Vom Hilfeempfänger zur führenden Verteidigungstechnologie-Macht? Unter Kriegsbedingungen avanciert die Ukraine zum gefragten Anbieter von Drohnentechnologie und militärischem Know-how weltweit. Innerhalb weniger Tage hat Präsident Selenskyj Abkommen mit Norwegen, Deutschland und Großbritannien geschlossen. Auch am Persischen Golf wirkt Kiew inzwischen als gefragter Sicherheitsbroker.
Am Dienstag erst unterzeichneten Selenskyj und der norwegische Ministerpräsident Jonas Gahr Støre in Oslo eine Verteidigungserklärung, die unter anderem die gemeinsame Drohnenproduktion in Norwegen vorsieht. „Angesichts des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine und der erhöhten geopolitischen Instabilität haben wir vereinbart, unsere Verteidigungs- und Sicherheitskooperation zu vertiefen“, erklärte die norwegische Regierung in einer Mitteilung. Norwegen gehört zu den verlässlichsten Unterstützern Kiews und hat zwischen 2023 und 2030 rund 28 Milliarden Dollar an Hilfen eingeplant – eines der großzügigsten Pro-Kopf-Pakete weltweit.
Am selben Tag reiste Selenskyj nach Berlin, wo er mit Bundeskanzler Friedrich Merz ein umfassendes Verteidigungsabkommen unterzeichnete. Deutschland finanziert den Kauf von mehreren hundert Patriot-Raketen des US-Herstellers Raytheon sowie 36 zusätzlichen Abschussvorrichtungen für IRIS-T-Luftabwehrsysteme von Diehl Defence – ein Paket im Wert von rund vier Milliarden Euro, wie der ukrainische Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow erklärte. Kernstück ist ein Joint Venture zur Herstellung von Mittel- und Langstreckendrohnen. Selenskyj zeigte sich bei der gemeinsamen Pressekonferenz zuversichtlich, dass dies „das größte Abkommen dieser Art zumindest in Europa“ werde.
„Keine Verteidigungsindustrie ist innovativer geworden als die ukrainische“, sagte Merz bei derselben Pressekonferenz. Deutschland ist mit rund 55 Milliarden Euro seit 2022 Europas größter militärischer Unterstützer der Ukraine, wie Reuters berichtet.

Die Dimension des Drohnenkriegs verdeutlicht eine Zahl. Allein im März 2026 feuerte Russland laut Angaben des britischen Verteidigungsministeriums rund 6500 Einweg-Angriffsdrohnen auf die Ukraine ab – ein deutlicher Anstieg gegenüber dem Vormonat.
Etwa 75 Prozent der menschlichen Verluste im russisch-ukrainischen Krieg werden nach Angaben des US-Verteidigungsministeriums durch Drohnen verursacht.
Software, Hardware und Schlachtfelddaten als Exportgut
Was die Ukraine Sicherheitskreisen zufolge von anderen Rüstungsnationen unterscheidet, ist die starke Verquickung von Software, Code und Hardware – entwickelt unter dem Druck täglicher Gefechte. Ukrainische Firmen innovieren ständig auf Basis von Echtzeit-Rückmeldungen von der Front. Waffensysteme, die im Kampf versagen, werden sofort aussortiert. Diese Geschwindigkeit und Praxisnähe können westliche Rüstungskonzerne mit ihren jahrzehntelangen Beschaffungszyklen kaum bieten.
Auch die Reichweite ukrainischer Drohnen wächst. Militärbloggern zufolge können sie inzwischen rund 1750 Kilometer weit fliegen. Zum Vergleich: Das wäre wie von Berlin nach Finnland oder ins südliche Spanien. Dazu kommt eine wachsende Palette eigener Langstreckenwaffen – Flamingo, Ruta, Peklo, Neptune, Palianytsia und Vilkha –, die bereits im Einsatz sind.
