Nach Jahren der Eiszeit sucht Großbritannien wieder die Nähe zu China. Der viertägige Besuch von Premierminister Keir Starmer in Peking – der erste eines britischen Regierungschefs seit acht Jahren – gilt als deutlichstes Signal einer Annäherung. Nach einem Gespräch mit Chinas Staatschef Xi Jinping sprach Starmer von „guten und starken Beziehungen“. Beide Seiten kündigten an, ein „neues Kapitel“ aufzuschlagen.
Tauwetter nach acht Jahren Eiszeit
Im Zentrum der Gespräche standen wirtschaftliche Erleichterungen. London und Peking einigten sich auf visafreie Reisen für britische Staatsbürger von bis zu 30 Tagen. Zudem wurden Gespräche über niedrigere Zölle, unter anderem auf britischen Whisky, sowie eine intensivere Zusammenarbeit bei Handel und Migration geführt. Starmer wird in Peking von einer großen Wirtschaftsdelegation begleitet; London erhofft sich durch mehr Handel mit China, die stockende britische Wirtschaft anzukurbeln.
Die Annäherung markiert eine deutliche Kurskorrektur. Das britisch-chinesische Verhältnis war zuletzt stark abgekühlt. Sowohl der Kurs Pekings in der ehemaligen britischen Kolonie Hongkong als auch der Umgang mit der Minderheit der Uiguren und Spionagevorwürfe hatten zu massiver Kritik aus London geführt. Auch chinesische Investitionen in kritische Infrastruktur sorgten für Zurückhaltung. Starmer betonte nun, man habe diese Themen in Peking in einer „respektvollen Diskussion“ angesprochen, darunter auch den Fall des in Hongkong inhaftierten Medienunternehmers Jimmy Lai, der einen britischen Pass besitzt.
Das britisch-chinesische Tauwetter steht zugleich in einem größeren geopolitischen Zusammenhang. Angesichts der Turbulenzen im Verhältnis zu den USA unter Präsident Donald Trump suchen immer mehr westliche Staaten den Schulterschluss mit Peking. Trumps „America First“-Politik, aggressive Zollandrohungen und wiederholte Angriffe auf europäische Partner haben das Vertrauen in die transatlantischen Beziehungen erschüttert.
Europas Blick löst sich von Washington
Der Besuch Starmers reiht sich damit in eine Serie ähnlicher Initiativen ein. Bereits im Dezember war Frankreichs Präsident Emmanuel Macron in Peking warm empfangen worden und hatte dort für stabilere Beziehungen zu China geworben. Mitte Januar kam es in Peking dann zu einem hochrangigen Treffen zwischen Kanada und China, erstmals seit Jahren. Der kanadische Premierminister Mark Carney sicherte dabei ein vorläufiges Handelsabkommen, das unter anderem den Import chinesischer Elektroautos nach Kanada sowie die Senkung von Zöllen auf kanadische Produkte wie Rapsöl umfasst. Nur wenige Tage später warb Carney beim Weltwirtschaftsforum in Davos für mehr Unabhängigkeit von den USA.
Zuletzt entsandten auch Irland und Finnland ihre Regierungschefs nach Peking. Auch will Bundeskanzler Friedrich Merz der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt Ende Februar einen Besuch abstatten.
Bruch mit Washington? Europas Suche nach neuen Partnern
Die Entwicklung gilt als Ausdruck einer strategischen Neuorientierung. Europas Regierungen reagierten zunehmend auf eine US-Politik, die unter Präsident Trump nicht mehr als verlässlich, sondern als destabilisierend wahrgenommen werde, schreibt die französische Journalistin und Außenpolitikexpertin Sylvie Kauffmann in der Financial Times. Sie spricht von einer tiefen Vertrauenskrise im transatlantischen Verhältnis. Trump greife nicht nur europäische Interessen, sondern die europäische Identität selbst an: internationale Regeln, territoriale Integrität und liberale Werte.
Indem Washington dieses Vertrauen zerstöre, schwäche es zugleich Europas Sicherheit und steigere Chinas Einfluss. „Der wohlwollende Hegemon ist zum Tyrannen geworden“, schreibt Kauffmann. Europa beginne deshalb erstmals ernsthaft, sich nach neuen Partnern umzusehen.




