisch: Wenn Mosel erst mal weg sei, sei das nächste Werk dran.

Sinkende industrielle Präsenz könnte Abwanderung junger Fachkräfte und geringere Investitionen nach sich ziehen. Die aktuellen Werksschließungen wecken bei vielen Erinnerungen an die 1990er-Jahre, als in Ostdeutschland nach der Wiedervereinigung zahllose Industriejobs verschwanden.
Ab diesem Jahr soll ein gedeckelter Industriestrompreis Entlastung bringen – mit einem Zielwert von fünf Cent pro Kilowattstunde. Die Förderrichtlinie wird aktuell noch abgestimmt, die Industrie erwartet jedoch nur geringe Effekte. Doch was nach großem Wurf klingt, wirkt bei näherem Hinsehen kaum.
Laut dem Bundesverband der Deutschen Gießerei-Industrie (BDG) wird die reale Entlastung in der Praxis nur bei wenigen Zehntelcent liegen. Der Deckel gilt nur für die Strombeschaffung, nicht für Netzentgelte, Umlagen oder Steuern. EU-Beihilfevorgaben begrenzen zudem die Förderung auf 50 Prozent des Verbrauchs – und verlangen, dass mindestens die Hälfte der erhaltenen Mittel in Dekarbonisierung investiert wird. Für viele Mittelständler ist das Instrument schlicht zu bürokratisch. Der Verband spricht von einer „homöopathischen Wirkung“.
Die Region zwischen Budapest und Belgrad zieht nicht nur deutsche Investoren an. Der chinesische Elektroauto-Hersteller BYD errichtet im ungarischen Szeged nahe der serbischen Grenze seine erste europäische Fabrik. Die ungarische Regierung fördert das Projekt als eines der größten Investments der Landesgeschichte. Eine chinesisch finanzierte Bahnstrecke zwischen Belgrad und Budapest soll die Logistik verbessern. Bereits im Jahr 2022 stammte ein Fünftel aller serbischen Exporte aus der Automobilindustrie. Das Land hat sich von einem Agrarland zu einem festen Bestandteil europäischer Lieferketten entwickelt.
„Made in Germany“ kein Alleinstellungsmerkmal mehr
Ein entscheidender Befund dieser Entwicklung: Deutschland verliert seine einstigen Standort-Alleinstellungsmerkmale. Jahrzehntelang galt die deutsche Industrie als führend in Qualität, Produktivität; der Slogan „Made in Germany“ als wertvolles Qualitätslabel.
Ungarn und Serbien haben aufgeholt. Deutsche Firmen loben ausdrücklich die Qualifikation, Produktivität und Leistungsbereitschaft der lokalen Belegschaften. Bosch etwa sorgt durch duale Ausbildungsprojekte vor Ort dafür, dass die personellen Kompetenzen nahezu auf Westniveau liegen.
Werke wie das ZF-Werk in Pančevo sind hoch automatisiert und schlank organisiert, frei von den historisch gewachsenen Strukturen alter deutscher Werke. Wenn die Konzern-Forschung und -Entwicklung nun gleich mit verlagert wird, gibt es kaum noch Gründe, die Fertigung in teureren Gefilden zu belassen. ZF eröffnete 2023 in Novi Sad ein eigenes Entwicklungszentrum mit 150 Ingenieuren, das an Elektroantrieben der nächsten Generation arbeitet. Know-how-intensive Bereiche werden direkt in Serbien aufgebaut, nicht mehr zwingend in Deutschland.