Ein zentraler Bestandteil des deutsch-ukrainischen Abkommens ist der Austausch von Schlachtfelddaten. Berlin erhält Zugang zu Analysen deutscher Waffensysteme im ukrainischen Einsatz – darunter die Panzerhaubitze 2000, das RCH 155 und IRIS-T – sowie zu Daten aus dem KI-gestützten System Avenger zur Fahrzeugerkennung und dem Gefechtsmanagementsystem Delta, wie Euractiv berichtet. Merz deutete an, dass daraus neue Waffensysteme entstehen könnten, die Europa „ein höheres Maß an Unabhängigkeit“ verschaffen würden.
„Die Ukraine ist ein Plan B für Länder, die Amerika als Plan A hatten“
Besonders augenfällig wurde die neue Rolle der Ukraine an der Straße von Hormus. Als die USA nach Kriegsbeginn gegen den Iran ukrainische Hilfsangebote ablehnten – „Wir brauchen ihre Hilfe bei der Drohnenabwehr nicht“, so Präsident Trump gegenüber Fox News –, wandten sich die Golfstaaten direkt an Kiew.

Die Ukraine entsandte 228 Berater mit Kampferfahrung in der Drohnenabwehr nach Saudi-Arabien, Katar und in die Vereinigten Arabischen Emirate, wie der Economist berichtet. Ende März unterzeichnete Selenskyj mit allen drei Ländern Zehn-Jahres-Sicherheitspartnerschaften.
Ukrainische Abfangdrohnen kosten zwischen 2000 und 5000 Dollar pro Stück und schalten bis zu 90 Prozent der russischen Geran-2-Drohnen aus – einer verbesserten Version der iranischen Shaheds, die 50.000 Dollar kosten. Eine Patriot-Rakete zum Abschuss derselben Drohne kostet dagegen vier Millionen Dollar.
Oleksij Hontscharuk von Uforce, das kürzlich als erstes ukrainisches Verteidigungstechnologie-Unternehmen die Milliardenbewertung überschritt, sagte dem Economist: „Die Ukraine ist ein Plan B für Länder, die Amerika als Plan A hatten.“
Die Golfstaaten bieten der Ukraine zudem einen strategischen Vorteil bei der Beschaffung: China, das der Ukraine Insidern zufolge bestimmte Technologien vorenthält, die es an Russland verkauft, ist für die Hälfte seiner Ölimporte auf arabische Golfstaaten angewiesen – und dürfte ihnen laut Analysen des Economist bereitwillig alles liefern, was sie für gemeinsam mit der Ukraine produzierte Systeme benötigen.
Von Libyen bis Atlanta: Ukrainische Drohnen mittlerweile weltweit im Einsatz
Auch in Afrika ist Kiew aktiv. Laut einer Recherche von Radio France Internationale operieren rund 200 ukrainische Militärangehörige im westlichen Libyen in Koordination mit der Regierung in Tripolis. Sie sind unter anderem an der Luftwaffenakademie in Misrata stationiert und haben Zugang zu Drohnenstartgebieten nahe dem Mellitah-Öl- und Gaskomplex.
Ukrainische Kräfte sollen laut dem Bericht Angriffe auf russisch verknüpfte Schiffe vor der libyschen Küste durchgeführt haben – bei einem dieser Angriffe wurde möglicherweise der russische Geheimdienstoffizier Andrej Awerjjanow getötet, wie das israelische Nachrichtenportal i24News unter Berufung auf libysche Quellen berichtet.
Auf der anderen Seite des Atlantiks gewann das britisch-ukrainische Unternehmen Skycutter den ersten „Gauntlet“-Wettbewerb des US-Verteidigungsministeriums für Angriffsdrohnen in Fort Benning, Georgia – mit einer Gesamtbewertung von 99,3 von 100 Punkten, wie Axios berichtet. Der Zweitplatzierte, das kalifornische Start-up Neros, erreichte 87,5 Punkte.
Skycutter trat mit der Shrike 10-F an, einer FPV-Drohne (First Person View), die über Glasfaserkabel gesteuert werden kann und damit gegen elektronische Störung immun ist. Die Drohne entstand in Zusammenarbeit mit SkyFall, einem ukrainischen Hersteller, der laut Skycutter-Betriebsdirektor Vincent Gardner 123.000 Einheiten pro Monat produziert – eine alle 23 Sekunden.
