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„Wir fahr’n auf Feuerrädern / Richtung Zukunft durch die Nacht“, sang Nena in den Achtzigerjahren. Soeben begann in China das Jahr des Feuerpferdes, und erstmals reist der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz in die Volksrepublik. Die Berliner Zeitung zitierte einen Professor vom Institut für Deutsche Studien an der Tongji-Universität in Shanghai, der die bevorstehende Staatsvisite mit dem Satz kommentierte: „Merz kommt im Jahr des Feuerpferdes auf dem Maulesel nach China.“
Lautmalerei ist ein Markenzeichen chinesischen Sprechens, die Betonung von Silben und Tönen macht den Unterschied. Ob Professor Hu Chunchun also den Fokus auf das „Maul“ oder auf den „Esel“ richtete, ist an der deutschen Transkription nicht erkennbar. Beides trifft zu. Die deutsche Politik hat nun mal das große Maul und ist so dynamisch wie das Grautier; auch die Farbe kommt hin.
Die Mission des deutschen Bittstellers ist auch klar. Darum ist die Reise nach Peking eigentlich ein Gang nach Canossa, auch wenn es dem Reisenden und seinem Umfeld vermutlich nicht bewusst zu sein scheint. Man spürt förmlich das Brett vor der Stirn und die hiesige Arroganz. Zumindest lassen die lauten Töne, die hier unverändert gespuckt werden, keinen anderen Schluss zu. Doch in China wird Merz vermutlich das Hohelied auf die traditionell guten wirtschaftlichen Beziehungen anstimmen. Nach westdeutscher Lesart begannen diese mit der diplomatischen Anerkennung Pekings durch Bonn 1972. Das ist, wie auch bei anderen Rückversicherungen in die Vergangenheit, nicht einmal die halbe Wahrheit.

Foto aus dem Jahr 1950: DDR-Diplomaten bei Mao Zedong
Bekanntlich betrat die Volksrepublik China am 1. Oktober 1949 die politische Weltbühne, eine Woche später konstituierte sich die DDR als Reaktion auf die zuvor erfolgte Gründung des westdeutschen Separatstaates. Schon am 25. Oktober erkannte China die DDR an, zwei Tage darauf unternahm die DDR den entsprechenden Schritt.
Das Faksimile des Telegramms des chinesischen Außenministers Zhou Enlai an seinen Amtskollegen Georg Dertinger findet sich im Buch „Botschaftergespräche“ von Konrad Herrmann, das unlängst erschienen ist. Der Text der Depesche ist in der Sprache der Diplomatie, also auf Französisch, ausgefertigt und vom Haupttelegraphenamt Berlin noch auf einem Formular der Deutschen Reichspost zugestellt worden.
Wenig später schon tauschten die beiden Staaten diplomatische Missionen aus. Das John-Rabe-Museum in Shanghai – einst das Office der Niederlassung von Siemens in China, in die sich während des japanischen Massakers 1937/38 Hunderte Chinesen retteten – zeigt auf einer bunten Bildwand alle (west-)deutschen Staatsgäste Chinas. Am Anfang der Fotogalerie jedoch hängt eine Schwarz-Weiß-Aufnahme vom 24. Juni 1950: DDR-Diplomaten bei Mao Zedong.
Leiter der seinerzeitigen Diplomatischen Mission war Johannes König, er sollte schon bald als Botschafter akkreditiert werden. Der 1903 in Arnstadt geborene König war Journalist und mit seiner Frau, einer „staatsgefährdenden Jüdin“, nach wiederholter KZ-Haft 1939 nach Shanghai emigriert. Acht Jahre später kehrte er nach Deutschland zurück, wo er im Herbst 1947 Chefredakteur der Sächsischen Zeitung in Dresden wurde. Im April 1950 holte man König ins Außenministerium nach Berlin und schickte ihn weiter nach China.
