„Eine Seite ist praktisch vernichtet. Niemand weiß, wer die andere Seite ist. Aber ich weiß es. Wissen Sie, wer es ist? Die Türkei. […] Erdogan ist ein sehr kluger und sehr harter Mann. Die Türkei hat eine feindliche Machtübernahme durchgeführt, ohne nennenswerte menschliche Verluste zu erleiden“, sagte US-Präsident Donald Trump im Dezember 2024 unmittelbar nach dem Sturz des Regimes von Baschar al-Assad in Syrien.
Seitdem bezieht die amerikanische Regierung die Türkei konsequent in die Diskussionen über die Lage in Syrien und dessen Zukunft ein. Tom Barrack, der neue US-Botschafter in Ankara, im Mai 2025 ernannt, fungiert zugleich als Trumps Sondergesandter für Syrien.
Welche Rolle spielt die Türkei in Syrien?
Unter anderem erreichte die Türkei, die über ein Jahrzehnt lang bewaffnete Rebellen unterstützt hatte, die in Damaskus an die Macht gelangten, im vergangenen Jahr die Aufhebung der Sanktionen gegen Syrien.
Darüber hinaus war der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan einer der Initiatoren des Treffens zwischen dem syrischen Interimspräsidenten Ahmed al-Scharaa und Trump im vergangenen Mai in Riad. Erdogan nahm per Telefon an dem Gespräch teil.
Ankara ebnete zudem den Weg für ein Abkommen zwischen Washington und Damaskus über Syriens Beitritt zur US-geführten Anti-Terror-Koalition. Der türkische Außenminister Hakan Fidan hielt sich während al-Scharaas Besuch im November ebenfalls in Washington auf.
Die Türkei spielt zudem eine Schlüsselrolle bei der Lösung der Kurdenfrage in Syrien. Für Ankara, das die kurdischen bewaffneten Gruppen der Demokratischen Kräfte Syriens (SDF) als Terroristen und Bedrohung der eigenen Sicherheit betrachtet, war deren Zerschlagung von zentraler Bedeutung.
Washington, das an der Gründung der SDF beteiligt war, hatte die syrischen Kurden über Jahre unterstützt und ihren Forderungen nach Autonomie innerhalb des syrischen Staates entsprochen. Nachdem die Behörden in Damaskus mit Unterstützung Ankaras begannen, Druck auf die Kurden auszuüben und deren Integration zu erzwingen, schenkte auch die US-Regierung den türkischen Positionen zunehmend Gehör.
„Türkei kann zum Zentrum dieser Entwicklung werden“
Ankara konnte auch den Kreml von seiner Politik überzeugen, das die syrischen Kurden zuvor unterstützt hatte. 2016 wurde sogar eine Repräsentanz von Rojava (Syrisch-Kurdistan) in Moskau eröffnet. „Russland und die Türkei vertreten derzeit ähnliche Positionen gegenüber den SDF“, erklärte der in Moskau lebende türkische Politikwissenschaftler Ümit Nazmi Hazır gegenüber der Berliner Zeitung. „Russland ist keine Macht mehr, die in Syrien eine Hegemonie errichten kann“, fügte er hinzu.
Für Washington gilt die Türkei zunehmend als Vorbild für eine neue Nahostpolitik. Im Juli lobte Botschafter Barrack das Millet-System des Osmanischen Reiches und dessen Umgang mit religiösen Minderheiten. „Ich sehe darin ein Modell für das, was im Nahen Osten und weltweit geschehen sollte. Und ich denke, die Türkei kann zum Zentrum dieser Entwicklung werden“, sagte er.

Eine der obersten Prioritäten der USA im Nahen Osten bleibt die Sicherheit Israels. Nun hört Washington auch auf Ankara. Da die USA kein Interesse an einer direkten Konfrontation zwischen Israel und der Türkei in Syrien haben, gelang es, die Spannungen zwischen beiden Seiten abzubauen.
Israels Bedenken wurden teilweise durch einen direkten, von Ankara und Washington unterstützten Dialog mit Damaskus ausgeräumt. So vereinbarten die syrischen Behörden Anfang Januar – kurz vor der Offensive gegen die Kurden – mit Israel die Einrichtung eines Mechanismus zum Austausch geheimer Informationen.
Gaza: Zwischen Frieden und neuem Krieg
Ein weiteres zentrales Thema, bei dem Trump derzeit auf Ankara hört, ist der Krieg im Gazastreifen. Einerseits gilt Erdogan als überzeugter Unterstützer der Hamas und ist selbst mit dem politischen Islam verbunden. Er bezeichnet palästinensische Radikale ausschließlich als „Freiheitskämpfer“ und ruft öffentlich: „Möge Allah Israel vernichten!“
Andererseits handelt es sich dabei um eine gezielte PR-Strategie und den Versuch, Sympathien nicht nur innerhalb der Türkei, sondern in der gesamten muslimischen Welt zu mobilisieren. Der türkische Präsident strebt keinen offenen Krieg mit Israel an – schon gar nicht um den Preis wirtschaftlicher Verluste. Die Türkei bleibt ein wichtiges Transitland für Öl nach Israel, und türkische Handelsschiffe laufen weiterhin israelische Häfen an.
Gleichzeitig machte Erdogans aggressive Rhetorik ihn zu einer Ikone unter Muslimen weltweit. Dieser Umstand, gepaart mit den engen Beziehungen zur Hamas, war ausschlaggebend dafür, ihn in die Vermittlungsbemühungen zwischen Israelis und Palästinensern einzubeziehen.
