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Geschichte wiederholt sich nicht, aber der Auf- und Abstieg von technologisch-ökonomischen Mächten durchaus. Dies gilt auch im Verhältnis zwischen China und der Europäischen Union und Deutschland. Vom 5. bis 12. März dieses Jahres fanden die Sitzungen des Nationalen Volkskongresses und der Chinesischen Politischen Konsultativkonferenz statt. Im Mittelpunkt stand der 15. Fünfjahresplan der Volksrepublik China für die Jahre 2026 bis 2030. Ziel ist eine systematische globale Technologieführerschaft über alle Industriezweige hinweg. Was wir derzeit erleben, ist kein schrittweiser Wandel – wir erleben einen systemischen Wandel. Der aktuelle Fünfjahresplan (2026–2030) markiert den Übergang Chinas vom technologischen Aufholprozess zur globalen Führungsrolle. Dabei geht es nicht darum, innerhalb des vorhandenen Systems globaler Arbeitsteilung zu konkurrieren. Es geht darum, das globale System selbst neu zu definieren.
Damit wird sich in den nächsten fünf Jahren das Verhältnis zwischen China und der EU sowie Deutschland in den Bereichen von Wissenschaft, Technologie und Wirtschaft einschneidend verändern. Lange sah es für Deutschland gut aus. Mit dem Eintritt Chinas in die Welthandelsorganisation im Jahr 2000 explodierte der Handel Deutschlands mit China und stieg auf 130 Milliarden Euro im Jahr 2010. Deutschland exportierte Spezialmaschinen, industrielle Ausrüstung und Autos sowie hochwertige Chemie- und Pharmaprodukte und importierte seinerseits Elektronik, Konsumgüter und industrielle Zwischenprodukte. Dieser Honeymoon in den wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und China setzte sich ein weiteres Jahrzehnt fort. Deutschlands Wirtschaft brummte. Das Handelsvolumen stieg bis 2020 auf über 200 Milliarden Euro und 2016 wurde China Deutschlands wichtigster Handelspartner.
Von Partnern zu Konkurrenten
In Zeiten des 14. Fünfjahresplans Chinas, in den Jahren von 2021 bis 2025, änderte sich dieses Bild. Aus Komplementarität der beiden Volkswirtschaften wurde direkte Konkurrenz. In immer mehr Sektoren verloren die deutschen Unternehmen die Technologieführerschaft, vor allem im Bereich grüner Technologien und bei Elektroautos. 2025 gab es ein Handelsdefizit von sage und schreibe 90 Milliarden Euro. Der Export sank gegenüber 2020 um 17 Prozent, während der Import sich auf 171 Milliarden Euro und damit um rund 60 Prozent erhöhte. Der Handel mit China war bis 2020 ein Job-Motor der deutschen Industrie. Das ist vorbei. Allein 2024/25 sind rund hunderttausend Arbeitsplätze im Automobilbau verloren gegangen. Was einst eine Partnerschaft war, ist heute in vielen Branchen zu einer Verdrängung geworden.
Dies wird Deutschlands Industriemodell infrage stellen. Während Deutschland in einigen Bereichen immer noch die besten Maschinen der Welt baut, wird China immer stärker darin, die technologischen Systeme der Zukunft in ihrer Breite zu kontrollieren. China hat zum einen in die traditionellen Industrien und andererseits in den Bereich der neuen Hightech-Branchen investiert und ein weitgehend autarkes, staatlich koordiniertes wissenschaftliches, technologisches und industrielles System geschaffen. Die Volksrepublik hat in dieser Hinsicht ein globales Alleinstellungsmerkmal und dies auch gegenüber den USA.
Chinesische Geschwindigkeit, Integration in die – an Kaufkraft gemessen – größte Volkswirtschaft der Welt und Umsetzung der Innovationen in Massenproduktion sind Merkmale des chinesischen Modells geworden. Aus „Made in China“ wird vor unseren Augen „Created in China“. Der neue Fünfjahresplan zielt darauf ab, das Land zum globalen Innovationszentrum werden zu lassen. Die Ressourcen für die Realisierung dieses Ziels sind da. Der Anteil der Investitionen in China liegt bei über 40 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, in Deutschland und den USA bei etwas mehr als zwanzig Prozent. Wenn sich nichts ändert, wird China im Jahr 2030 womöglich 40 bis 45 Prozent der weltweiten Industrieproduktion auf sich vereinigen, so die United Nations Industrial Development Organization (UNIDO). Chinas Dynamik ist deshalb investitionsgetrieben, die Deutschlands (noch?) exportgetrieben und die der USA konsumgetrieben.

Chinas Wissenschaftler holen auf
Wirft man einen Blick auf das wissenschaftliche Potenzial Chinas, dann wird deutlich, dass China über wichtige Voraussetzungen verfügt, neben oder sogar vor den USA die globale Technologieführerschaft zu übernehmen. Unter den zehn führenden Forschungseinrichtungen liegen nach Einschätzung der europäischen Organisation HiPEAC sieben in China (2015 war es nur eine), je eine in den USA und eine in Deutschland (die Max-Planck-Gesellschaft). Folgt man dem Ranking der World Intellectual Property Organization und ihrem Global Innovation Index, der Patente und Publikationen kombiniert, dann sind unter den zehn führenden Industrie-Technologie-Zentren vier in China (Shenzhen–Hongkong–Guangzhou, Beijing, Shanghai–Suzhou und Nanjing), drei in den USA (Silicon Valley, Boston–Cambridge und New York) und nur zwei in der EU (Paris und Eindhoven). Hinzu kommt in Japan die Region Tokyo–Yokohama.
