Neukölln gilt seit einigen Jahren als eines der coolsten Stadtviertel der Welt, zieht Touristen und junge Leute an. Vor 25 Jahren war das noch komplett anders. Damals galt Neukölln als Endstation, man sagte nicht gern, dass man hier wohnte. Was man sich heute gar nicht mehr vorstellen kann: Die Mieten waren niedrig, es standen jede Menge Wohnungen leer, und bis auf ein paar Eckkneipen für die Einheimischen, gab es nichts, wo man ausgehen konnte und wollte, auch nicht in der Weserstraße, die heute in den Reiseführern als watering hole angepriesen wird, was auf die Bardichte in dieser Ausgehmeile verweist.
Neukölln war out, aber es gab damals Leute, die daran etwas ändern wollten. Ein Netzwerk von Künstlerinnen und Künstlern gründete sich, die Kulturamtsleiterin zog mit, 1999 fand das Festival zum ersten Mal statt. Heute ist es das größte Festival der Freien Szene, das Berlin zu bieten hat. Mehr als 1200 Künstlerinnen und Künstler nehmen daran teil, es gibt 350 Kunstveranstaltungen, Ausstellungen, Installationen, Konzerte, Performances, interaktive Workshops, Führungen und circa 300 Veranstaltungsorte in Neukölln machen mit, darunter Galerien, Bars, Spätis, Industriehallen, Theater, eine Friedhofskapelle und auch die Terrasse der Neuköllner Oper. Bei 48 Stunden Neukölln kommt man an Orte, die einem sonst das ganze Jahr verschlossen sind: Künstlerateliers, Hinterhöfe und sogar Wohnungen. Fast 100 Projekte finden draußen statt, das Festivalthema lautet „Play(ground)“. Weil dieses Angebot einen leicht überfordern kann, haben wir hier fünf Highlights ausgewählt.
„Animal Architects“: Gemeinsam ein Nest bauen

Bei dieser an der Jonasstraße am Körnerpark stattfindenden Mitmach-Installation werden Wolle, Schnur und Stoff zur Verfügung gestellt. Die kanadische Künstlerin Christy Langer, die seit 2013 in Berlin lebt, hat sich dabei von Vögeln, Spinnen und Säugetieren inspirieren lassen, alles Tiere, die Nester bauen. Die Idee ist, dass alle die mitmachen, binnen dieser 48 Stunden eine kollektive Installation schaffen. Eine Mindest- oder Höchstdauer gibt es beim Mitmachen nicht, es ist ein Spiel.
Jonasstraße am Körnerpark, Fr (23.6.) 19 bis 22 Uhr, Sa (24.6.) 12 bis 22 Uhr, So (25.6.) 12 bis 17 Uhr.
„At a ‚Tarlabaşı‘ afternoon“: Anatolische Lieder vom Balkon der Neuköllner Oper

Tarlabaşı ist eine Nachbarschaft in Istanbul, die insofern etwas mit Neukölln gemein hat, als auch sie in den vergangenen Jahren gentrifiziert worden ist. Die Veranstaltung mit diesem Namen besteht in einer Performance traditioneller anatolischer Lieder vom Balkon der Neuköllner Oper (Karl-Marx-Straße 131), ist eine Hommage an den untergegangenen Stadtteil. Der Chor mit dem Namen X-Berg Kiz Meslek Korosu wird von dem queeren Künstler Emrah Gökmen geleitet. Er besteht momentan aus zwölf Personen und definiert sich als antifaschistische, queere, und feministische Einheit. „Wir wollen mit unserer Performance ein Zeichen für Vielfalt, Solidarität und Intersektionalität setzen und zeigen, wie Kunst diese Elemente in den Alltag bringt.“
Balkon der Neuköllner Oper, Karl-Marx-Straße 131, Fr (23.6.) 19 bis 20 Uhr, So (25.6.) 18 bis 19 Uhr
„Meet Blind Photographers“ in den Neukölln-Arcarden

Im antiken Sophokles-Stoff (etwa in der Bearbeitung von Sophokles) ist ausgerechnet Teiresias, der Seher, blind. Doch nicht nur erlangt das auf der mythischen Ebene eine tiefere Bedeutung, nein, auch in unserem entmystifizierten Normalo-Leben können Blinde durchaus sogar fotografieren. Die blinden Fotografen in Schöneberg können ein Lied davon singen – oder ein Bild davon fotografieren?
In den sehr unmythischen Neukölln-Arcaden jedenfalls, der Neukölln-Variante einer amerikanischen Shoppingmall, stehen bei 48 Stunden Neukölln allerlei partizipative Projekte an, die die Welt der Sehenden und die Welt der „Blinden“ verlinken werden. All dies unter dem Motto „Meet Blind Photographers“. Welche Rolle spielen dabei Tastsinn und Gehör, Bildgedächtnis und Bildimagination? Man darf gespannt sein auf die Workshops im „Darkroom“ der Arcaden.
Neukölln-Arcaden, Karl-Marx-Straße 66, Fr (23.6.) 19.30 bis 22 Uhr, Sa (24.6.) 11.30 bis 22 Uhr
„Ghetto Wrestling“ im Oyoun-Kulturzentrum

Menschen werfen sich schräg in Schale, verpassen sich Fantasie-Namen und Fantasie-Superkräfte und gehen dann einander an die Gurgel, aber keine Sorge, alles nur Show! Crazy Sache, dieses Wrestling. Dass man dem mit etwas Leichtigkeit auch Camp und Queerness abgewinnen kann, darauf ist wohl das „Ghetto Wrestling“ im Oyoun aus: eine queere Wrestling-Comedy-Show. Zum Mitmachen!
Alles was es braucht: Rudimentäre Sprachkenntnisse in Englisch. Wrestling-Name, Wrestling-Persona. Also am besten ein Kostüm und eine kleine Backstory zum eigenen Wrestling-Charakter. Aber keine Sorge: Vorkenntnisse im Wrestling sind nicht erforderlich. Klingt trotzdem ganz schön abenteuerlich. So wie Neukölln selbst.
Oyoun-Kulturzentrum, Lucy-Lameck-Straße 32, So (25.6.) 15 bis 16.30 Uhr
Abschlussparty auf dem Global-Village-Gelände

Am Ende von 48 Stunden Neukölln ist man immer wieder erstaunt, wie schnell 48 Stunden vergehen. Irgendwie schneller als ein normales Wochenende! Sicher hat man viel erlebt, aber etwas wehmütig wird man dann doch, dass das Festival sich schon wieder dem Ende neigt.
