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Reduziert man den Zweiten Weltkrieg auf wenige Bilder, prägt mit Gewissheit eines aus dem Jahr 1940 ganz besonders: Charlie Chaplin als Diktator Anton Hinkel, der mit einer riesigen Weltkugel tanzt. Und was wird von der israelisch-amerikanischen Aggression gegen Iran bleiben? Vermutlich die Vision eines tumben Donald Trump, auf dessen Schultern ein geifernder Benjamin Netanjahu durch das Fernglas schaut, während entspannte iranische Bartträger mit Turban wie im Sandkasten die Straße von Hormus blockieren und im Hintergrund Ölfässer an feixende Chinesen verkaufen. Heavy-Metal-Bands, im Iran eigentlich verpönt, spielen im Ayatollah-Kostüm, die westliche Politiker-Entourage wird als Horde taumelnder Teletubbies verniedlicht. Kreative machen sich über den Westen lustig – und als cool erscheint ausgerechnet der Iranian Way of Life.
Der Spott hat sich des aktuellen Krieges bemächtigt. Schneller, professioneller, witziger und entschiedener als es zu erwarten gewesen wäre. Dass Clips und Memes auf Social Media absurder und skurriler sind als im Ukraine-Konflikt, hat einen simplen Grund: Den Gegner Ex-Sowjetunion hatte man jahrzehntelang gefürchtet, den Iran aber als irrational dargestellt: Als Witzfigur erschien schon 1987 Ayatollah Khomeini in Rudi Carells „Rudis Tagesschow“. Verhüllte Frauen schrien „Tod USA“ und „Tod Israel“. Und nun?
Zu vorgeschoben sind die Angriffsgründe, zu offensichtlich irrational und hinterhältig das Agieren des US-Präsidenten und zu lächerlich die Reaktionen europäischer Politiker, die sich nicht entscheiden können zwischen schweigender Zustimmung und anbiederndem Schweigen. US-Politik, wie sie die TV-Serie The Simpson’s nicht besser hätte karikieren können. Die Verachtung schlägt zurück auf die Urheber.

Neues Zeitalter der medialen Konfliktbegleitung
Mit dem Ukraine-Krieg begann ein neues Zeitalter der medialen Konfliktbegleitung. Auf dem Schlachtfeld veränderte der Einsatz von Drohnen die militärische Strategie so entscheidend wie der Sturzkampfbomber zu Beginn des Zweiten Weltkrieges oder die Fernartillerie den Ersten Weltkrieg. Die Welt hat sich gewandelt. Der israelisch-amerikanische Krieg gegen Iran erfolgte hingegen, ungeachtet aller auch geheimdienstlichen Erkenntnisse über Kultur und Struktur der iranischen Staatsführung, wie aus einem Lehrbuch des 20. Jahrhunderts.
Als die militärische Offensive gegen Iran begann, war das zugrunde liegende Kalkül ebenso klar wie vertraut: Präzise Schläge sollten nicht nur militärische Kapazitäten schwächen, sondern vor allem das politische Zentrum destabilisieren. Das Staatsoberhaupt wurde ermordet und seitdem etliche weitere Politiker, Staatsbedienstete, Wissenschaftler und Militärs. Die Vermutung dahinter – ein Regime, innerlich fragil und von einer unzufriedenen Bevölkerung getragen, würde unter äußerem Druck kollabieren und einem beschleunigten Umsturz den Weg bahnen.

Doch schon die ersten beiden Wochen zeigten, dass diese Prämissen nicht tragen würden. Im Gegenteil: Vieles deutet darauf hin, dass sich in Iran – zumindest vorübergehend – eine Form der inneren Geschlossenheit herausbildet, die aus der Erfahrung äußerer Bedrohung gespeist wird.
Diese Entwicklung überrascht nicht, wenn man die Logik von Kriegen ernst nimmt. Seit jeher werden militärische Konflikte von Kommunikationsstrategien begleitet, die zwei Ziele verfolgen: die Stabilisierung der eigenen Heimatfront und die moralische Delegitimierung des Gegners.
Humor erfüllt mehrere Funktionen zugleich
Dabei greifen Staaten regelmäßig auf emotional hoch aufgeladene Narrative zurück. Besonders wirksam ist die Darstellung von Gewalt gegen Kinder – ein Motiv, das sich historisch durch zahlreiche Konflikte zieht, von den Propagandaberichten des Ersten Weltkriegs bis zu den später widerlegten Brutkastengeschichten aus Kuwait nach dem irakischen Einmarsch 1990 oder der weltbekannten Geste einer hochgehaltenen Ampulle mit Anthrax, mittels derer 2003 der damalige US-Außenminister Colin Powell vor den Vereinten Nationen den Einmarsch in den Irak rechtfertigen wollte. Solche Erzählungen sollen moralische Eindeutigkeit herstellen, wo politische Realität komplex ist.
Social Media ist das jüngste Schlachtfeld und hier dominieren nicht mehr die staatlichen Berichterstatter, sondern normale Menschen, Künstler, mithin die Zivilgesellschaft und ihre Stimmen. Entscheidende Dynamiken entfalten sich in digitalen Öffentlichkeiten fern staatlicher Kontrolle und es entstehen tausendfach und vielfältig Gegenbilder – schnell, fragmentiert und oft in Form absurden Humors.
Memes, satirische Kurzvideos, ironische Musikstücke und fiktionale Clips verbreiten sich millionenfach. Sie greifen politische Aussagen auf, überzeichnen und führen sie ad absurdum. Auffällig ist dabei die Richtung der Kritik: Ein erheblicher Teil dieser Inhalte richtet sich nicht gegen den erklärten Gegner Iran, sondern gegen die eigenen politischen Führungen im Westen.
Präsidenten, Militärstrategen und diplomatische Ankündigungen werden zum Gegenstand des Spotts. Der staatlich-medial verteufelte Gegner Iran wird sogar als cool, schlau, entspannt und erfinderisch gegen die Übermacht dargestellt. Vielfach spielen turbantragende alte Männer eine besondere Rolle. Sie sollen die starke Rolle der Geistlichkeit in Iran repräsentieren, sind aber in den Videos oft die Sympathieträger.
Dass Humor in diesem Kontext eine zentrale Rolle spielt, ist kein Zufall. Er erfüllt mehrere Funktionen zugleich. Zum einen ermöglicht er eine emotionale Distanzierung von Angst und Unsicherheit. Zum anderen bietet er eine Form der Kritik, die weniger angreifbar ist als offene Opposition. Vor allem aber kehrt Humor symbolische Machtverhältnisse um: Wer verspottet wird, verliert an Autorität.

