Konfrontation

Vernichtungsrhetorik aus dem Weißen Haus: Wie weit will Trump gehen?

Trump droht Iran mit Vernichtung „einer ganzen Zivilisation“. Und Europa schweigt dazu. Die Enthemmung hat System. Eine Einordnung.

„Vernichtung“, „Bastarde“, „Hölle“: US-Präsident Donald Trump
„Vernichtung“, „Bastarde“, „Hölle“: US-Präsident Donald TrumpAlex Brandon/AP

Einen kurzen Moment weigert sich das Gehirn, solche Sätze einem amtierenden Staatsoberhaupt zuzuordnen. Selbst, wenn es sich dabei um Donald Trump handelt. „Eine ganze Zivilisation wird heute Nacht sterben, um nie wieder zurückgebracht zu werden“, schrieb der US-Präsident am 7. April 2026 auf Truth Social. Die Associated Press titelte nüchtern: „Trump benutzt die Sprache der Vernichtung, um Iran zu drohen.“

Einen Tag zuvor, am Ostersonntag, hatte derselbe Präsident geschrieben: „Dienstag wird der Tag der Kraftwerke und der Tag der Brücken sein, alles in einem, in Iran. So etwas hat es noch nie gegeben!!! Öffnet die verdammte Straße, ihr verrückten Bastarde, oder ihr werdet in der Hölle leben – SCHAUT ZU! Gelobt sei Allah.“

Gedenken in Teheran für Kinder, die bei einem US-israelischen Angriff auf eine Schule getötet wurden.
Gedenken in Teheran für Kinder, die bei einem US-israelischen Angriff auf eine Schule getötet wurden.IMAGO/Fatemeh Bahrami

Man kann diese Sätze als Ausfälle eines alternden Mannes abtun. Tucker Carlson nannte den Oster-Post „niederträchtig auf jeder Ebene“. Die ehemalige republikanische Abgeordnete Marjorie Taylor Greene sprach von „Böse und Wahnsinn“ und verwies auf den 25. Verfassungszusatz zur Absetzung eines amtsunfähigen Präsidenten. Aber es wäre ein Fehler, sich an der Person abzuarbeiten und darüber das Systemische zu übersehen. Denn Trumps Sprache steht nicht isoliert da.

Die Logik der Enthemmung

Verteidigungsminister Pete Hegseth erklärte, es gebe „keine dummen Einsatzregeln“ mehr. Angriffe erfolgten „einfach zum Spaß“. Das Weiße Haus veröffentlichte eine offizielle Pressemitteilung, in der die Operation als Kampagne beschrieben wird, das iranische Regime zu „zerschlagen“. Es ist keine Privatmeinung eines erratischen Präsidenten. Es ist institutionalisierte Enthemmung.

Juristen sagten der AP, die Drohung, sämtliche Brücken und Kraftwerke eines Landes zu zerstören, könne Kriegsverbrechen darstellen. Amnesty International sprach von „apokalyptischer Rhetorik mit potenziell katastrophalen Folgen für mehr als 90 Millionen Menschen“. Gefragt, ob er sich Sorgen mache, mit Angriffen auf zivile Infrastruktur internationales Recht zu brechen, antwortete Trump: „Nein, nein, mache ich nicht.“

Dieser Satz ist in seiner lakonischen Kürze vielleicht der erschreckendste von allen. Er zeigt nicht notwendigerweise Unwissen über das Völkerrecht. Er zeigt Gleichgültigkeit. Und Gleichgültigkeit gegenüber dem Recht ist gefährlicher als seine Verletzung, denn sie entzieht dem Recht die Grundlage, auf der es überhaupt wirken kann: die Anerkennung, dass es gilt.

Klemperer und die Sprache, die tötet

Es wäre historisch unzulässig, eine Gleichsetzung vorzunehmen. Die USA sind nicht das Dritte Reich. Aber Viktor Klemperers Analyse der Lingua Tertii Imperii, der Sprache des Dritten Reiches, beschreibt Mechanismen, nicht Regime. Und diese Mechanismen sind universell.

