Die jüngste Eskalation im Libanon wirft eine zentrale Frage auf: Handelt die Regierung unter Benjamin Netanjahu gezielt gegen die diplomatischen Bemühungen zwischen den USA und dem Iran? Vieles spricht dafür. Denn die massiven Angriffe der vergangenen Tage fallen nicht nur zeitlich mit der angekündigten Waffenruhe zusammen, sie stellen diese auch faktisch infrage.
So griff Israel am Mittwoch nach eigenen Angaben in nur zehn Minuten mehr als 100 Ziele im Libanon an, der „größte koordinierte Angriff“ seit Beginn der Hisbollah-Beteiligung am Krieg. Getroffen wurden auch zivile Wohngebiete in Beirut. Laut libanesischem Gesundheitsministerium starben mindestens 182 Menschen, rund 900 weitere wurden verletzt.
Angriff im Schatten der Diplomatie
Nur Stunden zuvor war eine Waffenruhe zwischen den USA und dem Iran verkündet worden. Nach Darstellung mehrerer Beteiligter sollte sie ausdrücklich auch den Libanon umfassen. Der pakistanische Premierminister Shehbaz Sharif, der als Vermittler fungierte, hatte dies öffentlich erklärt.
Netanjahu widersprach und ließ unmittelbar darauf die schwersten Angriffe seit Beginn der Eskalation folgen. Für Teheran ist das ein direkter Bruch der Vereinbarung. Der Iran drohte umgehend, die Waffenruhe aufzukündigen, sollte der Libanon nun nicht einbezogen werden.
Die Reaktionen nach den israelischen Angriffen auf den Libanon fielen ungewöhnlich deutlich aus. UN-Generalsekretär António Guterres zeigte sich „zutiefst alarmiert“ über die zivilen Opfer und warnte vor einer ernsthaften Gefährdung der Waffenruhe. Der UN-Menschenrechtskommissar Volker Türk bezeichnete das Ausmaß der Zerstörung als „entsetzlich“ und warnte, die ohnehin fragile Lage werde weiter destabilisiert.
Frankreichs Präsident Emmanuel Macron sowie die Regierungen Spaniens, Griechenlands und Australiens verurteilten die israelischen Angriffe scharf und machten deutlich, dass der Libanon Teil eines Waffenstillstands sein müsse. Der griechische Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis sprach von einer „kontraproduktiven“ Offensive, die der Hisbollah neue Legitimität verschaffe. „Freunde müssen Freunden die Wahrheit sagen“, sagte Mitsotakis, der ein enges Verhältnis zu Netanjahu hat.
Politisches Kalkül in Tel Aviv
Die Eskalation wirkt vor diesem Hintergrund nicht wie eine isolierte militärische Entscheidung, sondern wie ein gezielter Eingriff in einen laufenden diplomatischen Prozess.
Denn die geplanten Gespräche zwischen Washington und Teheran stehen ohnehin auf unsicheren Grundlagen. Der Iran geht mit Maximalforderungen in die Verhandlungen, von Sanktionserleichterungen über wirtschaftliche Kompensationen bis hin zu einer stärkeren Rolle im strategisch entscheidenden Verkehr durch die Straße von Hormus.
Gleichzeitig scheint auf amerikanischer Seite eine klare Strategie zu fehlen. Einerseits scheint Donald Trump möglichst schnell aus dem Krieg aussteigen zu wollen, der nicht so verläuft, wie er ursprünglich erhofft hatte. Andererseits kündigte er an, dass US-Militärschiffe, Flugzeuge und Personal in der Nähe des Iran verbleiben würden, bis eine „echte Vereinbarung“ erzielt sei. Andernfalls würden die Kämpfe „größer, besser und stärker als je zuvor“ wieder aufgenommen.
Diese Konstellation eröffnet Netanjahu ein politisches Fenster. Eine Annäherung zwischen den USA und dem Iran würde Israels Position schwächen. Indem Israel die Lage im Libanon eskalieren lässt, wird genau dieser diplomatische Prozess destabilisiert. Die israelische Regierung dürfte also versuchen, die Konfrontation aufrechtzuerhalten und eine politische Lösung zu verhindern, die aus ihrer Sicht nachteilig wäre.
Noch deutlicher wird dieses Kalkül beim Blick auf die Entstehung des Krieges selbst. Ein aktueller Bericht der New York Times zeichnet ein bemerkenswertes Bild der Entscheidungsprozesse in Washington.
Demnach war es Netanjahu, der Trump maßgeblich zum Angriff auf den Iran bewegte. Am 11. Februar präsentierte er in einer geheimen Sitzung im Situation Room im Weißen Haus ein Vier-Punkte-Konzept: gezielte Tötungen iranischer Führung, die Zerstörung militärischer Kapazitäten, ein Volksaufstand und schließlich ein Regimewechsel. Besonders die letzten beiden Punkte stießen auf massive Skepsis. Außenminister Marco Rubio soll sie als „Bullshit“ bezeichnet haben.
Trotz dieser Warnungen ließ sich Trump überzeugen. Der Bericht beschreibt eine Entscheidungsfindung, bei der der Präsident vor allem das hörte, was seine Intuition bestätigte. Kritische Stimmen – insbesondere die von Vizepräsident JD Vance, der den Krieg für einen Fehler hielt – fanden kaum Gehör.
Heute soll aber ausgerechnet Vance die Verhandlungen mit dem Iran führen, was Teheran in eine strategisch günstige Position bringt: Sie wissen, dass ihr Gegenüber kein Interesse an einer weiteren Eskalation hat.
Für Netanjahu ist der Krieg mehr als ein sicherheitspolitisches Anliegen. Kritische Stimmen in Israel, wie der Journalist Gideon Levy, betonen, dass der Sturz des iranischen Systems Netanjahus politisches Lebensziel ist und der Krieg ein Mittel zur Machtsicherung. Denn innenpolitisch steht er unter Druck: wegen der Aufarbeitung des 7. Oktober, wegen Korruptionsvorwürfen und wegen ausbleibender militärischer Erfolge. Ein andauernder Konflikt stabilisiert in diesem Kontext seine Position, schwächt die Opposition und verschiebt politische Konfliktlinien.
Verfehlte Ziele, neue Eskalation
Gerade deshalb wäre ein möglicher Deal zwischen den USA und dem Iran ein Problem für Netanjahu. Denn die bislang diskutierten Grundlagen könnten den Iran wirtschaftlich und politisch stabilisieren.
Damit droht genau das Gegenteil dessen, was Netanjahu als Kriegsziel formuliert hatte: die Zerstörung des iranischen Atom- und Raketenprogramms sowie die Schaffung von Bedingungen für einen Regimewechsel.




