Nahost

Historiker Adam Raz im Interview: „Ich schäme mich, Israeli zu sein“

Der israelische Historiker Adam Raz spricht über seine Scham angesichts des Gaza-Krieges, seine Kritik an Netanjahu – und erklärt, warum er Israel in einer gefährlichen Falle sieht.

„In Berlin lebt man als Jude heute sicherer als in Israel“, sagt Adam Raz im Gespräch mit der Berliner Zeitung.
„In Berlin lebt man als Jude heute sicherer als in Israel“, sagt Adam Raz im Gespräch mit der Berliner Zeitung.Henk Hogerzeil/Berliner Zeitung

Kaum ein anderer Historiker hat sich so intensiv mit dem israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu beschäftigt wie Adam Raz. Nun hat er ein neues Buch veröffentlicht, das auf Hebräisch im Pardes-Verlag in Tel Aviv erschienen ist und den Titel „Der Dreißigjährige Krieg: Benjamin Netanjahu gegen Israel“ trägt. Darin beschreibt Raz, wie Netanjahu die demokratischen Strukturen Israels ausgehöhlt und das Land in einen permanenten Krieg geführt hat, um an der Macht zu bleiben.

Raz lebt seit sieben Monaten in Berlin und arbeitet am Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität. Wir treffen ihn in seiner Wohnung in Schöneberg, wo er mit seiner Frau und den beiden Kindern sowie Hund und Katze lebt.

Herr Raz, seit dem 7. Oktober 2023 und dem Angriff der Hamas befindet sich Israel im Kriegszustand. Wie ist es, heute in Israel zu leben?

In Israel zu leben heißt, in einem permanenten Kriegszustand zu leben. Ich habe gerade mit meinen Eltern telefoniert, sie sitzen in Schutzräumen, mitten in Israel. Auch mein Bruder und meine Schwester. Meine ganze Familie sitzt gerade in Bunkern. Noch viel schwieriger ist die Lage aber derzeit im Iran, im Libanon oder in Gaza. Die Kinder des Nahen Ostens zahlen den Preis für diese Situation. Es ist furchtbar.

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Henk Hogerzeil/Berliner Zeitung
Zur Person
Adam Raz, 43, ist ein israelischer Historiker, Menschenrechtsaktivist und Forscher am Akevot Institute for Israeli-Palestinian Conflict Research. Zudem ist er Fellow am Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin. Er hat zahlreiche Bücher zur Geschichte Israels und zum Nahostkonflikt veröffentlicht. Kürzlich ist sein Buch „Der Dreißigjährige Krieg: Benjamin Netanjahu gegen Israel“ auf Hebräisch erschienen. Zuletzt erschien auf Englisch sein Buch „Loot: How Israel Stole Palestinian Property“.

Sind Sie deshalb vor sieben Monaten mit Ihrer Familie nach Deutschland gezogen?

Ja, unter anderem. Es gibt aber noch weitere Gründe: Ich habe ein Fellowship am Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin angeboten bekommen und mich entschieden, es anzunehmen. Ein entscheidender Punkt ist außerdem: Wer in Israel die Schule beendet und 18 wird, muss zur Armee. Das wird bald auch für meine beiden Kinder gelten, und das will ich nicht. Als Linker und scharfer Kritiker der israelischen Besatzung sowie des Genozids in Gaza ist es für mich unvorstellbar, dass meine Kinder sich an der aktuellen Praxis der israelischen Armee beteiligen.

Ist es für kritische Stimmen wie Sie überhaupt noch möglich, in Israel zu leben?

Es ist sehr schwierig geworden. Die demokratische Arena schrumpft. Ich schreibe, forsche und unterstütze seit etwa 20 Jahren NGOs sowie Palästinenser in Fragen des israelisch-palästinensischen Konflikts. Ich nutze meine Arbeit als Historiker, um gesellschaftliche Veränderungen anzustoßen. Doch das wird zunehmend schwieriger. Es hat einen Wertewandel in der israelischen Gesellschaft gegeben. Die meisten Israelis sind heute sehr rechts. Man wird nicht verhaftet, wenn man die Regierung kritisiert, aber man spürt, dass der Druck wächst und sich die Schlinge langsam zuzieht. Das ist ein weiterer Grund, warum ich jetzt hier in Berlin lebe.

