Kanadas Premierminister Mark Carney hat Behauptungen der US-Regierung zurückgewiesen, wonach er seine kritischen Äußerungen über die Vereinigten Staaten in einem Telefonat mit Präsident Donald Trump relativiert habe. „Um es absolut klar zu sagen, und ich habe das dem Präsidenten gesagt: Ich meinte, was ich in Davos gesagt habe“, erklärte Carney am Dienstag vor Journalisten in Ottawa mit Blick auf seine aufsehenerregende Rede beim Weltwirtschaftsforum. Zudem verschärfte er seine Kritik an den Vereinigten Staaten noch zusätzlich.
US-Finanzminister Scott Bessent hatte zuvor im US-Sender Fox News behauptet, Carney habe seine Davos-Rede „sehr aggressiv zurückgenommen“, als er am Montag am Telefon mit Trump sprach. Bessent sagte, er sei während des Gesprächs im Oval Office anwesend gewesen.
Carney widersprach dieser Darstellung. Er bestätigte zwar, dass Trump ihn angerufen habe und beide ein „sehr gutes Gespräch“ über verschiedene Themen geführt hätten, darunter die Ukraine, Venezuela und arktische Sicherheit. Eine Kehrtwende habe er jedoch nicht vollzogen.
Kritik an Carneys Verhalten folgte daraufhin aus der kanadischen Opposition. Der konservative Politiker Michael Chong bemängelte im Onlinedienst X, dass Carney keine offizielle Zusammenfassung des Telefonats mit Trump veröffentlicht habe. „Alles, was ich jetzt weiß, ist, dass es zwei Versionen der Ereignisse gibt“, sagte Chong laut dem kanadischen Sender CBC in Ottawa. Auch das Weiße Haus gab keine offizielle Stellungnahme zu dem Gespräch heraus.
Mark Carney: „Fast nichts ist normal in den USA“
Im kanadischen Unterhaus verschärfte Carney laut einem Reuters-Bericht unterdessen seine Rhetorik: „Die Welt hat sich verändert, Washington hat sich verändert. Es gibt fast nichts Normales mehr in den Vereinigten Staaten – das ist die Wahrheit“, sagte er auf Französisch, als er nach der Zukunft der Handelsgespräche gefragt wurde.
In seiner vielbeachteten Rede beim Weltwirtschaftsforum in Davos vergangene Woche hatte Carney argumentiert, dass die von den USA geführte, regelbasierte internationale Ordnung vorbei sei. Mittelmächte wie Kanada müssten sich zusammenschließen, um nicht von Großmächten aufgerieben zu werden. Ohne Trump namentlich zu nennen, sprach Carney von „amerikanischer Hegemonie“ und davon, dass Großmächte wirtschaftliche Verflechtungen als „Waffen“ einsetzten.
Trump reagierte verärgert und erklärte in seiner eigenen Davos-Rede, Kanada existiere nur wegen der Vereinigten Staaten. Später drohte er mit 100-prozentigen Zöllen auf kanadische Importe, sollte Ottawa ein Handelsabkommen mit China abschließen.
US-kanadischer Handelspakt: USMCA-Überprüfung steht bevor
Carney kündigte zudem laut Reuters an, dass die formelle Überprüfung des nordamerikanischen Freihandelsabkommens USMCA in wenigen Wochen beginnen werde. Das Abkommen zwischen den USA, Kanada und Mexiko steht in diesem Jahr zur obligatorischen Überprüfung an. Trump hatte Anfang des Monats erklärt, die USA bräuchten das USMCA nicht, und bezeichnete es als irrelevant.
Derzeit gehen rund 70 Prozent aller kanadischen Exporte in die Vereinigten Staaten. Carney drängt angesichts der US-Zölle auf eine Diversifizierung der Handelsbeziehungen. Er verwies darauf, dass Kanada in sechs Monaten zwölf neue Handelsabkommen auf vier Kontinenten abgeschlossen habe.
Kein Freihandelsabkommen mit China
Finanzminister Bessent kritisierte derweil in dem Fox-News-Interview auch Kanadas jüngste Handelsvereinbarung mit China. Bessent sei „nicht sicher, was sich der Premierminister dabei gedacht hat“. Kanada sei auf die USA angewiesen, und Carney solle das Beste für die kanadische Bevölkerung tun, anstatt seine „globalistische Agenda“ voranzutreiben.
Carney stelle laut einem BBC-Bericht klar, dass Kanada kein Freihandelsabkommen mit China anstrebe und dies „niemals“ in Betracht gezogen habe. Die jüngste Drohung Trumps mit neuen Zöllen von bis zu 100 Prozent bewertete er als Verhandlungstaktik vor den USMCA-Gesprächen.
Streit zwischen USA und Kanada auch um Rüstungsdeal
Der Streit zwischen Washington und Ottawa erstreckt sich auch auf die Rüstungspolitik. US-Botschafter Pete Hoekstra warnte Kanada vor Konsequenzen für das gemeinsame Luftverteidigungsbündnis NORAD, sollte Ottawa einen geplanten Kauf von 88 amerikanischen F-35-Kampfjets nicht fortführen.
„Wenn Kanada diese Fähigkeit nicht mehr bereitstellt, müssen wir diese Lücken füllen“, sagte Hoekstra gegenüber CBC News. Das NORAD-Abkommen müsste in diesem Fall verändert werden. Die USA würden dann öfter eigene Kampfjets in den kanadischen Luftraum schicken.


