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Nationalmuseum Posen: Die famosen Werke von Jacek Malczewski

Im Posener Nationalmuseum sind die Werke des Polen Jacek Malczewski (1854–1929) zu sehen. Aus Lwiw kamen Werke hinzu. Ein Gespräch mit Kurator Pawel Napierala.

Pawel Napierala, Kurator der Posener Ausstellung mit Malczewskis Gemälden aus der Nationalen Kunstgalerie Lwiw in seiner Ausstellung, mit dem Bild „Medusa“.
Pawel Napierala, Kurator der Posener Ausstellung mit Malczewskis Gemälden aus der Nationalen Kunstgalerie Lwiw in seiner Ausstellung, mit dem Bild „Medusa“.Arkadiusz Luba

Im Nationalmuseum Posen befindet sich die polenweit größte Sammlung von Gemälden Jacek Malczewskis, dem größten polnischen Symbolisten. Hinzu sind 34 Werke des Malers aus der Sammlung der Nationalen Kunstgalerie Lwiw gekommen, gerettet vor dem russischen Krieg gegen die Ukraine. Die Ausstellung wird bis zum 1. Oktober 2023 im Nationalmuseum Posen gezeigt. Arkadiusz Luba hat die Ausstellung „Ide w swiat i trwam“ (Ich gehe in die Welt und dauere an) für die Berliner Zeitung besucht und mit dem Kurator Dr. Pawel Napierala gesprochen.

Bevor wir über die Bedeutung dieser Bilder sprechen, eine Frage zu ihrer Provenienz. Alle 34 kamen ins Nationalmuseum Posen aus der Nationalen Kunstgalerie Lwiw, das ist klar. Aber wie sind sie dorthin, nach Lwiw, geraten? Ist das darauf zurückzuführen, dass Lwiw einmal eine „polnische“ Stadt war?

Dass Lwiw früher eine polnische Stadt war, ist eine Tatsache. Die dortige Sammlung polnischer Gemälde ist sehr wichtig und von großem Wert. Sie zeigt verschiedene stilistische Tendenzen. Diese Sammlung konzentriert sich auf die herausragenden Künstler wie Jan Matejko, Jacek Malczewski, Artur Grottger, Józef Chelmonski, aber auch auf andere seltene und wenig bekannte Künstler. Malczewskis Bindungen zu Lwiw waren sehr stark. 1903 fand dort seine erste monografische Ausstellung statt. Dort hatte er viele Freunde und Gönner, denen er seine Bilder anbot oder verkaufte. Seine Gemälde fanden auf verschiedenen Wegen Eingang in die Lwiwer Sammlung; meistens durch die Ankäufe der Galerie selbst oder durch Schenkungen der Besitzer von Malczewskis Gemälden.

Wie das Haager Übereinkommen sagt, ist die Zerstörung von Kulturgütern ein Kriegsverbrechen, denn jede Nationalkunst trägt dem künstlerischen Welterbe bei. Wegen des russischen Krieges in der Ukraine mussten diese Kunstwerke evakuiert werden. Sie fanden ihren Weg in das Nationalmuseum Posen. Wie war das möglich?

Richtig, die Zerstörung von Kulturgütern ist ein Kriegsverbrechen. Vor mehr als einem Jahr haben unser Museum und die Nationalgalerie Lwiw ein Memorandum geschlossen. Es ging um gegenseitige Zusammenarbeit und Hilfe. Weil wir Partner sind, kamen diese Bilder zu uns.

Viele Kunstwerke sind während des Zweiten Weltkriegs verloren gegangen. Neulich empörte sich der Kulturminister Piotr Glinski auf Twitter, dass das 1984 aus dem Nationalmuseum in Warschau gestohlene Bild von Wassily Kandinsky vom Berliner Auktionshaus Grisebach verkauft worden sei. Es ist so eine Sache mit der Kunst, besonders in Krisenzeiten. Ich muss fast fragen: Wie sicher sind nun die Lwiwer Malczewski-Bilder hier in Posen? Und was passiert mit ihnen, wenn am 1. Oktober die Ausstellung zu Ende geht?

