Friedrich Merz ist aus China zurück. Drei Tage Peking und Hangzhou, dreißig DAX-Chefs im Schlepptau, militärische Ehren, Verbotene Stadt, Roboterfabriken. Die Bilder zeigten einen Kanzler auf Augenhöhe. Die Fakten dahinter erzählen von einem deutschen Land, das seinen Hebel gegenüber Peking überschätzt.
Laut dem Statistischen Bundesamt war China 2025 mit einem Handelsvolumen von 251,8 Milliarden Euro Deutschlands größter Handelspartner. Damit löst das Reich der Mitte die USA ab, die 2024 der wichtigste Handelspartner Deutschlands waren. Doch die Struktur verschiebt sich weiter zulasten Berlins. Gegenüber 2024 stiegen die Importe aus China 2025 um 8,8 Prozent auf 170,6 Milliarden Euro. Gleichzeitig sanken die deutschen Exporte dorthin um 9,7 Prozent auf 81,3 Milliarden Euro. Das bilaterale Handelsdefizit weitete sich damit auf 89,3 Milliarden Euro aus.
Der IW-Ökonom Jürgen Matthes spricht von einem „China-Schock“. China ist als Exportmarkt auf Rang sechs zurückgefallen, während chinesische Unternehmen laut DIHK in Schlüsselbranchen der deutschen Industrie zu ernstzunehmenden Konkurrenten aufgestiegen sind.
Wahlkampfrhetorik trifft auf Pekings Geduld
Noch im Wahlkampf hatte Merz China in eine „Achse der Autokratien“ eingereiht. Auf der Münchner Sicherheitskonferenz Mitte Februar schlug er einen anderen Ton an. In einem Gastbeitrag für Foreign Affairs plädierte er für eine „reifere“ Beziehung zu China. Eine Wortwahl, die der kanadische Premier Mark Carney kurz zuvor in Davos ähnlich verwendet hatte. In Stuttgart beim CDU-Parteitag folgte der wirtschaftspolitische Nachtrag: „Wir brauchen Wirtschaftsbeziehungen in der ganzen Welt, und dazu zählt auch ein Land wie China.“
Jörg Wuttke, jahrzehntelang BASF-China-Chef und früherer Präsident der Europäischen Handelskammer in Peking, war vor der Reise bei einem Vorbereitungsessen im Kanzleramt. Der Kanzler habe viele Fragen gestellt und sich aufmerksam Notizen gemacht, sagte Wuttke der FAZ. „Ich hatte nicht den Eindruck, dass er eine vorgefestigte Meinung hat.“ Wuttke, der seit anderthalb Jahren als Berater in Washington arbeitet, vermutete, Merz werde sich Carneys Position annähern, ohne ganz so weit wie der Kanadier zu gehen.
Mikko Huotari, Direktor des Mercator Instituts für China-Studien (Merics), erwartete in einer Videokonferenz mit Journalisten ebenfalls „keinen vollständigen Carney“. Kanada werde von den USA als „Abrissbirne der internationalen Beziehungen“ härter getroffen, dort sei die Dringlichkeit höher. Einen „wirtschaftlich orientierten Pragmatismus“ sah er dennoch kommen.

Pekings kalkulierte Geduld
Chinas Außenminister Wang Yi hatte die Bühne bereits in München bei der Sicherheitskonferenz bereitet. Er warb bei europäischen Diplomaten dafür, China und Europa als „Partner, nicht Gegner“ zu begreifen, und stellte Interdependenz nicht als Risiko, sondern als Stabilitätsfaktor dar. In der offiziellen chinesischen Darstellung des Treffens mit Merz hieß es entsprechend, Deutschland solle als „Booster“ der chinesisch-europäischen Kooperation und als „stabilisierender Anker“ der strategischen Beziehungen wirken.
Das klingt nach Partnerschaft. Tatsächlich ist es eine Rollenzuweisung: Deutschland soll Europa in Richtung Nachgiebigkeit ziehen, Peking im Gegenzug Zugang zu Märkten und Technologie gewähren. Dass China die Geduld aufbringt, mit Berlin zu reden, ist kein Entgegenkommen – es ist Statusmanagement. In seiner Regierungserklärung vom Mai 2025 hatte Merz die Bruchlinie markiert: Er sehe „zunehmend Elemente systemischer Rivalität“ und nannte die „wachsende Nähe zwischen Peking und Moskau“ eine erhebliche Sorge. Deutschland werde mit Bestimmtheit darauf drängen, dass China zur Beilegung des Krieges in der Ukraine beitrage. Ob diese Bestimmtheit in Peking auf mehr als höfliches Nicken stieß, war nach der Reise nicht erkennbar.