„Viele Teilnehmer kamen mit überentwickelten Lösungen“, sagte Gardner gegenüber Axios. „Diese Drohnen sind wie mechanische Wespen.“

Europas Rüstungsindustrie unter Druck
Die ukrainische Innovationsgeschwindigkeit stellt Europas etablierte Rüstungsindustrie vor ein kulturelles Problem. Sicherheitskreise weisen im Gespräch mit der Berliner Zeitung darauf hin, dass europäische Verteidigungsministerien und traditionelle Rüstungskonzerne noch immer in Kategorien von 30-Jahres-Programmen mit aufwendigen Regulierungsprozessen denken. In der Ukraine dagegen gibt es eine direkte Verbindung zwischen Produzenten und Frontsoldaten.
Wie groß die Kluft ist, zeigten die Äußerungen von Armin Papperger, Chef des deutschen Rüstungskonzerns Rheinmetall, in einem Interview mit dem Magazin The Atlantic Ende März. Papperger verglich ukrainische Drohnentechnologie mit „Lego spielen“ und sagte, sie werde von „Hausfrauen“ mit „3D-Druckern in der Küche“ hergestellt.
Die Gegenreaktion war heftig. Rheinmetall entschuldigte sich laut Economist umgehend und bezeichnete die ukrainische „Innovationskraft und den Kampfgeist“ als „Inspirationsquelle“. Pappergers eigenes Skyranger-Drohnenabwehrsystem, das von der Bundeswehr bestellt wurde, liegt mindestens 16 Monate hinter dem Zeitplan.
2025 unterzeichneten europäische und ukrainische Unternehmen laut Economist mehr als 20 Kooperationsvereinbarungen – fast doppelt so viele wie 2024. Im Februar 2026 gründeten vier ukrainische Rüstungshersteller Joint Ventures mit Firmen aus Dänemark, Finnland und Lettland zur Entwicklung von Drohnentechnologie. Ende März genehmigte die Europäische Kommission ein 1,7-Milliarden-Dollar-Programm zur Integration der ukrainischen Verteidigungsindustrie in Europas industrielle Basis.

Nicht mehr nur Empfänger, sondern Exporteur
Selenskyj machte in Berlin deutlich, dass die Ukraine sich nicht mehr nur als Empfänger westlicher Hilfe versteht, sondern zunehmend als sicherheitspolitischer Akteur mit eigenem strategischem Gewicht. „Unsere Erfahrungen können in das europäische Sicherheitssystem einfließen“, sagte er bei der Pressekonferenz mit Merz. „Sie haben sich als wertvoll erwiesen – auch im Nahen Osten.“
Ähnlich argumentierte Andrij Sahorodnjuk, ehemaliger ukrainischer Verteidigungsminister und Vorsitzender der ukrainischen Denkfabrik Centre for Defence Studies, gegenüber dem Economist. Entscheidend sei, dass andere Staaten die Ukraine nicht allein als Hilfeempfänger wahrnähmen, sondern als „einzigartig wertvollen Sicherheitspartner“.
Tatsächlich sprechen viele Entwicklungen dafür, dass die Ukraine in einzelnen Bereichen militärisch-technologischer Innovation beträchtliche Fähigkeiten aufgebaut hat: die Produktion von Millionen FPV-Drohnen pro Jahr, eigene Langstreckensysteme, KI-gestützte Gefechtsmanagementsysteme, Marinedrohnen gegen die russische Schwarzmeerflotte sowie der verstärkte Einsatz unbemannter Bodensysteme.
Mit einem Ende des Krieges dürften diese Fähigkeiten nicht einfach verschwinden. Vielmehr ist absehbar, dass sich Teile der ukrainischen Rüstungs- und Sicherheitsindustrie dauerhaft etablieren könnten – nicht nur in der Produktion, sondern auch in Beratung, Ausbildung und Technologietransfer.