Welche Antwort können Deutschland und die EU als Ganzes auf die Herausforderung finden, die der 15. Fünfjahresplan darstellt? Wer Chinas Pläne liest, muss wissen, dass die Vision der EU von einer geopolitischen technologisch-wirtschaftlichen Supermacht sich als Chimäre erwiesen hat und ausgeträumt ist.
Die Ursache liegt in zwei Grundsatzentscheidungen am Anfang der 1990er-Jahre. Zum einen garantierte der Verbleib des vereinigten Deutschlands in der Nato die dauerhafte sicherheitspolitische Abhängigkeit der EU von den USA und schuf zugleich die Bedingungen für die Konfrontation mit Russland. Selbst wenn es ernsthafte Anstrengungen geben würde, die Abhängigkeit von den USA, darunter nicht zuletzt die technologische Abhängigkeit, und die Konfrontation mit Russland zu überwinden, würde dies nicht Jahre, sondern Jahrzehnte dauern. Zum anderen wurde in den frühen 1990er-Jahren der fatale Beschluss gefasst, die EU zu erweitern und ihre Integration als Markt zu vertiefen (u. a. durch die Einführung des Euro und den gemeinsamen Binnenmarkt), ohne zuvor die gemeinsame Handlungsfähigkeit bezogen auf die Zukunftsfragen von wissenschaftlicher und technologischer Entwicklung und strategischer Ausrichtung der wirtschaftlichen Entwicklung radikal zu stärken.
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Zu den USA und China aufzuschließen, ist eine Illusion
Die EU hat nicht die Stärken der Modelle der USA oder Chinas. Sie versucht, dieses Manko durch Koordination der nationalen Politiken und von Großunternehmen und Forschungseinrichtungen wettzumachen. Doch das Übergewicht nationaler Interessen setzt dem Grenzen. Noch enger sind die Grenzen, die dadurch gezogen sind, dass die auf EU-Ebene vorhandenen Ressourcen viel zu gering sind, um eine wirksame Lenkung der wissenschaftlich-technologischen und industriellen Entwicklung zu ermöglichen. Die EU-Kommission hat nur rund ein Prozent des BIP der Union in direkter Verfügung, um gemeinsame Ziele durchzusetzen, und ist von einer Vielzahl von Veto-Playern abhängig. Trotz aller Koordinationsanstrengungen kann die Fragmentierung in der EU nicht überwunden, sondern nur abgemildert werden.
Man spricht in der EU freundlich von komplexer „Multi-Level-Governance“, die sich auf die indirekte Einflussnahme auf Industriepolitik durch Regulierung, Setzen von Standards und Förderprogramme (mit sehr eingeschränkten Mitteln) fokussiert. Um es klar zu sagen: Die Zusammenarbeit zwischen den 27 EU-Mitgliedstaaten ist kein Ersatz für die Fähigkeit, die technologische und wirtschaftliche Entwicklung wirksam zu steuern. Jahrelang sprach Europa von „strategischer Autonomie“. Doch Autonomie erfordert die Bündelung von Ressourcen, wirksame Institutionen und politische Einheit. Europa verfügt über nichts davon in ausreichendem Maße. Die Vorstellung, zu den USA und China aufzuschließen, ist unter den gegenwärtigen Umständen eine Illusion.
Wenn es richtig ist, dass die EU mit Deutschland als ihrer wichtigsten Industrienation keine Möglichkeit hat, einen wissenschaftlich-technologisch wie ökonomisch eigenständigen geopolitischen Pol auf Augenhöhe mit den USA und China zu bewahren, muss die Strategie dieser Realität angepasst werden. Der deutliche Abbau von Industriearbeitsplätzen in den klassischen Zweigen von Automobilindustrie, Maschinenbau und Chemieindustrie in Deutschland ist unvermeidlich. Es wird weder in der Breite der Technologien noch bei den Kerntechnologien der Zukunft gelingen, eine globale Führungsrolle einzunehmen. Weltwirtschaftlich können deutsche wie andere EU-Unternehmen sich nur auf bestimmte technologische Nischen konzentrieren.
Der Niedergang der EU ist nicht ihr Zusammenbruch
Strategische Autonomie der EU ist unmöglich. Was dagegen möglich ist, ist die Reduktion einseitiger Abhängigkeiten. Dazu ist die Diversifizierung der Außenwirtschaftsbeziehungen zwingend erforderlich. Deutschland wie die EU sind, folgen sie ihren rational verstandenen Interessen, auf eine vermittelnde Rolle festgelegt, jenseits von Blockkonfrontation und kaltem Krieg mit China. Die Vasallenschaft gegenüber den USA wie auch die Fixierung auf Wachstum des Exports nach China sind für Deutschland zu einer Sackgasse geworden. Nun müssen Deutschland und die EU als Ganze vor dem Hintergrund des Aufstiegs Chinas (und perspektivisch Indiens) und der Neuorientierung der USA ihren eigenen relativen Abstieg gestalten. Das ist eine sehr schwierige Aufgabe.



