„Tag für Tag standen wir im Operationssaal, vor uns verstümmelte Körper und zerstörte Gliedmaßen.“ So schildert der britische Unfallchirurg Graeme Groom seine Einsätze im Gazastreifen. Groom, der am King’s College Hospital in London arbeitet, hat die Hilfsorganisation Ideals mitgegründet, die seit Jahren medizinische Missionen in Gaza organisiert. Noch vor wenigen Monaten war er selbst in der palästinensischen Enklave, die seit dem 7. Oktober 2023 kaum jemand betreten oder verlassen kann.
Was Groom im Gespräch mit der Berliner Zeitung beschreibt, ist der Teil des Genozids in Gaza, der im Gegensatz zu den Bildern von Explosionen durch israelische Angriffe, dem Erdboden gleichgemachten Landstrichen und fliehenden Menschenmassen für die Weltöffentlichkeit verborgen bleibt: der Kampf der Überlebenden, die noch zu retten wären, aber es oft nicht werden.
„Von denen sind über 60 Prozent Kinder“
Groom hat von seinen Einsätzen in Gaza Fotos gemacht, die diese stille Katastrophe dokumentieren. Auf einem Bild ist ein siebenjähriges Mädchen zu sehen, das auf einem Operationstisch in einem Krankenhaus liegt. Das Kind trägt eine Atemmaske, die an ein Beatmungsgerät angeschlossen ist; ein Zugang am Arm deutet auf eine Infusion hin.
Beide Beine des Mädchens sind schwer verletzt und enden oberhalb der Knie; die offenen Wunden sind sichtbar, teilweise mit Verbänden abgedeckt. Ihr Körper liegt auf einer Schutzfolie, wie sie in Operations- oder Notfallsituationen verwendet wird.
Auf einem anderen Bild liegt ein elfjähriger Junge auf einem Krankenhausbett. Er wirkt erschöpft und liegt seitlich mit angewinkelten Beinen. Sein Kopf ist bandagiert, auch an Armen und Beinen sind mehrere Verbände angebracht. Auf seinem Körper sind zahlreiche Verletzungen und Blutspuren sichtbar, insbesondere an den Extremitäten. Einige Wunden sind bereits versorgt, andere nur provisorisch abgedeckt.
Rund 17.500 Menschen in Gaza befinden sich derzeit in einer solchen Situation, in der sie dringend eine Operation benötigen, um überleben zu können, sagt Jan-Peter Warnke im Gespräch mit der Berliner Zeitung. „Von denen sind über 60 Prozent Kinder.“ Diese Zahl sei ihm von Ärzten im Gazastreifen, in Jordanien und von britischen Chirurgen bestätigt worden. Auch Groom nennt eine ähnliche Größenordnung von bis zu 20.000 Fällen.
Warnke war über vier Jahrzehnte als Arzt tätig, zuletzt als Chefarzt der Neurochirurgie an einer Klinik in Sachsen, und sitzt seit 2024 für das BSW im Europaparlament. Seit Wochen versucht er, etwas zu bewegen, um so viele dieser 17.500 Menschen wie möglich zu retten. „Wenn wir unseren Anspruch, Menschen zu sein, nicht verlieren wollen, müssen wir solche lösbaren Krisen lösen“, sagt er.
Dual Use: Wenn OP-Besteck zur militärischen Gefahr erklärt wird
Das Problem sei nicht, dass diese Verletzungen grundsätzlich unbehandelbar wären. Es fehle jedoch an dem, was dafür notwendig ist: Implantate, chirurgisches Material, Medikamente. „Es kommt nichts rein und es ist nicht genug da“, sagt Warnke. Viele der benötigten Güter würden von Israel als sogenannte Dual-Use-Produkte eingestuft und gelangten deshalb nicht in den Gazastreifen. Für Warnke ist genau das der Kern dieser Katastrophe: Diese Verletzungen sind behandelbar, aber sie werden nicht behandelt.
Israel begründet die Einschränkungen mit Sicherheitsrisiken. Metallische Implantate und Geräte könnten militärisch genutzt werden, etwa zur Herstellung von Sprengsätzen. Auch Medikamente könnten nach israelischer Darstellung von bewaffneten Gruppen wie der Hamas abgefangen und weiterverkauft werden.
Hilfsorganisationen wie Médecins Sans Frontières kritisieren diese Praxis der israelischen Behörden seit Monaten. Sie argumentieren, dass die Einstufung als Dual-Use-Güter in der Praxis dazu führt, dass selbst grundlegendes medizinisches Material Gaza nicht erreicht.