Ich bin mir nicht ganz sicher, kann mir aber vorstellen, was Sie meinen. Nun sprechen wir hier aber von zwei völlig unterschiedlichen Situationen. Wie Sie selbst sagten, wurde das Kandinsky-Kunstwerk gestohlen. Die Gemälde von Jacek Malczewski hingegen wurden von niemandem gestohlen. Die Bilder kamen für ein Jahr nach Posen. Wie lange sie hier bleiben, hängt wirklich davon ab, wie lange der Krieg dauert. Das Wichtigste dabei ist ihre Sicherheit. Dann werden sie zurück in ihre Heimat, also nach Lwiw, geschickt.

Der Künstler hat über 2000 Werke hinterlassen. Das Nationalmuseum Posen verfügt über eine relativ große Sammlung von Malczewskis Bildern. Seine Bilder lassen sich in verschiedene thematische Zyklen aufteilen, wie beispielsweise „sibirisch“ oder von der polnischen romantischen Poesie inspiriert, oder pure Landschaften, oder märchenhaft-volkstümlich, oder stimmungsvoll und fantastisch, oder „Polonia“ genannt und, und, und. Dann wieder verschiedene Mengen, die sich nach der Koloristik unterteilen ließen: monochromatische oder farbengesättigte oder nur mit kalten Farben gemalte oder farbendisharmonisch. Was zeigt die ursprüngliche Posener Sammlung?

Ja, wir haben eine der größten und bedeutendsten Sammlungen von Jacek Malczewskis Gemälden in Polen. Im Nationalmuseum Posen und in unserer Filiale in Rogalin stellen wir seine berühmtesten Werke aus, wie „Melancholia“, „Blędne kolo“ („Teufelskreis“), Selbstporträts, Landschaften. In unserer Galerie finden wir Gemälde aus der ersten Phase von Malczewskis Schaffen – hauptsächlich solche, die die Flucht nach Sibirien betreffen. Aber auch seine späteren Werke befinden sich bei uns – die symbolischen.

Kunst auf der Flucht. Ausstellung „Ide w swiat i trwam“ (Ich gehe in die Welt und dauere an), die „fertig zur Evakuierung“ konzipiert ist.
Kunst auf der Flucht. Ausstellung „Ide w swiat i trwam“ (Ich gehe in die Welt und dauere an), die „fertig zur Evakuierung“ konzipiert ist.Arkadiusz Łuba

Mit dem Malczewski aus Lwiw – sagen wir vereinfacht – wird die Posener Sammlung für eine Weile ergänzt. Was zeigen wiederum diese Gemälde Malczewskis, die aus Lwiw gekommen sind?

Die Sonderausstellung befindet sich direkt neben der Dauerausstellung von Malczewskis Gemälden. Jetzt kann jeder Betrachter an einem Ort insgesamt etwa 80 Gemälde von dem polnischen Malermeister sehen. Das ist viel. Unter den aus Lwiw mitgebrachten Gemälden sind Porträts, Selbstporträts, Landschaften, religiöse und mythologische Szenen zu sehen. Es gibt auch Gemälde mit Themen zu Schriften des polnischen Nationaldichters Juliusz Slowacki wie das Epos „Anhelli“ oder die Tragödie „Lilla Weneda“. Es ist eine sehr vielfältige Sammlung. Sie zeigt fertige Gemälde sowie Skizzen.

Der Titel der Posener Ausstellung knüpft auf das Gedicht „Der Letzte“ von Rainer Maria Rilke in der polnischen Übersetzung an. „Ide w swiat i trwam“ bedeutet, zurück ins Deutsche übersetzt, etwa „Ich gehe in die Welt und dauere an“. Man kann das so interpretieren, dass die Werke, die Kunst in die Welt gegangen sind und so überleben sie den Krieg. Im deutschen Original heißt die Zeile anders. Das Gedicht lässt sich als Klage eines – eben – Letzten lesen. Alles, was das lyrische Ich „hinein in die Welt fortstellt, fällt“, ist instabil, vergänglich, wackelig, „wie auf eine Welle gestellt“, zerbrechlich. Die beiden Exegesen passen aber dennoch gut in den Kontext, in dem die Ausstellung gezeigt wird. Die Kunst ist im Krieg – genauso wie Menschen – nicht sicher; sie wird durch die Barbarei des Krieges zerstört. Was wollen Sie mit der Ausstellung sagen, zeigen? Wovor warnen?