Professor Victor Klemperer erläutert der Berliner Presse seine Thesen aus LTI, 1949.
Professor Victor Klemperer erläutert der Berliner Presse seine Thesen aus LTI, 1949.IMAGO/United Archives / Kindermann

Klemperer identifizierte die zentralen Verfahren, mit denen Sprache moralische Hemmschwellen abbaut: Entmenschlichung, die Menschen zu Dingen oder abstrakten Kategorien macht. Euphemismus, der Gewalt in Verwaltungsvorgänge verwandelt. Emotionalisierung, die Pathos an die Stelle von Argument setzt. Normalisierung, die durch ständige Wiederholung das Extreme alltäglich werden lässt. Und moralische Umkehr, die Gewalt als Heilung rahmt.

Nun lese man Trumps Sätze mit diesen Kategorien: „Ihr verrückten Bastarde“ – die Adressaten sind keine politischen Akteure mehr, sondern Verrückte. „Tag der Kraftwerke und der Brücken“ – die Zerstörung ziviler Infrastruktur wird zum Feiertag erklärt. „Gelobt sei Allah“ – eine religiöse Formel als Verhöhnung. Das Weiße Haus rahmt die gesamte Operation als „Frieden durch Stärke“ – die Vernichtung wird zum Friedensprojekt.

Klemperers zentrale Einsicht war: Diese Sprache wirkt wie ein Gift. Langsam, kaum bemerkbar, aber tief. Menschen übernehmen Begriffe, und mit den Begriffen übernehmen sie Denkmuster. Auch Sprache, die „nicht so gemeint“ ist, verschiebt die Grenzen des Sagbaren. Und mit den Grenzen des Sagbaren verschieben sich die Grenzen des Machbaren.

Der Bruch mit dem Nachkriegskonsens

Was wir erleben, ist ein Bruch mit dem normativen Fundament, auf dem die internationale Ordnung seit 1945 ruht. Dieser Konsens war nie perfekt. Er wurde immer wieder verletzt – in Vietnam, im Irak, in Guantánamo. Aber er wurde als Maßstab anerkannt. Auch wer ihn brach, tat es mit Euphemismen, mit dem impliziten Eingeständnis, dass die Norm galt.

Was Trump tut, ist kategorial anders. Er droht öffentlich, prahlend, auf einer Social-Media-Plattform, am Ostersonntag. Er versucht nicht, die Norm zu umgehen. Er erklärt sie für irrelevant. Die Genfer Konventionen, das humanitäre Völkerrecht – sie entstanden aus der Erfahrung, dass Krieg ohne Regeln in Barbarei mündet. Artikel 51 des Zusatzprotokolls I verbietet ausdrücklich Gewaltandrohungen, deren Zweck darin besteht, die Zivilbevölkerung in Angst und Schrecken zu versetzen. Trumps Sätze sind eine Illustration dieses Verbots.

Das Schweigen Europas und die doppelte Moral

Papst Leo XIV. nannte Trumps Drohung „wirklich inakzeptabel“. Es war eine der wenigen klaren Stimmen. Von den europäischen Regierungen: Schweigen. Kein Regierungschef der EU hat die Drohung, eine „ganze Zivilisation“ auszulöschen, mit der nötigen Klarheit zurückgewiesen.

Und hier wird der Vergleich mit dem Krieg Russlands gegen die Ukraine zwingend. Als Russland systematisch ukrainische Kraftwerke und Brücken bombardierte, sprach Europa zu Recht von Kriegsverbrechen. Als Trump ankündigte, sämtliche Kraftwerke und Brücken Irans zu zerstören – exakt dieselbe Kategorie von Zielen –, schwieg Europa. Als Putin Sätze sagte, die auf die Auslöschung der ukrainischen Identität zielten, wurde das als genozidal eingeordnet. Als Trump die Auslöschung einer „ganzen Zivilisation“ androhte, wurde es als Verhandlungstaktik eingeordnet.

Diese doppelte Moral hat einen Namen: Machtgefälle. Russland kann man sanktionieren, weil die Kosten tragbar sind. Den USA kann man nicht widersprechen, weil die Kosten zu hoch erscheinen. Aber wer schweigt, wenn eine Zivilisation bedroht wird, hat seine moralische Autorität verwirkt, wenn er das nächste Mal von Werten spricht. Jedes Mal, wenn ein russischer Diplomat auf die Doppelmoral des Westens verweist, wird er in der Beobachtung recht haben – nicht in der Sache, aber in der Feststellung, dass der Westen seine eigenen Maßstäbe selektiv anwendet.

