Für Schweizer mag die Bezeichnung „Mecklenburgische Schweiz“ eine Beleidigung sein. Denn die Hügel dieser lieblichen Landschaft reichen nur selten über eine Höhe von 100 Metern hinaus; der höchste Berg der Mecklenburgischen Schweiz ist der Hardtberg, zwischen Teterow und dem Kummerower See gelegen, der gerade einmal 124 Meter hoch ist. Eine Tour durch die Mecklenburgische Schweiz ist also auch ohne E-Bike machbar – bei Gegenwind, in dieser Gegend keine Seltenheit, ist die Unterstützung eines Elektromotors allerdings hilfreich.
Unsere Radtour soll rund um Teterow führen, Schlösser und Seen gibt es hier zu Genüge. Von Berlin ist der Bahnhof Teterow in gut drei Stunden mit Regionalzügen zu erreichen, die viel Platz für den Radtransport bieten. Angekommen in Teterow zeigt sich der Bahnhof als hübsch restauriertes Ziegelsteingebäude, das über eine edle Gaststätte verfügt.

Das erste richtige Ziel der Tour ist Schloss Schorssow, nur 15 Kilometer vom Bahnhof entfernt. Dorthin führen uns zwar keine richtigen Radwege, aber die engen Landstraßen sind dermaßen wenig befahren, dass die Radlergruppe fast immer freie Fahrt genießt. Im Sommer säumen goldgelbe Weizenfelder und grüne Weiden den Weg.
Im Dorf Bristow unbedingt einen Stopp einlegen, um die imposante Gutsanlage zu besichtigen. Das Gut war relativ vermögend: Zu ihm gehören eine Feldsteinscheune, eine Pferdeschwemme, ein Wirtschaftsgebäude, ein Speicher, eine Grabkapelle und ein Geflügelhaus; das Wort Pferdeschwemme bezeichnet eine Stelle im Fluss, an der die Huftiere nach der Arbeit hineingeführt werden, um sie zu säubern und zu tränken.
Vor einigen Jahren hat der Sohn des weltbekannten Fotografen Will McBride das Gut gekauft. McBride fotografierte Persönlichkeiten wie Romy Schneider, Donna Summer, Theodor Heuss und Konrad Adenauer. Sehenswert sind nicht nur seine Fotografien, sondern übrigens auch die Kirche in Bristow, handelt es sich doch um die erste nach der Reformation gebaute Dorfkirche.

Gemütliche 20-Fahrrad-Minuten weiter liegt Schloss Schorssow, umgeben von einem gepflegten Park mit einigen Springbrunnen, ein mittlerweile perfekt restauriertes Gebäude. Wer es noch aus dem Ende der Neunziger kennt, wird es kaum wiedererkennen – damals war das Schloss eine baufällige Ruine, viele Fenster waren zugemauert.
Dank der kurzen Etappen von Teterow über Bristow bis zum Schloss Schorssow bleibt am Nachmittag noch Zeit für ein Bad im kleinen See hinter dem imposanten Gebäude; sogar einen Mini-Sandstrand inklusive Strandkörbe gibt es hier. Für den nächsten Teil hat sich die Gruppe ein Ziel gesetzt, dass das einladende Schlösschen trotzdem in den Schatten stellt: Schloss Basedow, das mit seinen Türmchen und Erkern wirkt wie ein Palast aus Tausendundeiner Nacht.

Auch der direkte Weg nach Basedow wäre mit gerade einmal 15 Kilometern ein kurzes Vergnügen, das sich aber mit einigen Schlenkern über weitere Schlösser zu einer Tagestour von rund 40 Kilometern ausdehnen lässt. Wir entscheiden uns für die längere Fahrt und legen einen ersten Halt in Vollrathsruhe ein, einem Dörflein, in dem sich zu DDR-Zeiten einer der berüchtigten Jugendwerkhöfe für „schwer erziehbare Kinder“ befand.
Aktuell ist das dortige Gutshaus Vollrathsruhe erst zur Hälfte restauriert. Im Ortsteil Hallalit gibt es zudem ein 104 Meter langes Landarbeiterwohnhaus zu besichtigen, das vor rund 150 Jahren aus Feldsteinen errichtet wurde und Platz für 16 Familien bot.
Einige Kilometer südlich liegt schon das nächste Schloss: der Blücherhof aus dem Jahr 1902, umgeben von einem dendrologischen Park. Im Schlosshof gibt es ein kleines Café, perfekt für eine Radlerpause; das Schloss selbst macht indes einen verwunschenen Eindruck. Unkraut sprießt hier aus allen Ritzen, von außen ist nicht ganz klar, ob es noch bewohnt ist oder nicht. Am riesigen, kunstvoll gestalteten schmiedeeisernen Schlosstor ist ein Hinweis angebracht, demzufolge das Gebäude von einem VEB-Betrieb restauriert wurde.
Zur schönen Mittagsrast unbedingt ins Gasthaus zur Kastanie in Moltzow
Für das Betreten des Parks mit rund 200 dendrologischen Seltenheiten, also besonderen Bäumen, wird eine Gebühr von 2 Euro erhoben, die Besucherinnen und Besucher in ein bereitgestelltes Kästlein werfen können. In einer Lokalzeitung ist noch zu lesen, dass der Blücherhof nach dem Tod seines Besitzers, einem Tüftler von Hanf-Erntemaschinen namens Hans-Helmuth Kranemann, zum Verkauf steht und ein Riesenpotential berge.
Eine schöne Mittagsrast erwartet die Radlerinnen und Radler keine 20 Minuten vom Blücherhof entfernt, im Gasthaus zur Kastanie in Moltzow, einem traditionellen Landgasthaus. Drinnen sitzt man an alten Nähmaschinentischen, draußen im Schatten der großen Kastanie, serviert wird mecklenburgische Hausmannskost wie vor 100 Jahren. Frisch gestärkt sind die wenigen Kilometer bis Schloss Ulrichshusen ein Klacks.

