Mobilisierung

Betrunken mit Gewehr auf der Baustelle: Neuer Mobilisierungsskandal erschüttert die Ukraine

Der Chef einer lokalen Mobilisierungsbehörde erscheint betrunken und bewaffnet auf einer Baustelle und will Arbeiter zwangsrekrutieren. Die Situation endet im Krankenhaus.

Ein bewaffneter und offenbar stark alkoholisierter TCK-Chef sorgt in Transkarpatien für den nächsten Mobilisierungsskandal.
Ein bewaffneter und offenbar stark alkoholisierter TCK-Chef sorgt in Transkarpatien für den nächsten Mobilisierungsskandal.Kirsty Wigglesworth/dpa

Die Mobilisierung in der Ukraine sorgt für erschreckende Bilder und immer neue Skandale. Von den sogenannten Busifizierungen bis hin zu persönlichen Schicksalen von Rekruten ist das Thema längst ein ernsthaftes Problem, das auch Präsident Wolodymyr Selenskyj beschäftigt.

Nun erschüttert ein weiterer Vorfall die Region Transkarpatien im Südwesten des Landes. Der Leiter einer lokalen TCK-Mobilisierungsbehörde tauchte stark betrunken und bewaffnet auf einer Baustelle auf und versuchte, Bauarbeiter zur Mobilisierung zu zwingen.

Ukraine: Busifizierung sorgt für Probleme

Laut ukrainischen Medienberichten erschien Alexei Travov, der Leiter der TCK-Behörde in der Kleinstadt Irschawa, am Samstagabend mit einem automatischen Gewehr und mehreren Mitarbeitern auf einer Baustelle, während Arbeiter eine Brücke reparierten. Laut dem ukrainischen Journalisten Vitaliy Hlahola eskalierte die Situation, als ein Arbeiter die Polizei über die Notrufnummer alarmierte. Noch bevor die Beamten eintrafen, soll sich Travov gemeinsam mit seinen Leuten in einem Kleinbus von der Baustelle entfernt haben, berichtet Hlahola auf Telegram.

Doch die Lage wurde noch grotesker. Travov begab sich laut Lokalmedien anschließend in das städtische Krankenhaus von Irschawa, wo er nach Angaben von Hlahola mit Infusionen behandelt wurde. „Einfach ausgedrückt: Sie legen ihm dringend einen Tropf an, um ihn wieder zu Bewusstsein zu bringen, bevor das Inspektionsteam aus Uschgorod eintrifft“, so der Journalist zu dem Vorfall. War der lokale Mobilisierungschef also betrunken an einem Samstagabend? Uschgorod ist im Übrigen die Hauptstadt der westukrainischen Oblast Transkarpatien.

Die TCK-Außenstelle im Westen des Landes bestätigte im Nachgang den Vorfall offiziell und teilte mit, dass Travov für die Dauer der dienstlichen Untersuchung von seinen Aufgaben suspendiert wurde. „Im Falle einer Bestätigung der Verstöße werden entsprechende Entscheidungen, auch personeller Art, getroffen“, ließ die Behörde mitteilen. Ob der Rekrutenchef tatsächlich zu tief ins Wodka-Glas geschaut hatte, wurde nicht klar.

Der Vorfall ist nicht der erste Skandal um das Verhalten von TCK-Mitarbeitern. In den vergangenen Wochen gab es landesweit mehrere Berichte über Übergriffe, rechtswidrige Festnahmen und aggressive Mobilisierungspraktiken, unter anderem in Großstädten wie Dnipro und Odessa. Ukrainische Männer, die nicht für den Fronteinsatz im Donbass eingezogen werden wollen, leben seit Monaten im Untergrund.

Die sogenannte Busifizierung, also das gewaltsame Einsammeln wehrfähiger Männer mit Kleinbussen, hat sich in sozialen Netzwerken zu einem Symbol für eine zunehmend angespannte Mobilisierungspraxis entwickelt. Videos zeigen Festnahmen auf offener Straße, Rangeleien mit Angehörigen der Militärbehörden und hitzige Wortgefechte mit Passanten. Eine besondere Rolle spielen in diesem Kontext auch Frauen.

Für die ukrainische Führung in Kiew ist das Thema ein heikler Balanceakt. Einerseits ist die Armee angesichts des andauernden Krieges auf kontinuierlichen Personalnachschub angewiesen. Andererseits untergraben Berichte über Willkür, Machtmissbrauch oder Alkoholskandale das Vertrauen in die staatlichen Institutionen. Gerade in Regionen fernab der Front wächst die Unzufriedenheit über die Methoden und die Intransparenz der Rekrutierungsmaßnahmen merklich.