Die Mitschuld der Begriffe

Die Enthemmung geschieht nicht im luftleeren Raum. Sie wird vorbereitet durch eine mediale Sprache, die selbst nicht neutral ist. Wenn deutsche Medien routinemäßig vom „Mullah-Regime“ schreiben, reduzieren sie einen Staat mit 90 Millionen Einwohnern auf eine Karikatur. „Mullahs“ – das Wort evoziert bärtige alte Männer in Turbanen, rückständig, fanatisch, irrational. Es entmenschlicht, indem es entindividualisiert.

Kein seriöses Medium würde schreiben: „Das Pfaffen-Regime in Rom“. Oder Berlin. Oder München. Aber „Mullah-Regime“ geht durch, weil es sich auf eine Kultur bezieht, die als fremd kodiert ist. Das Wort „Regime“ selbst wird selektiv verwendet. Iran hat ein „Regime“. Saudi-Arabien hat eine „Regierung“. Die USA haben in einer wiederkehrenden Fehlübersetzung eine „Administration“. „Regime“ delegitimiert. Es sagt: Diese Herrschaft verdient keinen Respekt.

Wenn nun dieser sprachlich delegitimierte Staat bombardiert wird, fällt es leichter, das hinzunehmen. Die sprachliche Delegitimierung bereitet die politische vor, und die politische bereitet die militärische vor. Man vergleiche: Über die Ukraine wird von „den Ukrainern“ geschrieben, von Menschen mit Geschichte und Würde.

Über Iran wird vom „Mullah-Regime“ geschrieben – einem abstrakten Gebilde, hinter dem die Menschen verschwinden. Ukrainer sind Opfer. Iraner sind Untertanen eines „Regimes“. In der einen Formulierung steckt Empathie, in der anderen Gleichgültigkeit. Mehr als hundert Kinder starben bei einem US-Angriff auf eine Grundschule – ein Ereignis, das in der Berichterstattung unterging, weil es im „Mullah-Regime“ geschah.

Die Kapitulation

Was wir erleben, ist ein Verfall. Nicht im nostalgischen Sinne, sondern im präzisen Sinne einer Erosion jener Normen, die nach 1945 errichtet wurden, um die Katastrophen des 20. Jahrhunderts nicht zu wiederholen. Ein Verfall der Sprache, wenn ein Präsident mit der Auslöschung einer Zivilisation droht. Ein Verfall der Moral, wenn dieselben Handlungen als Kriegsverbrechen gelten, wenn Russland sie begeht, und als „Verhandlungstaktik“, wenn die USA sie androhen. Ein Verfall der Institutionen, wenn der Kongress in die Osterferien geht, während der Präsident Kriegsverbrechen androht. Und ein Verfall des Journalismus, wenn die Sprache der Berichterstattung dazu beiträgt, Empathie selektiv zu verteilen.

Europa kapituliert vor diesem Verfall. Nicht laut, nicht offen. Sondern durch Schweigen, durch Wegsehen, durch die stille Hoffnung, dass es schon nicht so schlimm kommen wird. Klemperer schrieb über die Deutschen der 1930er-Jahre, sie hätten die Sprache des Regimes übernommen, ohne es zu merken. Die Europäer der 2020er-Jahre tun etwas, das Klemperer vielleicht noch schlimmer gefunden hätte: Sie hören die Sprache, verstehen sie – und schweigen.

Quellen, die für diesen Beitrag genutzt wurden, sind: mehrere Berichte der Associated Press vom 6.–8. April 2026 zur Iran-Rhetorik Trumps und zu völkerrechtlichen Einordnungen, die Washington Post zu einem State-Department-Kabel über die interne israelische Einschätzung iranischer Proteste, eine offizielle Pressemitteilung des Weißen Hauses zur Operation „Epic Fury“, Netanyahus Nowruz-Videobotschaft auf der Website des israelischen Außenministeriums, Stellungnahmen von Amnesty International und Human Rights Watch, eine Analyse des EUobserver sowie Berichte von Yahoo News und NJ.com zu inneramerikanischen Reaktionen.