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Nach Verbot von russischem Gas: Europa steuert in einen neuen Irrweg

Europa will unabhängiger werden – und tauscht dabei eine Abhängigkeit gegen die nächste. Warum Pipeline-Gas und LNG keine souveräne Lösung sind. Ein Kommentar.

Die entscheidende Frage ist für Deutschland bis dato unbeantwortet: Woher soll die Energie künftig zuverlässig kommen?
Die entscheidende Frage ist für Deutschland bis dato unbeantwortet: Woher soll die Energie künftig zuverlässig kommen?Natalia Fedosenko/imago

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Noch immer ist Europa nicht wirklich frei von russischem Gas. Zwar hat die EU den vollständigen Ausstieg bis 2027 beschlossen, doch die entscheidende Frage bleibt unbeantwortet: Woher soll die Energie künftig zuverlässig kommen?

Denn trotz Sanktionen und politischer Abgrenzung stammen weiterhin rund acht Prozent der Pipeline-Gasimporte sowie etwa 13 Prozent der Flüssigerdgas-Einfuhren (LNG) aus Russland, wie aktuelle Auswertungen des European LNG Tracker des Institute for Energy Economics and Financial Analysis (IEEFA) zeigen. Die Abhängigkeit ist geringer als vor dem Ukraine-Krieg, aber sie ist nicht verschwunden.

Gleichzeitig zeichnet sich bereits die nächste einseitige Abhängigkeit ab – diesmal von US-amerikanischem Flüssigerdgas. Nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums stammten im vergangenen Jahr 96 Prozent der deutschen LNG-Importe aus den Vereinigten Staaten. Auch auf europäischer Ebene verschiebt sich das Gleichgewicht rasant: Im europäischen Wirtschaftsraum machen US-Lieferungen inzwischen fast 40 Prozent aller Gasimporte aus, bei Flüssigerdgas liegt ihr Anteil sogar bei rund 60 Prozent. Aktuelle Studien des Berliner Ecologic Institute, des niederländischen Clingendael-Instituts und des Norwegian Institute of International Affairs warnen, dass die EU bis 2030 bis zu 80 Prozent ihres LNG aus den USA beziehen könnte.

Eine Route, die Russland vollständig umgeht

Gerade unter der erratischen Präsidentschaft von Donald Trump ist das weder eine verlässliche noch eine strategisch kluge Option. Diversifizierung ist deshalb kein Schlagwort mehr, sondern eine sicherheitspolitische Notwendigkeit. Europa braucht belastbare Alternativen, die geopolitisch kalkulierbar sind und bereits funktionieren. Genau hier kommen die Transadriatische Pipeline und der Mittlere Korridor ins Spiel.

Vor diesem Hintergrund richtet sich Europas Blick zunehmend nach Südosten. Zwischen Kaspischem Meer und Schwarzem Meer entsteht ein Raum, der lange unterschätzt wurde und nun zum Schlüssel für echte Diversifizierung werden kann. Der sogenannte Mittlere Korridor über Zentralasien, den Südkaukasus und die Türkei entwickelt sich zur realen Alternative zu russisch dominierten Energie- und Transitachsen. Anfang 2026 wurde diese Alternative erstmals konkret. Über die Transadriatische Pipeline fließt seitdem Erdgas aus Aserbaidschan direkt nach Deutschland und Österreich.

Grundlage ist ein langfristiger Vertrag zwischen dem staatlichen Energiekonzern Socar und dem deutschen Unternehmen Sefe. Die Mengen sind begrenzt, ihre geopolitische Bedeutung ist es nicht. Dieses Gas erreicht Europa über eine Route, die Russland vollständig umgeht.