König blieb bis 1955 als Botschafter in Peking, nebenbei vertrat er sein Land eine Zeit lang auch noch in der Koreanischen Demokratischen Volksrepublik (KDVR) und in der Demokratischen Republik Vietnam (DRV). Später war er Botschafter in Moskau und danach in Prag, wo König 1966, keine 63 Jahre alt, starb.

Der DDR kommt Genosse Zufall zu Hilfe
Bereits im Januar 1950 hatte die DDR-Führung beschlossen, wirtschaftliche Beziehungen mit China zu knüpfen. Dazu wollte man den Umstand nutzen, dass Mao im März Moskau besuchte, um mit Stalin einen Freundschaftsvertrag zu verhandeln. In Berlin wurde eine Delegation in Marsch gesetzt, die mit Maos Entourage in Moskau die Möglichkeiten eines Handelsabkommens mit China ausloten sollte. Dabei kam der DDR der Genosse Zufall zu Hilfe.
An Stalins Geburtstagstafel wurde Wilhelm Pieck neben Mao platziert. Beim Anblick der Torte erkundigte sich der DDR-Präsident beim Großen Vorsitzenden, wie es um die Zuckerfrage in China bestellt sei. Nicht gut, antwortete der, das im Süden angebaute Zuckerrohr reiche nicht aus, um die gesamte Bevölkerung zu versorgen. Pieck erzählte ihm etwas über die deutsche Zuckerrübe und dass man über hinlängliche Erfahrung bei deren Verarbeitung verfüge. So kam die Verabredung zustande, im Nordosten Chinas eine Zuckerfabrik zu errichten: Im Oktober 1955 wurde sie in Baotou übergeben. Sie produzierte über Jahrzehnte und nach ihrer Modernisierung in den Achtzigerjahren über 3000 Tonnen Zucker täglich.

Bonn aber sagte „Nö“
Am 10. Oktober 1950 erfolgte in Peking die Unterzeichnung des ersten Handelsabkommens zwischen beiden Staaten. Es sah einen Warenaustausch im Volumen von 55 Millionen Dollar vor. China wollte vornehmlich Lebensmittel und Rohstoffe liefern, die DDR diese mit Maschinen und Ausrüstungen bezahlen. Allerdings warf ihr die Bundesrepublik Knüppel zwischen die Beine. So sah der Vertrag beispielsweise die Lieferung einer Kohlehydrieranlage zur Benzinproduktion vor, wofür Teile aus der BRD bezogen werden mussten. Bonn sagte aber „Nö“, und Berlin sah sich gezwungen, Peking um die Streichung dieses Postens aus dem Plan zu bitten.
Trotz der schmalen eigenen industriellen Basis und der Reparationsverpflichtungen gegenüber der Sowjetunion (die BRD war bereits ausgestiegen) errichtete die DDR in den Fünfzigerjahren 40 komplette Fabrikanlagen in China. Am Ende des Jahrzehnts war die ostdeutsche Republik – nächst der Sowjetunion – der wichtigste Handelspartner der Volksrepublik.
Der bereits erwähnte Konrad Herrmann, ein studierter Maschinenbauer und Sinologe, arbeitete in den späten Achtzigerjahren an der DDR-Botschaft in Peking als Sekretär für Wissenschaft und Technik. Seit 1991 war er in der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt tätig und dort an der Kooperation mit der VR China auf dem Feld der Metrologie, der Wissenschaft vom Messen, beteiligt.
Annäherung gegen den Willen der Sowjetunion
Der heute 80-Jährige hat im Nachgang die vielfältigen wirtschaftlichen Beziehungen in den 40 DDR-Jahren akribisch recherchiert. Das war nicht einfach, denn es wurden nicht nur über 8000 volkseigene Betriebe von der Treuhand abgewickelt, sondern auch deren Archive geschreddert. Mithilfe von Zeitzeugen und von Mitarbeitern in den Landesarchiven der ostdeutschen Bundesländer war er in der Lage, die – keineswegs spannungsfreie – Zusammenarbeit zu dokumentieren und jetzt auch zu publizieren: „Lokomotiven und Hightech. Die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen der DDR und der VR China in der Mao-Ära 1949–1978“. Bereits zuvor hatte Konrad Herrmann diese Kooperation in den Achtzigerjahren untersucht und in seinem Buch „Technologietransfer“ veröffentlicht.