Jan-Peter Warnke: „Ich knalle gegen irgendeine Wand“
Warnke versucht, politischen Druck zu erzeugen und bei den politischen Entscheidungsträgern ein Bewusstsein für diese Katastrophe zu schaffen. Er beschreibt seine Bemühungen als eine Abfolge von Blockaden, Abweisungen und Sackgassen. „Egal, in welche Richtung ich laufe, ich knalle gegen irgendeine Wand.“
Er habe Briefe an Kaja Kallas, Ursula von der Leyen, den deutschen Außenminister Johann Wadephul und weitere Spitzenpolitiker geschickt, mitunterzeichnet von Abgeordneten nicht nur seiner eigenen Partei. Antworten habe er nicht erhalten. Die einzige Reaktion sei von der Bundestagspräsidentin Julia Klöckner gekommen. Er beschreibt sie als verständnisvoll und nicht zynisch. Er habe sich darüber aufrichtig gefreut, gerade weil er sonst vor allem Zynismus erlebt habe. Mehr als Symbolik sei das jedoch nicht gewesen.
Zu seinen gescheiterten Anläufen zählt auch eine Reise nach Zypern. Dort wollte er Anfang Dezember im Außenministerium über den Cyprus Maritime Corridor sprechen, also über den Seeweg, über den humanitäre und medizinische Güter Richtung Gaza verschifft werden sollten. Als er in Larnaka ankam, erreichte ihn eine E-Mail: Die zuständigen Beamten müssten dringend nach Israel reisen, das Treffen wurde abgesagt.

Warnke sieht sich mit seiner Haltung zu Gaza auch im Europaparlament „komplett isoliert“. Er nennt eine kleine Zahl von Ausnahmen: die eigene Gruppe und enge Verbündete, die slowakische Smer, Marc Botenga von der belgischen Partei der Arbeit sowie einige linke Abgeordnete aus Portugal, Italien, Spanien und Frankreich. Viele andere sagten zwar, die Lage sei „total furchtbar“, handelten aber nicht. Auch die AfD, die sich sonst als Anti-Establishment-Partei gebe, schweige bei Gaza.
Deutschland hat nur einen Patienten aus Gaza behandelt
Seit Beginn des Krieges am 7. Oktober 2023 wurden nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation mehr als 10.000 Patienten aus Gaza zur Behandlung ins Ausland gebracht. Eine zentrale Rolle bei der Organisation dieser medizinischen Evakuierungen spielt die EU-Behörde ECHO, die Generaldirektion für humanitäre Hilfe und Katastrophenschutz der Europäischen Kommission. Sie koordiniert gemeinsam mit der Weltgesundheitsorganisation die Ausreise von Patienten sowie deren Aufnahme in europäischen Ländern. Insgesamt wurden rund 400 von ihnen in EU-Staaten aufgenommen. Deutschland habe bislang lediglich einen Patienten aus Gaza behandelt, sagt Warnke.
Zu Beginn, sagt er, habe er noch gedacht, man müsse vor allem alle Initiativen stärken, die mehr Evakuierungen aus Gaza ermöglichen. Inzwischen plädiere er für eine andere Lösung. Wenn 17.500 Operationspatienten, mehrheitlich Kinder, jeweils wenigstens eine Begleitperson bräuchten und in vielen Fällen weiterer Familienanhang hinzukomme, dann rede man schnell über 50.000 bis 60.000 Menschen. „Das kann man so schnell nicht wirklich stemmen“, sagt er. Vor allem aber hält er diesen Weg medizinisch oft nicht für sinnvoll. „Jemanden mit einem gebrochenen Bein kann ich im Gazastreifen operieren, und es geht schneller.“
Die entscheidende Frage sei also, wie mehr Behandlung hineinkommt, also Personal, und Material. Hier kommt Groom ins Spiel. Seine Organisation Ideals arbeitet seit Jahren in Gaza. „Wir haben 2009 Trainingsprogramme in Gaza begonnen, seit dem 51-Tage-Krieg 2014 intensiv gearbeitet und waren seitdem viele Male dort“, erklärt er. Seit Beginn dieses Krieges im Oktober 2023 habe Ideals 18 erfolgreiche Missionen durchgeführt, jede davon zwischen zwei und vier Wochen.
Weitere neun Missionen seien von Israel untersagt worden. Groom selbst sei viermal in Gaza gewesen und dreimal abgewiesen worden. Aktuell befänden sich Tom Potokar, ein britisch-französisch-slowenischer plastischer und Verbrennungschirurg, Tiziana Roggio, eine italienische, in London tätige plastische Chirurgin, und Milena Chee, eine bulgarische Anästhesistin und Intensivmedizinerin aus London, in Gaza.