Wie hat sich die israelische Gesellschaft seit dem 7. Oktober verändert?

Die Mentalität der Israelis ist, dass wir Opfer sind. Es gibt diese Vorstellung, wir lebten immer noch nur wenige Minuten nach dem Zweiten Weltkrieg, nach dem Holocaust und der „Endlösung“. Es gibt Antisemitismus in der Welt. Und Israel – so dachten wir – sei der einzige Ort, an dem Juden wirklich sicher sind. Wir als jüdisches Volk müssten uns mit einer Armee und Atomwaffen schützen, müssten ständig vorbereitet sein, weil es Länder und Regime gibt, die versuchen, den israelischen Staat oder sogar das jüdische Volk auszulöschen. Wir dachten, Israel sei der sicherste Ort der Welt. Aber offenbar ist es das nicht. Nach dem 7. Oktober konnte man tausendfach lesen, es habe sich um das größte Massaker an Juden seit dem Holocaust gehandelt. Das hat die Wahrnehmung der Israelis von sich selbst verändert. Wir dachten, Israel sei ein sicherer Ort. Aber tatsächlich ist es für einen Juden sicherer, in Schöneberg zu leben.

Und was folgte daraus politisch?

Getrieben von einem starken Rachegefühl hat Israel beschlossen, einen Krieg gegen Gaza zu führen. Dieser entspricht nicht dem internationalen Recht und liegt auch nicht im Interesse der Israelis. Es ist ein Vernichtungskrieg. Israel hat sich entschieden, Gaza in ein zweites Dresden zu verwandeln und die Bevölkerung auszuhungern. Israel hat sich für einen Genozid am palästinensischen Volk entschieden.

„Israel hat sich entschieden, Gaza in ein zweites Dresden zu verwandeln“, sagt der Historiker Adam Raz im Gespräch.
„Israel hat sich entschieden, Gaza in ein zweites Dresden zu verwandeln“, sagt der Historiker Adam Raz im Gespräch.Abdel Kareem Hana/AP/dpa

Steht die israelische Gesellschaft hinter Netanjahus Krieg in Gaza?

Ja. Das ist erstaunlich, doch in der Geschichte kommt es immer wieder vor, dass auch die Mitte und die Linke einem solchen Krieg zustimmen. Die Israelis sind eigentlich eine sehr liberale und offene Gesellschaft. Doch seit dem 7. Oktober hat sich etwas dramatisch verändert. Vor ein paar Monaten habe ich ein Buch mit dem Titel „Das Lexikon der Brutalität“ veröffentlicht. Es geht darin um den Diskurs in Israel über den Krieg und darum, wie Israelis darüber sprechen. Es war eine Hommage an Victor Klemperers Buch „Die Sprache des Dritten Reiches“. Ich wollte verstehen, warum Israelis anfingen, Palästinenser als menschliche Tiere oder Ratten zu bezeichnen, und wie sich durch diesen Diskurs ihre Wahrnehmung von sich selbst und den Palästinensern veränderte.

Wie konnte es so weit kommen?

Netanjahu ist es gelungen, die Israelis in eine Falle zu locken: in einen Rachekrieg gegen das palästinensische Volk. Heute sind die Israelis bereit, die Menschenrechte dem Primat der Gewalt zu opfern. Wie konnte es dazu kommen? Israel besetzt Palästina seit mehr als 60 Jahren, begeht täglich Verbrechen in der Westbank, ohne dafür einen Preis zu zahlen. Länder wie Deutschland kritisieren Israel dafür nicht. Das führt dazu, dass man irgendwann glaubt, sich alles erlauben zu dürfen. Netanjahu hat dies ausgenutzt, um seine politischen Ziele zu verfolgen.

Fast täglich wird in Medien über israelische Kriegsverbrechen berichtet, und in den sozialen Netzwerken gehen Bilder von ausgehungerten Palästinensern und dem Erdboden gleichgemachten Landstrichen in Gaza viral. Kommt all das in Israel nicht an?

