Über 80 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs haben Russland und Japan bis heute keinen Friedensvertrag unterzeichnet. Grund ist der Konflikt um die südlichen Kurilen. Genauer genommen geht es bei dem japanisch-russischen Streit um vier Inseln zwischen der japanischen Präfektur Hokkaido und der russischen Halbinsel Kamtschatka.
In Japan heißen sie „Nördliche Territorien“, in Russland sind sie Teil der Kurilen-Inselkette und werden von der Region Sachalin verwaltet. Für die politischen Verantwortlichen in Tokio sind Iturup (japanisch: Etorofu), Kunashir (Kunashiri), Shikotan und die Habomai-Inseln „illegal besetzt“. Moskau beruft sich dagegen auf die Ergebnisse des Zweiten Weltkriegs.
„Japan stand auf der falschen Seite der Geschichte“
Ein Vertrag von 1855 zwischen dem damaligen Zarenreich und Japan hatte die südlichen vier Inseln Japan zugesprochen. Nach der Kapitulation Japans im August 1945 besetzte jedoch die Sowjetunion die geostrategisch wichtigen Inseln. In Russland argumentiert man, das Vorgehen sei durch alliierte Absprachen wie das Abkommen von Jalta gedeckt gewesen. Japan sieht darin eine völkerrechtswidrige Annexion.
„Russlands Souveränität über die Kurilen wurde durch die Ergebnisse des Zweiten Weltkriegs bestimmt, ist in der russischen Verfassung verankert und nicht Gegenstand einer Revision“, betonte die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Sacharowa, zuletzt bei einer Pressekonferenz in Moskau.
Damit reagierte die russische Außenamtssprecherin auf Veranstaltungen zum japanischen „Tag der Nördlichen Territorien“ vor wenigen Tagen. Die in Japan abgehaltenen Kundgebungen seien „offen antirussisch“, so Sacharowa. Zudem kritisierte das russische Außenministerium Vergleiche mit dem Krieg in der Ukraine: „Ich verstehe nicht: Will Japan, dass alle denken, sie tun dasselbe wie in der Ukraine? Warum ziehen sie ständig diese Parallelen?“
Sacharowa verschärfte ihren Ton in einem jüngsten Interview mit chinesischen Medien. Während des Zweiten Weltkriegs habe Japan „auf der falschen Seite der Geschichte“ gestanden. Es sei ein „Aggressor und militaristischer Staat“ gewesen, dessen Politiker „äußerst grausame Verbrechen“ begangen hätten. Japan müsse sich seiner Geschichte stellen und „tiefgreifend reflektieren“, Geschichte dürfe „nicht verzerrt“ werden. „Japan muss die Lehren ziehen, damit künftige Generationen die gleichen Fehler nicht wiederholen“, sagte Sacharowa. In dieser Frage teilten Russland und China „dieselbe Position“.

Trotz der politisch aufgeheizten Stimmung zwischen Moskau und Tokio gab es jahrzehntelang vorsichtige Annäherungen im Streit um die Kurilen. Seit den 1960er-Jahren durften ehemalige japanische Bewohner die Inseln besuchen, um Gräber ihrer Angehörigen zu pflegen. 1992 folgte zudem ein visafreies Austauschprogramm.
„Damals versuchten Japan und die Sowjetunion, später Russland, wirklich, das Problem zu lösen“, sagt der Slawist Iwashita Akihiro von der Hokkaido-Universität auf Nachfrage der unabhängigen englischsprachigen Moscow Times. Man habe gewusst, dass es Zeit brauche, und deshalb mit „menschlichen und kulturellen Austauschen“ begonnen. Das sei ein „symbolischer Akt des guten Willens“ gewesen.
Für viele der ehemaligen Kurilenbewohner, deren Durchschnittsalter heute bei etwa 90 Jahren liegt, war das mehr als Symbolik. „Die Japaner fühlen eine sehr starke Verpflichtung, sich um die Gräber ihrer Vorfahren zu kümmern“, sagt der Politikwissenschaftler James D.J. Brown von der Temple University in Tokio der Moscow Times. Hinzu komme, dass besonders in der japanischen Kultur der Heimatbegriff emotional besonders stark besetzt sei. Auch wenn viele wüssten, dass sie wohl nie dauerhaft zurückkehren, sei es ihnen wichtig, „wenigstens noch einmal ihren Heimatboden zu betreten“. Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine 2022 und den daraufhin verhängten japanischen Sanktionen setzte Moskau das Austauschprogramm jedoch aus.
Gescheiterte Annäherung unter Abe
Besonders intensiv wurde die Kurilenfrage zwischen 2012 und 2019 verhandelt, als der damalige Premierminister Shinzo Abe mehrfach mit Präsident Wladimir Putin zusammentraf. Abe signalisierte sogar, Japan werde keine amerikanischen Truppen auf den Inseln stationieren, falls diese von den Russen zurückgegeben würden. In Japan sind derzeit etwa 54.000 US-Soldaten stationiert. Das asiatische G7-Land beherbergt damit die größte Anzahl an amerikanischen Truppen im Ausland.

„Abe hat wirklich alles versucht. Er hätte nicht mehr tun können, um einen Durchbruch zu erzielen“, sagt Brown. Doch 2020 änderte Russland seine Verfassung und schrieb fest, dass kein Staatsgebiet abgegeben werden dürfe. Damit habe sich die Kurilenfrage eigentlich erledigt. Für Tokio war das ein schwerer Rückschlag. Seit Oktober 2025 ist außerdem Sanae Takaichi japanische Premierministerin. Die Konservative hat eine stärkere Militarisierung Japans angekündigt; Moskau sieht darin „ungesunde Tendenzen“, wie Außenminister Sergej Lawrow erklärte.
Takaichi betont hingegen bei Fragen rund um den Kurilenkomplex immer wieder den humanitären Aspekt. Die Wiederaufnahme der Gräberbesuche sei „eine humanitäre Frage und eine der obersten Prioritäten in den japanisch-russischen Beziehungen“, sagte sie bei einer Kundgebung in Tokio. Man werde die russische Seite „geduldig drängen“, die Besuche wieder zu ermöglichen.
Doch aus Moskau kommen derzeit kaum Signale der Kompromissbereitschaft. Durch Japans Vorgehen hätten die bilateralen Beziehungen einen massiven Schaden durchlebt. Es gebe kein Zurück mehr, so Sacharowa.
Fachleute mit Regionalexpertise sprechen von einer Blockadesituation. „Es ist ein Wettlauf der Geduld“, sagt Iwashita. Würde Russland die Rückgabe von zwei Inseln theoretisch anbieten, könnte Japan womöglich Sanktionen lockern. „Aber niemand glaubt, dass Putin das tun würde.“ Der Kreml brauche Japan derzeit nicht dringend, und auch Tokio habe angesichts wachsender Spannungen mit China andere geopolitische Prioritäten.




