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Schlosskatze Sheldon: Der Kater, der Rheinsberg regiert

Kater Sheldon ist zehn Jahre alt und stolziert täglich über das Schlossgelände von Rheinsberg. Unsere Autorin hat ihn kennengelernt.

Der Kater Sheldon erkundet den Park von Schloss Rheinsberg.
Der Kater Sheldon erkundet den Park von Schloss Rheinsberg.Jörg Carstensen/dpa

Trotz ihrer Vergangenheit ist es heutzutage in den einschlägigen Preußischen Schlössern in Berlin und Brandenburg voll, und wie! Prunk und Dekadenz, aus denen eben auch wunderbare architektonische Schönheiten entstanden sind, ziehen immer.

So auch in Rheinsberg, wo es tatsächlich noch einen Herrscher gibt, wenn auch der etwas anderen Art. Sheldon heißt der sehr undeutsch und er hat eine Fellnase, aber dennoch: Er ist der heimliche Regent in dem märkischen Städtchen, er ist der König von Rheinsberg. Zumindest im Schlosspark, wo man den stattlichen Kater bei schönem Wetter fast täglich antreffen kann.

Über zehn Jahre ist er mittlerweile alt, aber das merkt man ihm in seiner fast jugendlichen Frische nicht an, auch wenn er bereits von der ein oder anderen körperlichen Abnutzungserscheinung heimgesucht wird. Arthrose in den Beinchen, beim Röntgen nach einer Verletzung festgestellt, das ist bitter, haut aber einen Sheldon nicht um.

Der gut Genährte gibt sich stets volksnah, ohne Dünkel. Er ist leutselig, streift den Besuchern um die Beine und fährt schon mal in einem Affenzahn in dem ein oder anderen leeren Kinderwagen mit, dass einem fast schwindelig wird vor lauter Rasanz. Es ist die Kombination aus rustikaler Volksnähe, Dynamik und Kultur, die diese Mischung aus Maine Coone und Norwegischer Waldkatze mit dem englischen Namen so beliebt macht.

Denn Sheldon hat auch einen Sinn für die schönen Künste, besucht im Sommer schon mal das ein oder andere Konzert der Kammeroper im Schloss, oder aber – und das ist geradezu Pflicht, seitdem Kurt Tucholsky mal eine ostpreußische Katze in einem seiner Texte hat sprechen lassen – er stromert nonchalant in das Tucholsky-Museum, wo er es sich auf dem Stuhl des Schriftstellers gemütlich macht und vielleicht ab und zu mal die Totenmaske des Schriftstellers anfaucht, die auch ihm nicht ganz geheuer ist.

Fotoprobe zu „Così fan tutte“ an der Kammeroper Schloss Rheinsberg im Schlosshof Rheinsberg.
Fotoprobe zu „Così fan tutte“ an der Kammeroper Schloss Rheinsberg im Schlosshof Rheinsberg.Martin Müller/imago

Sheldons literarische Artgenossen

Während Tucholsky bekanntlich Hunde hasste, weil das debile Gebell der in seinen Augen stumpfsinnigen Nachbarkreatur ihn vor allem beim Arbeiten störte und das in seinen Werken schon mal ausgiebig und genüsslich kundtat, war er Katzen sehr zugetan.

„Magst du den Hund?“, schrieb er 1927 als „Peter Panther“ in der Vossischen Zeitung an Kater Mingo, und gab sogleich die vernichtende Antwort: „Ich auch nicht. Er brüllt den ganzen Tag, zerstört mit seinem unnützen Lärm die schönsten Stillen und wird in seiner Rücksichtslosigkeit nur noch von der seiner Besitzer übertroffen.“ Das war mehr als deutlich.

Tucholskys eigene literarische Katzengestalt, die war auch irgendwie anders und zunächst wenig gefällig. Ein Tier aus Königsberg, das im breitesten Ostpreußisch sprach und bereits 1924 in der Vossischen Zeitung, auf ihren Nachwuchs angesprochen, das Schwarze Schaf der Familie gebeichtet hatte: „Es sinn alles orntliche Katzen jeworn – bis auf äine. Die streicht da aufn Monmartä rum, bei die Franzosen – und wenn mal ’n Tanzvergniejen is, denn macht se sich an die Fremden ran.“

Tagesausflüge über das Schlossgelände

Sheldon weiß nichts von seinen literarischen Artgenossen. Ihm liegt Nachwuchs sowieso völlig fern, weil er ein eingefleischter Junggeselle ist, der keine Gefährtin braucht. Er geht in seiner Arbeit auf und hat so ausreichend Zeit, seinen Job als Tourismus-Botschafter der Stadt nachzugehen und Fremde zu bespaßen.