Herrmann kam zu dem Befund, dass die Beziehungen zwischen der DDR und China drei Phasen durchliefen: Den erfolgreichen Fünfzigerjahren folgten die schwierigen Sechziger- und Siebzigerjahre, die im Zeichen des Zerwürfnisses zwischen Moskau und Peking standen. Wie sehr die DDR in diesen Konflikt eingebunden war, obgleich er nicht der ihre war und auch nicht von ihr gewollt wurde, illustriert die Tatsache, dass die chinesische Seite die Annahme des Kondolenztelegramms der DDR-Führung zum Tode Mao Zedongs 1976 verweigerte. Und dass von 1967 bis 1969, während der Kulturrevolution, die VR China in der DDR keinen Botschafter hatte und sich nur durch einen Geschäftsträger a.i. vertreten ließ.
In den Achtzigerjahren, der dritten Phase, kam es wieder zu engen Beziehungen. Diese neuerliche Annäherung erfolgte gegen den Willen der Sowjetunion, sie war auch nur durch deren ökonomische Schwäche möglich geworden. Die DDR, namentlich Honecker, war diesbezüglich sehr aktiv. Es entsprach auch dem Wunsch der chinesischen Seite, die sich nach 1978 unter dem Einfluss von Deng Xiaoping grundlegend zu verändern begann. Die DDR lieferte Schiffe und Schienenfahrzeuge, Maschinen und chemische Erzeugnisse sowie Know-how im Rahmen ihrer objektiv begrenzten Kapazitäten, die zudem noch von Forderungen aus der Sowjetunion eingeschränkt wurden.
Montage und Betrieb inklusive
Unterm Strich lässt sich konstatieren: Die DDR – nicht die Bundesrepublik – leistete maßgebliche Hilfestellung am Beginn des Aufstiegs Chinas zur wirtschaftlichen Weltmacht. Der noch immer unverändert gute – wenngleich schwindende – Ruf deutscher Waren und das Ansehen Deutschlands in China haben Wurzeln, die über 1972 hinausreichen. Schon vor dem Zweiten Weltkrieg fanden Erzeugnisse zum Beispiel von Krupp, Siemens und Zeiss in China eine hohe Anerkennung. In den Fünfzigerjahren jedoch setzten DDR-Betriebe diese Traditionen nicht nur fort, sondern schufen auch neue Maßstäbe.
Vergessen wir nicht: Erst zu Beginn der Siebzigerjahre nahm die BRD diplomatische Beziehungen zur VR China auf. Westdeutsche Unternehmen, die dann kamen, profitierten nachweislich von der Vorarbeit der DDR. Erst ab jener Zeit wurden auch die Wirtschaftssanktionen der westlichen Industriestaaten gegen China allmählich gelockert. Bis dahin bezog China von der DDR fortschrittliche Technologien und Erzeugnisse, die das Land woanders nicht erhielt. Und die DDR lieferte, sofern nicht das Schisma zwischen Moskau und Beijing und der Kalte Krieg dies gelegentlich verhinderten.
Die aktiven Beziehungen zwischen (Ost-)Deutschen und Chinesen wiesen noch eine Besonderheit auf. Darauf macht Herrmann in seinen Publikationen ebenfalls aufmerksam. Die DDR schickte nicht nur komplette Fabrikanlagen und Ausrüstungen, sorgte für deren Montage und den Betrieb in China, wozu sie Hunderte Fachleute entsandte. Sie bildete vor Ort und in der DDR auch Tausende chinesische Fachkräfte aus. Und, das belegen verschiedene Untersuchungen der DDR-Beziehungen auch zu anderen Staaten, die ostdeutsche Republik war als Entwicklungshelfer und Partner immer willkommen, weil sie – anders als die Sowjetunion oder die Bundesrepublik – weder dominant noch paternalistisch auftrat.