Eine China-Strategie, die ein Papiertiger bleibt
De-Risking – die gezielte Reduzierung kritischer Abhängigkeiten – war der Kern der China-Strategie der Ampel von 2023. Merz übernahm die Linie. Merics-Chef Huotari stellte jedoch fest: „Eine De-Risking-Agenda materialisiert sich nicht.“ Deutsche Unternehmen investierten 2025 laut IW Köln sieben Milliarden Euro neu in China – deutlich mehr als in den Vorjahren. Matthes sagte dem Manager Magazin, zu viele Unternehmen gingen „fahrlässig“ mit kritischen Importabhängigkeiten um.

Die Verwundbarkeiten sind konkret. China dominiert laut DIHK über 90 Prozent der weltweiten Verarbeitung Seltener Erden – ohne die weder Smartphones noch Windräder funktionieren. Seit April 2025 beschränkt Peking den Export. Deutsche Firmen erhalten nur so viel, wie sie unmittelbar brauchen, Lageraufbau ist unmöglich. In vielen Industrien hätten Produktionsstopps gedroht, so die DIHK. Esther Goreichy vom Merics sagte dem Manager Magazin, die Automobilindustrie sei bei Batterien stark von chinesischen Zulieferungen abhängig, ebenso Rüstungsindustrie und erneuerbare Energien. Deutschland müsse schnell Risiken mindern – sonst werde es teurer.
Nach seinem Pekingbesuch reiste Merz nach Hangzhou. Er besuchte als erster westlicher Regierungschef den Robotik-Hersteller Unitree sowie Siemens Energy und traf den Parteisekretär der Provinz Zhejiang, Wang Hao. Hangzhou ist Chinas Vorzeigestadt für KI-gestützte Urbanität, bekannt für „City Brain“, ein Verkehrsmanagementsystem mit stadtweiter Datenerfassung – ein System, das Effizienz verspricht, aber mit umfassender Datensammlung einhergeht.
China zeigte dem Gast gezielt, wie weit das Land in Technologien vorangeschritten ist, bei denen sich Deutschland Führungsansprüche einredet. DIHK-Hauptgeschäftsführerin Helena Melnikov sagte der FAZ, während früher China von Deutschland gelernt habe, könne jetzt umgekehrt China Partner für Deutschland sein.
DIHK-Präsident Peter Adrian sagte dem Manager Magazin, für Unternehmen ergäben sich Chancen durch Chinas Innovationskraft – dem stünden aber Risiken gegenüber, „etwa durch staatliche Eingriffe und ungleiche Wettbewerbsbedingungen“.
In Berlin gehen die Meinungen auseinander. Jürgen Hardt, außenpolitischer Sprecher der Unionsfraktion, forderte in der FAZ, den chinakritischen Kurs beizubehalten. „Wer es nicht schafft, die russische Aggression als solche zu benennen und stattdessen Putins Armee ausrüstet, ist kein politischer Partner“, sagte Hardt. Er sprach sich für ein Moratorium für Zukäufe chinesischer Unternehmen aus und warnte davor, beim Mobilfunkstandard 6G erneut subventionierte chinesische Komponenten zu verbauen.
Armand Zorn, wirtschaftspolitischer Fraktionsvize der SPD, forderte in der FAZ „Spiegelbildlichkeit“. China würde nicht akzeptieren, dass ein europäisches Konsortium die Mehrheit am Hafen von Shanghai erwirbt. Melnikov dagegen zeigte sich pragmatischer: „Wir können im Moment jeden Partner gebrauchen, den wir bekommen können.“
Ein Anfang – aber wofür?
Die Reise war ein Anfang. Merz hat Gesprächskanäle bedient, die De-Risking-Linie rhetorisch bestätigt. Doch ob diese drei Tage nur taktisches Krisenmanagement waren oder der Beginn einer kohärenten China-Politik, bleibt offen.