Natürlich können Israelis ihr Handy nehmen, im Internet nachschauen, die New York Times lesen oder bei BBC die Bilder aus Gaza sehen. Aber so einfach ist es nicht. Ja, Israelis wissen, was passiert. Am 7. Oktober und in den Tagen danach machte Netanjahu klar, wohin die Reise geht: Israel wird Gaza in Schutt und Asche legen. Der damalige Verteidigungsminister Gallant sagte: kein Strom, kein Gas, kein Essen, kein Wasser. Also: Wir werden Gaza aushungern. Alles lag offen auf dem Tisch.

Aber die Menschen waren wie verblendet. Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Ich komme aus einer sehr linken Familie, die seit Jahrzehnten linke Parteien wählt. Meine Mutter hat bis zum 7. Oktober in einer NGO gearbeitet, die kranke Kinder aus Gaza in israelische Krankenhäuser brachte. Und an diesem Tag sagte sie zu mir: „Wir müssen Benzin über Gaza schütten.“ Nach wenigen Tagen hat sie das selbst hinterfragt. Aber dieses Rachegefühl war real und weit verbreitet. Niemand sagte den Israelis: „Ja, Hamas und der Islamische Dschihad haben Schreckliches getan. Aber die Antwort kann nicht sein, Tausende Palästinenser zu töten.“ Stattdessen wurde vermittelt: Nur Gewalt schafft Sicherheit. Und die Israelis haben das übernommen und heute tief verinnerlicht. Entscheidend ist dabei: Auch international wurde das kaum infrage gestellt. Die deutsche Regierung etwa hat Israels Krieg gegen Gaza unterstützt und Netanjahu mit Waffen versorgt.

Adam Raz mit seiner Hündin Eleanor – benannt nach der Tochter von Karl Marx.
Adam Raz mit seiner Hündin Eleanor – benannt nach der Tochter von Karl Marx.Henk Hogerzeil/Berliner Zeitung

Glauben Sie, dass diese Politik der Gewalt Israel Sicherheit und Stabilität bringen kann?

Nein. Wir erleben einen permanenten Krieg im Nahen Osten. Derzeit läuft es folgendermaßen ab: Israel bombardiert eine Raketenanlage im Iran, der Iran baut sie wieder auf, und der Teufelskreis beginnt von vorne. Der einzige Weg, den Nahostkonflikt zu beenden, ist eine gegenseitige Anerkennung zwischen Israel und den Palästinensern sowie eine Vereinbarung, die in Richtung einer Zweistaatenlösung geht. Es kann zehn Jahre so weitergehen, es können hundert Jahre vergehen, und die Berge von Leichen israelischer und palästinensischer Kinder werden immer größer werden. Der einzige Weg ist jedoch die gegenseitige Anerkennung und die Rückkehr zu dem Ansatz, der in den 1990er-Jahren mit dem Oslo-Prozess begonnen wurde.

Gibt es noch den Willen, einen solchen Weg zu gehen?

Leider nein. Netanjahu und die meisten Parteien im israelischen Parlament lehnen die Zweistaatenlösung ab und stehen damit faktisch für einen endlosen Konflikt und eine dauerhafte Besatzung. Netanjahu hat das in den vergangenen 15 Jahren immer wieder deutlich gemacht. Umso erstaunlicher ist, dass die internationale Gemeinschaft – auch Deutschland – das weitgehend hinnimmt.

Um die Zweistaatenlösung zu untergraben, hat Netanjahu in den vergangenen Jahren sogar gezielt jene palästinensischen Kräfte gestärkt, die sie ebenfalls ablehnen, insbesondere die Hamas. Paradoxerweise stabilisieren sich Netanjahu und die Hamas damit gegenseitig. Aus unterschiedlichen Motiven verfolgen sie dasselbe Ziel: die Blockade einer politischen Lösung.

Wohin führt diese Politik?

Netanjahu nutzt den Konflikt, um an der Macht zu bleiben. Hier liegt ein großes Missverständnis in Deutschland: Niemand würde behaupten, Orbán oder Putin handelten im Interesse ihres Volkes. Bei Netanjahu wird das komischerweise anders gesehen. Er hat den Staat politisch vereinnahmt, um seine eigenen Interessen durchzusetzen.