Ja, dieser Titel bezieht sich auf Bewegung und Dauer. Darauf, was variabel, vergänglich ist und darauf, was diese Sammlung veranlasst, ihr „Zuhause“ zu verlassen. Diese Bilder erleben jetzt, was die Figuren in Malczewskis Gemälden erleben – Deportation, Reisen, Verwandlungen, Tod, Auferstehung … Diese Ausstellung weicht ein bisschen von einer klassischen, konventionellen Präsentation von Malczewskis Gemälden ab. Sonst sind die Umstände allgemein bekannt – nämlich die russische Aggression gegen die Ukraine. Ich habe der Ausstellung bewusst einen situativen, temporären Charakter gegeben, als ob sie auf dem Sprung wäre, gleich wieder flüchten zu müssen. In solchen Fällen muss es eben meistens schnell gehen. Daher liegen einige der Werke in Transportkisten und werden direkt in ihnen ausgestellt. Oder wir sehen bereits verpackte Werke, die warten, abtransportiert zu werden. Es sieht so aus, als ob jemand vor Ort damit beschäftigt wäre, die Ausstellung abzumontieren und sie verlegen zu wollen. Ich wollte das Gefühl einer Evakuierung schaffen. Denn der Krieg ist nicht zu Ende. Menschen befinden sich mit ihrem Hab und Gut auf der Flucht, so auch die Kunst.

Die reine Statistik zeigt, dass Jacek Malczewski Autor der meisten Selbstporträts in der polnischen Kunst war. Es scheint so zu sein, als ob er sich viel mehr mit sich selbst als mit dem Geschehen um ihn herum beschäftigt habe. War er ein Egomane? Oder wofür diente ihm dieses Verfahren, sich selbst auf den Gemälden zu malen?

Ja, es stimmt, Malczewski ist der Maler, der wahrscheinlich die meisten Selbstporträts in der polnischen Kunst gemalt hat. Aber ich glaube nicht, dass er ein Egomane war. Ich sehe es als Symbol. Zum Beispiel, wenn sich Malczewski als Christus malt, lese ich es als eine Kombination aus der Figur des Künstlers (aber nicht unbedingt Malczewskis selbst) und der des Messias. Er benutzt sein Eigenbildnis als ein Zeichen, als Symbol.

In letzter Zeit wird oft über Missbrauch im Zusammenhang mit der Kunst gesprochen. Der Dichter und Kritiker Konstanty Maria Górski schrieb einmal über den Arbeitsraum seines Freundes: „Malczewskis Atelier war ein Ort des Libertinismus und der Frivolität. In diesem Atelier, das von jungen weiblichen und männlichen Modellen aufgesucht wurde, waren die guten Sitten vorübergehend außer Kraft gesetzt – oder wurden zumindest nach eigenem Gutdünken ausgelegt.“ In seinen Bildern sind relativ viele, zum Teil auch nackte Kinder zu sehen. War Malczewski pädophil? Bräuchte man hier eine Aufarbeitung?

Dieses Zitat ist ein Zeichen der Zeit und es sollte etwas anders gelesen werden. Was damals umstritten war, mag heute anders gesehen werden. Mir ist nichts darüber bekannt, dass Malczewski pädophil war. Die Tatsache, dass es auf seinen Bildern nackte Kinder gibt, beweist es allein nicht – ich sehe darin keinen erotischen Subtext.

Warum müssen Malczewskis Werke oder allgemein die Kunst geschützt werden?

Diese Frage, was gerettet werden soll und was nicht, ist unerhört. Denn in Wirklichkeit verdient sogar das kleinste Element einer Kunstsammlung, gerettet zu werden. Alle Kunstwerke und verschiedene Artefakte sind Träger von Erinnerungen, auch ohne diesen traurigen Kriegskontext. Selbstverständlich sind die Opfer des Krieges die Menschen. Das bestreitet niemand. Aber der Krieg hat auch andere Opfer – die Kunst und das Kulturerbe. Wir retten unser gemeinsames Erbe.

Nationalmuseum Posen (Muzeum Narodowe w Poznaniu), al. Marcinkowskiego 9, 61-745 Posen, Polen. Öffnungszeiten: Di & Mi 10–16 Uhr, Do 10–18 Uhr, Fr 10–20 Uhr, Sa & So 10–17 Uhr. Website: https://mnp.art.pl/. Die Ausstellung zu den Malczewski-Bildern ist bis zum 1. Oktober zu sehen. https://mnp.art.pl/wstep/

Interview und Übersetzung: Arkadiusz Luba

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