Rohre für die Transadriatische Pipeline im albanischen Spitalle
Rohre für die Transadriatische Pipeline im albanischen SpitalleArmando Babani/dpa

Sicherheitspolitischer Gewinn für Deutschland

Für Deutschland ist das ein sicherheitspolitischer Gewinn. Pipelinegebundene Energie aus politisch kalkulierbaren Partnerschaften stärkt die Handlungsfähigkeit deutlich stärker als kurzfristige Spotmarkt-Lieferungen. Für Österreich entsteht eine wichtige südliche Absicherung. Aserbaidschan hatte bereits 2025 rund 12,8 Milliarden Kubikmeter Gas nach Europa geliefert, mit der Erweiterung der TAP-Kapazität werden inzwischen 16 europäische Staaten erreicht. Die kaspischen Gasreserven bieten Europa in Zeiten globaler Volatilität eine stabile Alternative.

Dass Aserbaidschan heute diese Rolle einnimmt, ist Ergebnis gezielter Außen- und Energiepolitik. Unter Präsident Ilham Alijew hat sich das Land als verlässlicher Energielieferant etabliert und zugleich als stabilisierender Akteur im Südkaukasus positioniert. Das im August 2025 unter US-Vermittlung geschlossene Friedensabkommen mit Armenien beendete jahrzehntelange Konflikte um die lange umkämpfte und völkerrechtlich zu Aserbaidschan gehörende Region Karabach. Erstmals bezieht Armenien inzwischen aserbaidschanische Energieprodukte – mit positiven Ergebnissen: Wirtschaftliche Verflechtung senkt Preise, schafft Interdependenz und drängt russischen und iranischen Einfluss zurück. Für Europa ist klar, dass ohne Stabilität im Südkaukasus keine verlässlichen Energieflüsse möglich sind.

Der Mittlere Korridor reicht jedoch weit über den Südkaukasus hinaus. Sein eigentliches energiepolitisches Schwergewicht liegt in Kasachstan. Als größter Ölproduzent Zentralasiens gewinnt das Land für Europas Versorgungssicherheit zunehmend an Bedeutung. 2025 erhöhten sich die kasachischen Ölexporte nach Deutschland um rund 44 Prozent auf mehr als 2,1 Millionen Tonnen, für 2026 sind Liefermengen von bis zu 2,5 Millionen Tonnen vorgesehen. Zwar kam es im Januar 2026 im Westen des Landes vorübergehend zu Produktions- und Stromausfällen im Umfeld des Tengiz-Feldes. Diese Störungen waren aber offenbar nur kurzfristig und ändern nichts an der Rolle Kasachstans als verlässlicher Energielieferant für Europa. Zugleich verdeutlichen sie jedoch die grundsätzliche Verwundbarkeit moderner Energieversorgungssysteme und den Handlungsdruck, Infrastruktur und Partnerschaften widerstandsfähiger aufzustellen.

Kasachstan verfügt über erhebliche Öl- und Gasreserven sowie über strategisch wichtige Rohstoffe wie Lithium, Chrom, Kupfer und Seltene Erden. Ein neuer Fund in der Region Karaganda unterstreicht dieses Potenzial. Für Europa, das bei kritischen Rohstoffen stark von China abhängig ist, ist Kasachstan damit ein geopolitischer Schlüsselstaat.

Entsprechend war der erste EU-Zentralasien-Gipfel im April 2025 in Samarkand mehr als ein diplomatisches Signal. Dort vereinbarten beide Seiten, ihre Beziehungen zu einer strategischen Partnerschaft auszubauen und Energie, Infrastruktur, kritische Rohstoffe und Konnektivität als zentrale Kooperationsfelder zu definieren. Flankiert wird dies durch die Global-Gateway-Initiative der EU, mit der rund zwölf Milliarden Euro in Zentralasien mobilisiert werden sollen.