Wer zahlt den Preis für diese Politik?

In erster Linie die Palästinenser, die Menschen im Libanon oder im Iran, aber auch die Israelis selbst. Netanjahu hat Israel zerstört. Wir haben es heute mit einem populistisch-faschistischen Regime zu tun. Ich kenne die Geschichte faschistischer Bewegungen des vergangenen Jahrhunderts gut. Und die meisten faschistischen Regierungen oder Regime haben irgendwann angefangen, ihre eigene Gesellschaft zu massakrieren und zu zerstören. Genau das passiert gerade in Israel.

Wie hat sich die Situation der arabischen Israelis und Palästinenser seit dem 7. Oktober 2023 verändert?

Die Palästinenser in den besetzten Gebieten leben unter Apartheid. Die Araber und Palästinenser in Israel leben unter besseren Bedingungen, aber sie sind Bürger zweiter Klasse.

Sie leben noch nicht so lange in Deutschland: Wussten Sie, dass diejenigen, die hierzulande Israel Apartheid vorwerfen, von einigen NGOs oder staatlichen Institutionen scharf kritisiert oder sogar des Antisemitismus bezichtigt werden?

Nun, ich bin Jude, ich bin Israeli, meine Familie wurde von Deutschen ermordet, also kann ich über die deutsche oder israelische Gesellschaft sagen, was ich will. Wir sprechen hier über Menschenrechte. Und die Deutschen tragen dabei eine besondere Verantwortung – sie heißt „Nie wieder“.

„Netanjahu hat Israel zerstört, um an der Macht zu bleiben“, sagt Adam Raz.
„Netanjahu hat Israel zerstört, um an der Macht zu bleiben“, sagt Adam Raz.Ronen Zvulun/dpa

Welche Verantwortung erwächst für Deutschland aus diesem „Nie wieder“?

Die Verbrechen des Holocausts, die Verbrechen, die die deutsche Gesellschaft begangen hat – daraus erwächst für die Deutschen die Verantwortung, alles dafür zu tun, dass so etwas nie wieder geschieht. Und ich glaube, dass das heute die wichtigste Aufgabe Deutschlands ist: ein Symbol für Menschenrechte zu sein. Nicht nur im Fall Israels, sondern weltweit. „Nie wieder“ bedeutet: Völkerrecht. Genfer Konvention. Dass Kinder in Palästina oder im Iran oder in Afrika oder in Venezuela zu essen haben. Dass Kinder zur Schule gehen können. Dass niemand sie tötet, bombardiert oder sie in Lager oder Ghettos steckt – so wie jetzt in Gaza. Leider wird Deutschland dieser Verantwortung nicht gerecht.

Ist es die deutsche Staatsräson, die das verhindert?

Die Staatsräson ist an sich nicht das Problem. Die Frage ist, mit welchem Inhalt man sie füllt. Dieser darf nicht lauten: „Israel, ja, ja, ja, ihr könnt tun, was ihr wollt.“ Nein, Deutschland trägt eine Verantwortung für den Staat Israel. Einer der Gründe für die Existenz des israelischen Staates ist Deutschland. Und als Israel 1948 gegründet wurde, hat auch jemand den Preis dafür gezahlt: das palästinensische Volk. Deshalb trägt Deutschland auch Verantwortung für die Palästinenser.

Was sollte Deutschland tun?

Wenn Deutschland das Schicksal der Juden wirklich am Herzen liegt, dann muss es als Freund Israels agieren. Und als Freund muss man auch mal Nein sagen, wenn der andere sich irrt. Das bedeutet Hilfe. Wenn man jemandem Carte blanche gibt, alles zu tun, was er will, dann endet das mit Bergen palästinensischer Leichen und Leichen im Iran, im Libanon und so weiter. Und es wird nicht aufhören, solange Länder wie Deutschland nicht Stopp sagen. Es braucht Druck von außen. Die internationale Gemeinschaft muss Israel helfen, zu begreifen, in welcher Situation es sich befindet.