Was die Geschichte zeigt
In digitalen Räumen verstärkt sich dieser Effekt, da Inhalte sich rasch verbreiten und kollektive Resonanz erzeugen können. Insbesondere die Kommentarspalten auf Instagram oder YouTube sprechen eine eigene Sprache. Während im Januar anlässlich der gewaltsam niedergeschlagenen Unruhen die Kritik an der iranischen Führung dominierte, gilt diese jetzt als Underdog und wird synonym gesehen mit der leidenden Zivilbevölkerung. Besser hätte es keine staatliche Öffentlichkeitsarbeit erzeugen können.
Noch vor kurzer Zeit waren gewaltsame Maßnahmen gegen die iranische Bevölkerung Gegenstand internationaler Kritik. Nun treten sie in den Hintergrund, überdeckt von Bildern äußerer Zerstörung und toter Kinder, begleitet von westlichen Ausflüchten und Erzählungen kollektiver Bedrohung in einer skurrilen Absurdität.
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In diesem Zusammenhang markieren Angriffe auf die iranische Stahlindustrie eine weitere Eskalationsstufe. Sie zielen nicht mehr primär auf militärische Kapazitäten, sondern auf die wirtschaftliche Substanz des Landes. Strategisch stellt sich damit die Frage, ob es um die Schwächung eines militärischen Gegners geht – oder um die langfristige Destabilisierung einer gesamten Gesellschaft.
Zynische Stimmen im Iran sprechen schon davon, dass nicht die Steinzeit das Ziel der Reise ist, sondern es gleich zurück zu den Dinosauriern gehen soll. Die Geschichte zeigt, dass solche Maßnahmen selten zu politischen Veränderungen führen, wohl aber zu einer Verhärtung von Konflikten. Das befürchten auch etliche ehemalige oder aktive westliche Militärs und Diplomaten, die sichtlich verständnislos auf YouTube die Lage analysieren.
Realsatire, die niemand erfinden muss
Die ironische Brechung westlicher Politik und politischer Ankündigungen erscheint nicht überzeichnet, sondern selbst in der bizarrsten Ausprägung wahr. Glaubwürdigkeit erodiert nicht schleichend, sie wird durch einen sich ständig widersprechenden US-Präsidenten oder einen dessen Ankündigungen zuwiderhandelnden israelischen Ministerpräsidenten aktiv aufgelöst. Realsatire, die niemand erfinden, sondern welche man nur aufgreifen muss.
Wenn Präsident Trump ankündigt, Angriffe auf die iranische Zivilinfrastruktur zu unterlassen und gleichzeitig israelische Kampfjets genau jene lahmlegen, erinnert das an das berühmte Slapstick-Duo Tom & Jerry. Solche Widersprüche untergraben Vertrauen nicht bei den Gegnern, sondern bei Verbündeten und der eigenen Bevölkerung. Wenn aber politische Kommunikation als unzuverlässig wahrgenommen wird, verliert sie ihre steuernde Wirkung. Wenn der Fiebertraum eines Karikaturisten Realpolitik wird, bleibt Politik kein Ränkespiel, sondern wird zur Posse.
Der vielleicht aufschlussreichste Indikator für die Verschiebung der öffentlichen Meinung ist nicht in politischen Reden oder diplomatischen Noten zu finden, sondern in der Kultur selbst. Dort, wo politische Macht zum Gegenstand von Witzen wird, hat sie bereits an Selbstverständlichkeit verloren. Humor ist kein bloßes Begleitphänomen dieses Krieges. Er ist Teil seiner Struktur geworden – als Ausdruck von Skepsis, als Mittel der Kritik und als Zeichen dafür, dass sich die Deutungshoheit über den Konflikt zunehmend staatlichem Einfluss entzieht.
Krieg wird nicht allein auf militärischem Terrain entschieden. Er wird ebenso in Bildern, Narrativen und digitalen Räumen geführt. Und dort zeigt sich, dass die alten Gewissheiten nicht mehr greifen. Die politische Skepsis gegenüber dem Vorgehen der Angreifer wird durch die aktive Rolle Israels gehemmt, während in digitalen Öffentlichkeiten offensiver Spott und Kritik zunehmen.