Der Dank: Eine Erwähnung auf der städtischen Internetseite. Das beinhaltet dann natürlich auch gelegentliche Abstecher in die benachbarte Touristeninformation, um dort nach dem Rechten zu sehen und vielleicht mal die Prospekte auf Vollzähligkeit zu überprüfen.

Hat er Durst, ordert er schon mal, so sieht es zumindest auf einem der Fotos bei Facebook aus, ein „Kronprinzen Pils“ in der Gaststätte seines Vertrauens, und das ist natürlich ein regionales Bier.

Auf seiner Facebook-Seite zählt Sheldon bereits fast 7000 Follower sein Eigen. Fans, die manchmal auch mit ihm gelitten haben. Damals vor drei Jahren, als dunkle Gestalten in einem Auto vorfuhren und den tierischen Promi, der gerade einen Dienstgang machte, doch tatsächlich entführen wollten.

Zufällig schaute ein Mitarbeiter aus dem Tucholsky-Museum gerade aus dem Fenster und konnte so diese scheußliche Aktion verhindern. Sheldon wurde nicht in das Auto der Verbrecher gezerrt, schüttelte sich nur kurz angewidert und vergaß das Attentat sogleich wieder, eben ein wahrer Profi, der nur das Wohl seines Volkes im Sinne hat.

Sheldon zu begegnen ist nicht leicht

Er begleitet die Besucher schon mal ein kurzes Stück auf ihren Wegen oder liegt friedlich unter der Bank, wenn ihm die sommerlichen Temperaturen zu anstrengend werden. Wer es schafft, Sheldon ausfindig zu machen, was nicht immer einfach ist, kann ein Foto ergattern und das Ergebnis zur Begeisterung aller Mit-Fans bei Facebook einstellen.

Schloss Rheinsberg und der Lustgarten in Rheinsberg im Landkreis Ostprignitz-Ruppin im Bundesland Brandenburg.
Schloss Rheinsberg und der Lustgarten in Rheinsberg im Landkreis Ostprignitz-Ruppin im Bundesland Brandenburg.Jürgen Ritter/imago

Der Katze zu begegnen, gestaltet sich tatsächlich nicht immer einfach, weil der Park sich sehr weit erstreckt und es viele Möglichkeiten gibt, wo Sheldon sich gerade aufhalten könnte. Mal liegt er, wenn es ganz besonders heiß ist, unter einer Hecke im Schatten, sodass man ihn kaum sieht. Oder aber er streift um die künstliche Ruine im Park.

Lässt man sich im Hochsommer erschöpft auf einer der steinernen Bänke nieder, um das Postkartenmotiv am Grienericksee zu bewundern, so kann es passieren, dass Sheldon es sich darunter bequem gemacht und sein royales Haupt zum Schlafen in den schattigen märkischen Sand gebettet hat.

Ein souveräner Kater

Sheldons Besitzer, ein örtlicher Allgemeinmediziner mit seiner Familie, habe ihn vor Jahren nur deshalb ausgewählt, weil er etwas hochmütig dreinschaute und sich nicht gleich so anbiederte wie seine Geschwister.

Schon als Kätzchen war Sheldon also eigentlich schon ein Royal, der dann seine Bestimmung im Rheinsberger Schlosspark fand, obwohl er sie vielleicht gar nicht gesucht hatte. Tatsächlich gibt es Besucher, die extra wegen ihm nach Rheinsberg kommen und durch den Park irren, um die Lichtgestalt der brandenburgischen Katzenpopulation auch endlich einmal zu Gesicht zu bekommen.

Doch was sieht der Kater eigentlich außer dem Märchenschloss und den Menschen, die durch den Park streifen und dann zur nächsten Sehenswürdigkeit hetzen? Seine grünen unergründlichen Augen scheinen alles und nichts zu wissen. Das lässt genug Spielraum für Interpretationen, auch für eine virtuelle Vermenschlichung des Tieres, was sein Schaden nicht sein kann. In der Regel ist man ihm wohlgesonnen und vielleicht fällt sogar das ein oder andere Leckerli für ihn ab.

Hunde scheint er tatsächlich nicht zu hassen, und im Jenseits schüttelt Kurt Tucholsky den Kopf. Eine gewisse Antipathie mag vorhanden sein, doch selten artet sie in Pfotegreiflichkeiten aus.

Ein souveräner Kater, der mittlerweile zu Rheinsberg gehört, wie das Schloss selber. Der die Besucher für eine Weile die Zeit vergessen lässt, und vor allem die Welt da draußen außerhalb des goldenen Zauns. Und für den, glaubt man Kurt Tucholsky, ebenso wie für seine Artgenossen, gilt: Die Katze ist ein freier Mitarbeiter, der Hund ein Angestellter.

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