Baden-Württemberg

AfD-Spitzenkandidat: „Ich hatte das Gefühl, Özdemir liest Passagen aus unserem Wahlprogramm vor“

Nach den Landtagswahlen im Südwesten: AfD-Politiker Markus Frohnmaier über den „Wahlerfolg“ seiner Partei, mögliche Regierungsoptionen und seine umstrittene USA-Reise kurz vor der Wahl.

Markus Frohnmaier, Spitzenkandidat der AfD für die Landtagswahl in Baden-Württemberg 2026
Markus Frohnmaier, Spitzenkandidat der AfD für die Landtagswahl in Baden-Württemberg 2026Bernd Weißbrod

Nach der Landtagswahl bleibt in Baden-Württemberg das meiste beim Alten: Aller Voraussicht nach wird erneut eine grün-schwarze Koalition regieren, bei der die CDU Juniorpartner der Grünen bleibt. Verschiebung gab es dennoch: Die SPD rutschte mit 5,5 Prozent auf ihr bislang schwächstes Ergebnis im Südwesten, während die FDP und die Linkspartei mit jeweils 4,4 Prozent den Einzug in den Landtag verpassten. Demgegenüber konnte die Alternative für Deutschland ihr Ergebnis im Vergleich zur letzten Landtagswahl nahezu verdoppeln.

Mit 18,8 Prozent hat die AfD ihr bislang bestes Ergebnis in einem westdeutschen Bundesland erzielt. Dennoch blieb das Ergebnis innerhalb der Partei nicht unumstritten, einzelne Stimmen sprachen von hinter den Erwartungen gebliebenen Zugewinnen, auch mit Blick auf die ostdeutschen Bundesländer. Wie bewertet AfD-Spitzenkandidat Markus Frohnmaier das Wahlergebnis und hat ihm seine USA-Reise, wenige Tage vor der Wahl, nicht nur Kritik eingebracht, sondern auch Stimmen gekostet? Ein Interview.

Herr Frohnmaier, die AfD ist in Baden-Württemberg nun klar stärkste Oppositionskraft geworden und konnte ihr Ergebnis nahezu verdoppeln. Trotzdem berichten mehrere Medien von internem Unmut über das Ergebnis. Wie bewerten Sie die 18,8 Prozent für Ihre Partei?

Das ist das beste Ergebnis, das unsere Partei jemals in Westdeutschland erzielt hat, und das in einem Bundesland mit einer sehr hohen Wahlbeteiligung. Wir sehen allerdings auch, dass die CDU vor allem bei älteren Wählern stark abgeschnitten hat, etwa in der Gruppe der über 70-Jährigen. Gleichzeitig beobachten wir, dass besonders viele Menschen AfD gewählt haben, die morgens früh aufstehen, ihren Kindern die Vesperdose herrichten und hart arbeiten.

Diese Menschen fühlen sich von unserer Politik offensichtlich angesprochen. Uns ist aber auch klar, dass wir bei anderen Altersgruppen noch stärker für unsere Ideen werben müssen. Unterm Strich ist das Ergebnis für uns aber ein großer Erfolg. Während andere Parteien ihre Stammwählerschaft teilweise nicht halten konnten, ist es der AfD gelungen, deutlich zuzulegen.

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IMAGO/Chris Emil Janssen
Zur Person
Markus Frohnmaier, geboren in Rumänien, wuchs in Baden-Württemberg auf. Er ist seit 2017 Mitglied des Deutschen Bundestages und außenpolitischer Sprecher der AfD-Bundestagsfraktion. Zuvor war er Bundesvorsitzender der AfD-Jugendorganisation Junge Alternative.

Bei der Landtagswahl 2026 trat er als AfD-Spitzenkandidat in Baden-Württemberg an.

Stichwort Westdeutschland: Während die AfD in mehreren ostdeutschen Bundesländern mit Abstand stärkste Kraft ist, bleiben die Ergebnisse im Westen deutlich darunter. Wie erklären Sie sich diesen deutlichen Unterschied?

Ich glaube, dafür muss man kein Raketenwissenschaftler sein. Menschen beschäftigen sich oft intensiver mit Politik, wenn wirtschaftliche Entwicklungen unmittelbar spürbar werden. Etwa, wenn es im eigenen Geldbeutel ankommt. Wenn man Regionen in Ostdeutschland mit Baden-Württemberg vergleicht, dann sind die Ausgangsbedingungen eben sehr unterschiedlich. Deshalb sind die politischen Entwicklungen dort auch schwer direkt miteinander zu vergleichen.

CDU-Spitzenkandidat Manuel Hagel liegt mit seiner Partei knapp hinter den Grünen. Trotzdem hätte er Ministerpräsident werden können, würde er nicht an der Brandmauer zur AfD festhalten. Sehen Sie die CDU künftig eher als politischen Gegner oder weiterhin als potenziellen Partner?

Manuel Hagel steht jetzt vor einer grundlegenden Entscheidung: Will die CDU sich erneut für fünf Jahre zum Steigbügelhalter grüner Politik in Baden-Württemberg machen lassen oder nutzt sie die konservativen Mehrheiten, die es im Land gibt?

Wenn man sich das nüchtern anschaut, haben bei dieser Wahl nur zwei Parteien deutlich zugelegt: die AfD und die CDU. Für mich ist das eigentlich ein klarer Auftrag der Wähler, keine grüne Politik mehr fortzusetzen. Gemeinsam hätten wir die größte Unterstützung. Die Brandmauer ist allerdings eine Entscheidung der CDU. Das können wir ihr nicht abnehmen. Die Partei muss selbst klären, wie lange sie ihren Wählern noch erklären will, warum sie grüne Politik ermöglicht.