So war Erdogan im vergangenen September ein zentraler Teilnehmer an Trumps Treffen mit muslimischen Führern im Weißen Haus, bei dem über ein Friedensabkommen für den Gazastreifen beraten wurde. In der Folge spielte die Türkei eine Schlüsselrolle dabei, die Hamas zu Zugeständnissen bei Waffenstillstand und Geiselfreilassungen zu bewegen.
„Ich möchte Präsident Erdogan von der Türkei unseren aufrichtigen Dank aussprechen. Er ist immer für mich da, wenn ich ihn brauche. Er ist ein sehr starker Mann – unglaublich stark –, und wir lieben ihn“, sagte Trump im Oktober in Scharm el-Scheich bei der Unterzeichnung der Erklärung zur Beendigung des Krieges im Gazastreifen. Erdogan unterzeichnete das Dokument gemeinsam mit den Staatschefs Katars und Ägyptens im Namen der muslimischen Welt.
Im Januar wurde die Türkei zu einem zentralen Akteur in der zweiten Phase von Trumps Gaza-Friedensplan. Außenminister Fidan wurde Mitglied des Gaza Executive Board. Ankaras Hauptaufgabe besteht darin, Druck auf die Hamas auszuüben und die Entwaffnung palästinensischer Radikaler voranzutreiben.
Bislang ist es jedoch weder der Türkei noch einem anderen islamischen Akteur gelungen, die Hamas zum Verlassen des Gazastreifens zu bewegen. Ankara betont zudem regelmäßig, dass eine Fremdverwaltung des palästinensischen Gebiets inakzeptabel sei. „Gaza muss von seinen Bewohnern regiert werden. Die Grenzen Gazas dürfen nicht verändert werden. Der Wiederaufbau Gazas muss den Bewohnern zugutekommen“, erklärte Fidan vor wenigen Tagen.

Gleichzeitig gilt die Türkei als Zufluchtsort für Hamas-Funktionäre. Während sich die militärische Führung der Organisation im Gazastreifen aufhält, ist die politische Führung über mehrere Länder – darunter auch die Türkei – verteilt.
Zudem machten Hamas-Kämpfer in den vergangenen Monaten durch Patrouillen und gezielte Hinrichtungen von Gegnern deutlich, dass sie nicht gewillt sind, Gaza zu verlassen. Die Wiederherstellung von Ordnung ist daher entweder durch erneute Kampfhandlungen oder durch Dialog möglich – letzteres wird ohne Vermittler wie die Türkei kaum gelingen.
Risikominimierung im Iran
In den vergangenen Tagen rückte die Türkei auch wegen der Spannungen um den Iran verstärkt in den Fokus. Am 27. Januar bot Erdogan in einem Telefonat ein Treffen mit dem iranischen Präsidenten Massud Peseschkian an. Außenminister Fidan bemüht sich ebenso intensiv um Deeskalation. Er führte bereits Gespräche mit seinem iranischen Amtskollegen Abbas Araghchi sowie mit Trumps Sondergesandtem Steve Witkoff.
Die Entsendung zusätzlicher US-Truppen in den Nahen Osten deutet auf den amerikanischen Wunsch nach einem Angriff auf den Iran hin. Die Ziele eines solchen Militärschlags bleiben jedoch unklar. Klar ist jedoch: Militärische Mittel allein würden kaum zum Sturz der Mullahs in Teheran führen, sondern vielmehr eine Gegenreaktion und weitere Eskalation auslösen.
Ein Angriff auf den Iran wäre für Israel akzeptabel. Trump kann jedoch die Positionen der muslimischen Welt nicht vollständig ignorieren. Im vergangenen Mai unternahm er seine erste Auslandsreise in die Golfregion und schloss in Saudi-Arabien, Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten milliardenschwere Verträge ab.
Die scharfe Reaktion der islamischen Welt auf Israels Angriffe auf ein Hamas-Büro in Katar im September zwang Washington, die Gaza-Verhandlungen zu beschleunigen und Druck auf Israel auszuüben. Seitdem berücksichtigt Trump auch die Bedenken arabischer Staaten und der Türkei, für die jede weitere Eskalation eine enorme Belastung darstellen würde.
Ankara zeigt sich bereit, erneut als Brücke zwischen Iran und Westen zu fungieren – sowohl zur Deeskalation als auch zur langfristigen Normalisierung. „Verhandlungen ebnen den Weg für die Aufhebung der Sanktionen gegen den Iran und seine Integration in das globale Wirtschaftssystem. Davon würden alle Seiten profitieren“, erklärte Fidan nach seinem Treffen mit Araghchi.
Gleichzeitig sind grundlegende Veränderungen derzeit unwahrscheinlich. „Die Handlungsspielräume im Umgang mit dem Iran sind sehr begrenzt“, sagte der türkische Politologe Hasan Selim Özertem der Berliner Zeitung und verwies auf die schwere innenpolitische Krise sowie außenpolitische Rückschläge Teherans, insbesondere in Syrien und im Libanon.
Die iranischen Streitkräfte sind in Alarmbereitschaft, die USA jederzeit zum Angriff bereit. Die Chancen auf eine diplomatische Lösung sind gering – doch Ankara versucht zumindest, einen Krieg zu verhindern. „Die Türkei setzt auf Risikominimierung. Wie in Syrien oder Gaza ist sie auch im Fall des Irans bereit, zur Deeskalation beizutragen und Konflikte diplomatisch zu lösen“, so Özertem.