Mit dem Burggraben drumherum und der Brücke wirkt das Schloss ein bisschen wie eine Trutzburg. Im Sommer kommt hier die hohe Kultur zusammen – das Schloss dient als ein Standort der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern. Ein guter letzter Halt, bevor es zum Schloss Basedow geht, dem „Palast aus Tausendundeiner Nacht“.
Das Schloss ist nach einigen Besitzerwechseln mittlerweile zur Hälfte restauriert; es war 1837 nach den Plänen des Architekten Friedrich August Stüler erbaut worden. Wie uns der Portier des nebenan gelegenen Hotels erzählt, war das noch immer imposante Gebäude früher sogar größer. Hinter Schloss Basedow weiden in pittoresken Burgruinen Ziegen, an der Vorderseite hat Lenné einen Park entworfen. Im Ort gibt es gleich mehrere Restaurants und Cafés, ein Luxus, der auf der übrigen Strecke meist ausgeblieben war – sogar eine Disco mit dem passenden Namen „Kleiner Lord“ hat Basedow zu bieten.
Über das eher langweilige Malchin geht die Strecke am dritten Tag nach Dalwitz, rund 50 Kilometer von Basedow entfernt. Hinter dem Ort liegt der Kummerower See, der ebenso zu einem Stopp einlädt. Denn hier steht ja noch das Schloss Kummerow, eine barocke Anlage, die ein Denkmal von nationaler Bedeutung und ein Ort für Kunstausstellungen ist – ein echter Leckerbissen für Kulturfreunde. Unter anderem sind hier 300 Holzfiguren des Bildhauers Uwe Schloen zu sehen. Momentan ist das Schloss allerdings geschlossen, es soll 2024 wiedereröffnet werden.

Nach dem Stopp am Schloss Kummerow folgt für die Radlergruppe die erste Pleite der Tour: Auf der ADFC-Fahrradkarte war eine Strecke südlich des Seeufers nach Gorschendorf eingezeichnet, doch nach einem Stück Feldweg wechselt die Route plötzlich auf eine Wiese – Schieben ist angesagt. Und dann warnt unmittelbar vor dem Peenekanal, an einem kleinen Deich, auch noch ein Schild vor dem Betreten des Areals. Unserer Gruppe stellt sich also die Frage: kilometerweit zurückschieben oder mutig weiter?
Der Entdeckergeist siegt, doch hinter dem Deich wartet schon dichtes Schilf, das mühsam durchquert werden muss. Erst danach zeigt sich der Peenekanal als ruhig dahinfließendes Gewässer – über das allerdings an dieser Stelle keine Brücke führt. Zum Retter in der Not wird schließlich der freundliche Betreiber der nahen Gaststätte Moorbauer, die am Ufer liegt und nur mit Tretbooten erreichbar ist. Rad und Reiter werden also (Mecklenburger sind sehr unkompliziert!) schließlich im Boot ans andere Ufer befördert, die Fahrt kann endlich weitergehen.
Die Gegend wird in Richtung Dalwitz zunehmend flacher, die Felder werden weiter. Das Gut Dalwitz, der letzte Stopp auf unserer dreitägigen Tour, bietet auf einem museumsreifen, idyllischen Gehöft mit Pferden Angebote für Ferien auf dem Bauernhof. In der ehemaligen Scheune würde an kalten Tagen ein Kamin brennen, auf dem Steaks und Gemüse gegrillt werden.

Das renovierte Herrenhaus, von einem Wassergraben umgeben, glänzt in englischem Cottage-Stil und macht Lust auf einen längeren Aufenthalt. Auf dem Dachfirst des Pferdestalls wacht ein Storchenpaar – ein Anblick, der in vielen Dörfern der Gegend alltäglich ist.