Glauben Sie, dass die Deutschen ein falsches Bild von Israel haben?

Ja. Israel ist heute die dominierende militärische Macht im Nahen Osten. Es verfügt über eine der stärksten Armeen der Welt mit Atomwaffen, Panzern und Luftstreitkräften. Die Deutschen müssen ihren Diskurs an diese veränderte Lage anpassen. Und vor allem: In Israel regieren heute keine Figuren wie Ben-Gurion oder Rabin mehr. Die politische Linke hat vor Jahrzehnten ihren Einfluss verloren. Stattdessen sitzen fundamentalistische, radikal rechte Kräfte in der Regierung, die die Tötung von Palästinensern als politisches Programm haben. Der Internationale Strafgerichtshof hat deshalb Haftbefehle gegen Netanjahu und andere erlassen, doch der deutsche Staat reagiert darauf mit einem faktischen „Ist uns egal“ – das ist ein riesiges Problem.

„Deutschland muss stopp sagen.“ – Adam Raz kritisiert die deutsche Unterstützung für Israels Krieg in Gaza.
„Deutschland muss stopp sagen.“ – Adam Raz kritisiert die deutsche Unterstützung für Israels Krieg in Gaza.Henk Hogerzeil/Berliner Zeitung

Laut Polizeistatistik haben antisemitische Straftaten in Deutschland in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Wie ist es für Sie als Jude und Israeli, hier zu leben?

Hören Sie, das stärkste Gefühl, das ich hier habe, ist: Ich schäme mich, Israeli zu sein. Es ist schwer für mich, in einer Situation zu leben, in der mein Staat solche Gräueltaten begeht. Vor zwei Tagen war ich in einem iranischen Supermarkt in der Akazienstraße, habe mit dem Besitzer über seine Familie im Iran gesprochen und tiefe Scham empfunden.

Zum Antisemitismus: Ich fühle mich hier sicher, ich habe bislang keine Anfeindungen erlebt. Bevor ich nach Deutschland kam, habe ich in Zeitungen gelesen, dass man vor allem in Berlin als Jude in der U-Bahn kein Buch lesen könne. Mir ist bisher nichts passiert. Ich spreche Hebräisch auf der Straße, ich lese in der U-Bahn hebräische Bücher, das ist kein Problem. Natürlich gibt es Antisemitismus. Es gibt Gruppen und Bewegungen, die gegen Juden sind, es gibt Neonazis, es gibt die AfD und es gibt reale Probleme in der deutschen Gesellschaft. Der Staat muss sich darum kümmern, vor allem durch Bildung. Wir müssen die Menschen aufklären, nicht sofort die Polizei rufen.

Sie nennen im Zusammenhang mit Antisemitismus die AfD und Neonazis. Der vorherrschende Diskurs in Deutschland, besonders in Mainstream-Medien wie denen von Springer, lautet, Antisemitismus sei vor allem durch Einwanderung importiert worden.

Menschen hassen Juden seit Tausenden von Jahren. Ich glaube nicht, dass das nur mit Einwanderung zu tun hat. Ich habe mehr gemeinsam mit vielen Muslimen, die ich in Kreuzberg oder Neukölln getroffen habe, als mit den meisten Deutschen. Die beste Freundin meiner Tochter kommt aus Syrien und der beste Freund meines Sohnes aus dem Jemen. Das hat einen Grund: Wir kommen alle aus dem Nahen Osten, mögen ähnliche Küche und haben ähnliche kulturelle Muster. Wir haben etwas, das uns verbindet.

Ich glaube nicht, dass die Muslime, die ich in Kreuzberg und Neukölln getroffen habe, Antisemitismus im Blut haben. Auch das ist ein Produkt von Bildung und der politischen Situation. Wenn Israel Araber und Palästinenser bombardiert und tötet, dann ist es legitim, das zu kritisieren. Politiker aber nutzen das als Instrument und heizen mit dem Vorwurf des Antisemitismus die Lage an. Das ist Teil des Problems. Ich will das klar sagen: Kritik an Israel ist kein Antisemitismus. „Free Palestine“ oder „Stoppt den Genozid“ zu rufen, ist kein Antisemitismus.