Auf die Frage, ob derzeit weitere Ärzte nach Gaza gelangen können, antwortet er: „Ja, aber es ist noch schwieriger geworden. Es gibt viele Hindernisse und viele werden abgewiesen.“ Was seine Teams in Gaza sehen, beschreibt Groom mit wenigen Worten: „Zerstörung, Verwüstung, Tragödie, Mangel an allem, Hunger, sterbende Babys.“
Warnke sagt, dass medizinisch mehr möglich wäre, wenn man die Mittel hineinließe. Es fehle nicht primär an dem Wissen, wie man diese Verletzungen behandelt, sondern an dem, was man dazu braucht: Implantate, Platten, Schrauben, chirurgisches Grundbesteck, Ersatzteile für intraoperative Röntgengeräte, Nahtmaterial, Antibiotika, Narkosemittel. Es gebe noch ausreichend Orte und Strukturen, an denen man operieren könne; man müsse nicht erst neue Krankenhäuser bauen. Auch Unfallchirurgen gebe es in Gaza noch. Das Problem sei, dass das Material nicht hineinkomme, sagt Warnke und verweist erneut auf die Dual-Use-Problematik.
Er habe dazu auch Gespräche mit Lobbyisten des israelischen Außenministeriums geführt, sagt er. Die Reaktion sei stets ähnlich gewesen: Man teile die Sorge um verletzte Kinder, könne aber nichts tun. Metallische Operationsmaterialien würden von der Hamas entnommen und für Bomben verwendet; Antibiotika und Narkosemittel könnten zwar nicht zu Bomben gemacht werden, würden aber gestohlen und auf dem Schwarzmarkt verkauft. Das sei die Begründung für die Einschränkungen. „Ich glaube, dass das genuine Interesse Israels ist, den Gazastreifen leer zu kriegen“, sagt Warnke.
„Der Pilz frisst ihr Gesicht“: Das Sterben ohne Medikamente
Wie konkret sich diese Blockade auswirkt, beschreibt Groom anhand eines Falls. „Bei einem unserer jüngeren Einsätze bat jemand aus unserem Team um ein Antimykotikum, Amphotericin, für eine junge Frau, deren andere Probleme wegen der Blockade nicht ausreichend behandelt worden waren. Sie hatte eine schwere Pilzinfektion.“ Dann der Zusatz in der Anfrage: „Das ist dringend. Der Pilz frisst ihr das Gesicht.“ Das Mädchen sei zwei Tage später unbehandelt gestorben. Es sei nur ein Beispiel. Er habe viele solcher Fälle, die unterschiedliche Aspekte der gegenwärtigen barbarischen Grausamkeit in Gaza illustrierten.

Aus dem, was er vom Völkerrecht gelernt habe, sei das, was in Gaza geschehe, ein Genozid, sagt Warnke. „Da gibt es kein Wenn und Aber.“ Mit dieser Einschätzung steht er nicht allein. Eine wachsende Zahl von Menschenrechtsorganisationen – auch aus Israel –, UN-Experten und Regierungen verwendet inzwischen den Begriff. Auch die International Association of Genocide Scholars, der weltweit größte Fachverband von Genozidforschern, spricht von Völkermord in Gaza.
Auf politischer Ebene haben unter anderem die slowenische Präsidentin Natasa Pirc Musar, der spanische Ministerpräsident Pedro Sánchez sowie mehrere Staaten des Globalen Südens den Begriff öffentlich verwendet oder entsprechende Verfahren gegen Israel unterstützt.
Der Vorwurf gegen Israel stützt sich vor allem auf die hohen Todeszahlen. Laut dem Gesundheitsministerium im Gazastreifen wurden seit dem 7. Oktober 2023 mehr als 72.000 Menschen getötet und über 170.000 verletzt. Diese Zahlen werden auch von der UN und der WHO verwendet. Da viele Opfer noch unter den Trümmern begraben sind, wird davon ausgegangen, dass die tatsächliche Zahl der Toten deutlich höher liegen könnte. In einer Studie kommt das Max-Planck-Institut zu dem Ergebnis, dass die Zahl der Todesopfer bereits deutlich über 100.000 liegen könnte.
Warnke wundert sich darüber, dass viele in Deutschland zum Thema Gaza schweigen. „Ist das nicht die Schlussfolgerung, die wir aus unserer Geschichte ziehen müssen? Dass – egal wo, egal wer und egal wann – das benannt werden muss?“
„Das Ausmaß der Katastrophe ist episch“
Aber auch unabhängig von politischen Bewertungen müsse man den Menschen helfen, sagt Warnke und verweist auf seine Erfahrung als Arzt. „Mir war es doch egal, wer wem in die Fresse gehauen hat, wenn da zwei Verletzte in die Notaufnahme reinkamen.“ Das Ausmaß der stillen Katastrophe in Gaza nennt er „episch“. Er beschreibt es mit einem medizinischen Bild: „Eine sichtbare, mit Importen von Medikamenten und Operationsmitteln behandelbare Krankheit nicht zu behandeln, ist so, als würde ich den OP-Raum meiner Notaufnahme abschließen und den Schlüssel wegschmeißen.“




