Vier Jahre nach Beginn des russischen Großangriffs hat sich die ukrainische Rüstungsindustrie grundlegend verändert. Was einst aus improvisierten Drohnenprojekten von IT-Ingenieuren bestand, entwickelt sich zunehmend zu einem professionellen, kapitalgetriebenen Sektor.
Nach Schätzungen der Kyiv School of Economics ist der Markt inzwischen rund 6,8 Milliarden US-Dollar schwer – etwa sechsmal so groß wie noch 2021. Rund 1200 private Unternehmen sind aktiv, mehr als doppelt so viele wie noch vor zwei Jahren.
Ein zentraler Treiber ist die Drohnenproduktion. 2025 stellte die Ukraine rund 4,5 Millionen Drohnen her – ein drastischer Anstieg gegenüber 300.000 im Jahr zuvor. Damit liegt die Produktion deutlich über den Planungen der USA, die über zwei Jahre hinweg rund 300.000 kleine Drohnen herstellen wollen.
Investoren entdecken den Krieg als Markt
Parallel wächst das Interesse internationaler Investoren. Laut der Kyiv School of Economics stiegen die Investitionen von knapp 30 Millionen US-Dollar im Jahr 2024 auf rund 129 Millionen US-Dollar im vergangenen Jahr. Die tatsächlichen Summen dürften deutlich höher liegen, da viele Deals aus Sicherheitsgründen nicht öffentlich gemacht werden.
Besonders gefragt sind der Analyse zufolge Technologien im Bereich künstliche Intelligenz und unbemannte Systeme. Systeme, bei denen ein Pilot mehrere Drohnen gleichzeitig steuern kann, gelten als besonders vielversprechend.
Ein Meilenstein: Das KI-Drohnenunternehmen Swarmer wurde im März als erstes ukrainisches Rüstungs-Start-up an der US-Technologiebörse Nasdaq gelistet. Seitdem stieg der Aktienkurs laut Bericht um mehr als 48 Prozent. Auch prominente Investoren steigen ein. Netflix-Mitgründer Reed Hastings beteiligt sich etwa an einem US-ukrainischen Fonds, der gezielt Militärtechnologie fördern soll.
Internationale Deals und strategische Partnerschaften
Die Branche wird zunehmend global vernetzt. So sicherte sich der Drohnenhersteller General Cherry Produktionsstandorte in den USA. Gleichzeitig schloss die Ukraine langfristige Rüstungsabkommen mit mehreren Golfstaaten.
Auch Japan engagiert sich erstmals direkt: Das Unternehmen Terra Drone investierte in den ukrainischen Hersteller Amazing Drones, um Abfangdrohnen weiterzuentwickeln – vor dem Hintergrund wachsender Spannungen in Ostasien.
Für Washington gewinnt die Branche ebenfalls strategische Bedeutung. Mit Sine Engineering wurde erstmals ein Rüstungsprojekt in den US-ukrainischen Wiederaufbaufonds aufgenommen.
Wenige große Player dominieren den Markt
Trotz des Booms zeigt sich eine klare Entwicklung: Der Markt konzentriert sich zunehmend auf wenige große Anbieter. Nach Angaben von Branchenvertretern stehen nur wenige Dutzend Unternehmen tatsächlich marktreif bereit. Eine Handvoll Firmen produziert rund 80 Prozent aller Drohnen.
Diese Entwicklung führt zu Übernahmen und Fusionen. Größere Unternehmen kaufen kleinere auf, um Produktion und Technologie zu bündeln. Deals mit einem Volumen von über 20 Millionen US-Dollar seien inzwischen möglich, sagte Jan-Erik Saarinen, Mitgründer der Investmentfirma Double-Tap Investments, dem Kyiv Independent. Vor zwei Jahren sei das noch undenkbar gewesen.
Auch das ukrainische Verteidigungsministerium treibt diese Konsolidierung voran. Ziel ist es, ineffiziente Anbieter aus dem Markt zu drängen und die Vielzahl unterschiedlicher Drohnentypen zu reduzieren.
Kritik an staatlichem Einfluss und Vetternwirtschaft
Aus Teilen der Branche kommt deutliche Kritik. Einige Vertreter warnen, der Markt entwickle sich zunehmend zu einem Netzwerk politischer Abhängigkeiten. Staatliche Aufträge gingen nicht immer an die besten Anbieter, sondern häufig an Unternehmen mit guten Kontakten in die Regierung, sagte ein Insider dem Kyiv Independent.
Er sprach von einem „Patronagenetzwerk“, in dem persönliche Beziehungen wichtiger seien als Qualität oder Preis. Andere warnen vor einer „oligarchischen“ Struktur, in der wenige Akteure den Markt dominieren.
Hinzu kämen strukturelle Probleme. Unternehmen dürfen dem Bericht zufolge ihre Produkte bislang nur eingeschränkt exportieren. Gleichzeitig seien Gewinnmargen bei Verkäufen an das ukrainische Militär auf 25 Prozent begrenzt. Das erschwere Investitionen in Forschung und Entwicklung. Einige Firmen würden laut dem Kyiv Independent deshalb darüber nachdenken, ins Ausland abzuwandern. „Es ist viel einfacher, Investoren in Großbritannien zu finden als in der Ukraine“, sagte ein Unternehmer, der anonym bleiben wollte.
Hoffnung auf Zukunftsindustrie nach dem Krieg
Trotz der Probleme sehen viele Beobachter erhebliches Potenzial. Die Branche könnte nach dem Krieg zu einem zentralen Pfeiler der ukrainischen Wirtschaft werden, sagte Nataliia Mykolska, Geschäftsführerin des Branchenverbands Diia.City United, dem Kyiv Independent. Voraussetzung sei jedoch, dass Fachkräfte im Land bleiben und Investoren langfristig Vertrauen fassen. Programme wie Diia.City, die steuerliche Vorteile bieten, sollen dabei helfen.
Auch Investoren verweisen auf mögliche zivile Anwendungen. Technologien, die heute auf dem Schlachtfeld entstehen, könnten künftig etwa in der Logistik oder Infrastruktur eingesetzt werden.