Zwischen Kaspischem Meer und <a href="https://www.berliner-zeitung.de/topics/schwarzes-meer">Schwarzem Meer</a> entsteht ein Raum, der lange unterschätzt wurde und für Europa bei der Energieversorgung nun zum Schlüssel für echte Diversifizierung werden kann.
Zwischen Kaspischem Meer und Schwarzem Meer entsteht ein Raum, der lange unterschätzt wurde und für Europa bei der Energieversorgung nun zum Schlüssel für echte Diversifizierung werden kann.Dmitry Feoktistov/imago

Schutz kritischer Infrastruktur muss gewährleistet sein

Für Berlin und Brüssel folgt daraus eine klare Verpflichtung. Der Mittlere Korridor darf kein Randprojekt bleiben, sondern muss systematisch abgesichert werden. Dazu gehört erstens, die Energieinfrastruktur entlang der Route robuster zu machen und Redundanzen zu schaffen, statt weiter auf einzelne kritische Knotenpunkte zu setzen. Zusätzliche Kompressor-, Speicher- und Einspeisekapazitäten rund um das Kaspische Meer, gehärtete Stromnetze, Notstrom- und Black-Start-Fähigkeiten sowie Batteriespeicher an Häfen, Pumpstationen und Industriezentren sind ebenso notwendig wie gemeinsame Standards für digitale Netzsicherheit und den Schutz sensibler Steuerungssysteme.

Zweitens braucht es eine engere energiepolitische Abstimmung. Einheitliche Regelwerke für Netzzugang, Kapazitätsvergabe und Notfallmechanismen würden Investitionen planbarer machen und im Krisenfall schnellere Wiederanläufe ermöglichen. Langfristige, bankfähige Lieferverträge für Gas, Strom und perspektivisch auch Wasserstoff sind Voraussetzung dafür, dass private und öffentliche Investitionen tatsächlich ausgelöst werden.

Drittens muss die Energiesicherheit politisch flankiert werden. Der Schutz kritischer Infrastruktur vor Sabotage, Cyberangriffen oder Naturereignissen erfordert gemeinsame Risikoanalysen, Frühwarnsysteme und zivile Trainingsformate, ohne den Korridor zu militarisieren.

Viertens sollte Europa den Ausbau erneuerbarer Energien entlang des Mittleren Korridors gezielt einbinden. Große Wind- und Solarprojekte in den Steppen Zentralasiens, ergänzt um Elektrolysekapazitäten für grünen Wasserstoff und Power-to-X-Anwendungen, können die Abhängigkeit von einzelnen Energieträgern langfristig reduzieren.

So bleibt die viel beschworene Zeitenwende unvollständig

All dies setzt schließlich eine klare diplomatische Koordinierung voraus. Ein dauerhafter strategischer Energiedialog mit Kasachstan, Aserbaidschan, Georgien und der Türkei, kombiniert mit politischer Vermittlung bei Transit- und Gebührenfragen und klaren Reformanreizen, würde Verlässlichkeit schaffen. Ergänzt durch gemeinsame Ausschreibungen, Abnahmegarantien und Absicherungen gegen Lieferunterbrechungen kann Europa ein starkes Nachfragesignal senden.

Solange Europa sich nicht konsequent aus alten Abhängigkeiten von russischem Gas löst und zugleich in neue Abhängigkeiten von amerikanischem LNG hineinwächst, bleibt die viel beschworene Zeitenwende unvollständig. Energiesouveränität entsteht nicht durch den Austausch eines dominanten Lieferanten gegen den nächsten, sondern nur durch echte Diversifizierung. Der Mittlere Korridor bietet Europa die Chance, seine Energieversorgung strukturell breiter, stabiler und geopolitisch kalkulierbarer aufzustellen.

Berlin und Brüssel müssen diese Chance jetzt nutzen. Das bedeutet: den Ausbau der Transadriatischen Pipeline vorantreiben, den Mittleren Korridor strategisch absichern und langfristige Partnerschaften jenseits Russlands und einseitiger LNG-Abhängigkeiten schließen. Wer jetzt zögert, verfestigt neue Abhängigkeiten – und verspielt die Möglichkeit, Europas Energieversorgung dauerhaft souverän aufzustellen.

Oliver Rolofs ist Sicherheitsexperte, Mitbegründer der Munich Cyber Security Conference (MCSC) und ehemaliger Kommunikationschef der Münchner Sicherheitskonferenz.

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