Und gleichzeitig bleibt Ihre Partei trotz Zugewinnen auf unbestimmte Zeit ohne realistische Koalitionsoption. Was nützt der AfD ein Wahlerfolg, wenn sie nicht mitregieren kann?

Wir sehen ja schon jetzt, dass wir den politischen Takt stark mit vorgeben. Im Wahlkampf war zu beobachten, dass andere Parteien, etwa in der Migrationspolitik, Positionen vertreten haben, die unseren sehr nahekommen. Manchmal hatte ich den Eindruck, der Cem Özdemir liest Passagen aus unserem Wahlprogramm vor.

Das ist eine interessante Entwicklung und zeigt, dass wir die politische Debatte prägen. Wenn das dazu führt, dass die Politik in Baden-Württemberg besser wird, dann haben wir unser Ziel erreicht. Am Ende geht es um das Land und um die Sache. Nicht darum, wer eine Maßnahme umsetzt.

Aber wenn andere Parteien Ihre Positionen übernehmen, dann braucht es die AfD irgendwann gar nicht mehr. Ist das wirklich Ihr Ziel?

Ich befürchte, dass es einen Unterschied gibt zwischen dem, was vor und während einer Wahl gesagt wird, und dem, was danach tatsächlich umgesetzt wird. Die CDU ist nicht unbedingt dafür bekannt, ihre Wahlversprechen konsequent umzusetzen. Deshalb gehe ich nicht davon aus, dass uns die politische Arbeit ausgeht und wir arbeitslos werden.

AfD-Spitzenkandidat Markus Frohnmaier (M.) während der ersten offiziellen Hochrechnung
AfD-Spitzenkandidat Markus Frohnmaier (M.) während der ersten offiziellen HochrechnungUwe Anspach

Für Sie geht es jetzt erst mal zurück nach Berlin, da Sie in Baden-Württemberg nicht in einem Wahlkreis angetreten sind, was Ihnen auch viel Kritik eingebracht hat. Was bedeutet das für den Landesverband und wie geht es dort jetzt weiter?

In dieser Woche werde ich mich zunächst gemeinsam mit Kollegen darum kümmern, die neue Landtagsfraktion zu organisieren. Danach werde ich mich wieder stärker den außenpolitischen Brandherden widmen.

Apropos Außenpolitik: In der Woche vor der Wahl sind Sie in die USA gereist, was Ihnen erneut Kritik eingebracht hat. Nach Bekanntgabe der Wahlergebnisse wurden Sie im SWR erneut darauf angesprochen und sagten, die Vereinigten Staaten seien ein zentraler Partner für die deutsche Automobilindustrie. Gleichzeitig kritisiert Ihre Partei die USA seit dem Beginn des Iran-Krieges teilweise scharf. Wie passt das zusammen?

Uns geht es darum, deutsche Interessen zu vertreten. In den Stellungnahmen der Partei wird etwa darauf hingewiesen, dass sich regionale Konflikte nicht weiter ausweiten dürfen und dass neue Migrationsbewegungen oder Störungen von Handelswegen verhindert werden sollten. Das sind Entwicklungen, die wir natürlich im Blick behalten müssen.

Partnerschaften bedeuten aber nicht, dass man in allen Fragen einer Meinung ist. Gerade zwischen Partnern gibt es unterschiedliche Interessen, und die muss man auch offen benennen können. Gleichzeitig spricht nichts dagegen, in anderen Bereichen eng zusammenzuarbeiten.

Aber die Zusammenarbeit hätte man ja auch nach dem Wahltermin intensivieren können und nicht drei Tage vor der Wahl?

Bei meinem Besuch in den USA ging es zum Beispiel um Gespräche über wirtschaftliche Fragen: Welche Rolle spielt China künftig in der Industrie? Welche Perspektiven hat der deutsche Maschinenbau, der gerade in Baden-Württemberg stark ist? Und wie entwickelt sich die Automobilindustrie, etwa mit Blick auf das Verbrennerverbot oder Vorgaben aus der EU? Das sind Themen, die wir auch mit internationalen Partnern besprechen müssen.

Hat Ihnen dieser USA-Besuch oder auch der sogenannte Vetternwirtschaftsskandal in der AfD, in dessen Zusammenhang auch Ihr Name gefallen ist, rückblickend geschadet?

Ich sehe das nicht so. Das starke Ergebnis, das wir eingefahren haben, beanspruche ich als Spitzenkandidat natürlich auch für mich und alle, die gemeinsam mit mir Wahlkampf gemacht haben. Wir haben als Team großartige Arbeit geleistet. Das sollte man sich auch nicht nehmen lassen.

Nach der Wahl ist bekanntlich vor der Wahl: War das Ergebnis Ihrer Partei in Baden-Württemberg eine Ausnahme oder der Beginn eines langfristigen Trends in Westdeutschland?

Ich würde gern optimistischer auf die Entwicklung im Land schauen. Aber ich befürchte, dass sich politisch nicht viel ändern wird: Die alte Regierung dürfte im Wesentlichen auch die neue sein. Die strukturellen Probleme werden damit aus meiner Sicht nicht gelöst.

Wenn sich dieser Kurs fortsetzt, könnte Baden-Württemberg weiter Industriearbeitsplätze verlieren. Unternehmen verlassen bereits heute den Standort, im Durchschnitt melden täglich sieben Unternehmen Insolvenz an. Gleichzeitig erleben wir, dass selbst gut ausgebildete Ingenieure in der Automobilindustrie Abfindungsangebote bekommen, etwas, das früher kaum vorstellbar war. Vor diesem Hintergrund glaube ich nicht, dass die Zustimmung zur AfD in den nächsten Jahren abnehmen wird.