Gasspeicher-Krise

Gasspeicher auf Tiefstand: Jetzt will Deutschland EU-Vorgaben neu ordnen

Gasspeicher fallen auf 32 Prozent und unterschreiten die EU-Zielmarke. Nun prüft die Merz-Regierung, wie Gasvorsorge ohne Pflichtziele funktionieren soll.

Deutschlands größter Gasspeicher Rehden in Niedersachsen ist aktuell nur noch zu knapp zehn Prozent gefüllt.
Deutschlands größter Gasspeicher Rehden in Niedersachsen ist aktuell nur noch zu knapp zehn Prozent gefüllt.Hauke-Christian Dittrich/dpa

Der Winter drückt Europas Gasspeicher deutlich nach unten. Nach aktuellen Daten von Gas Infrastructure Europe (GIE/AGSI) lag der durchschnittliche Füllstand der EU-Gasspeicher am 31. Januar 2026 bei 41,13 Prozent – so niedrig zu diesem Zeitpunkt seit der Energiekrise 2022 nicht mehr. In Deutschland ist die Lage noch angespannter: Am 1. Februar waren die Speicher nur noch zu 32,44 Prozent gefüllt, nach rund 56 Prozent zu Jahresbeginn.

Die Zahlen zeigen keinen akuten Engpass, aber sie verändern den Handlungsdruck. Zusätzliche Gasimporte fließen derzeit vor allem in den Verbrauch, nicht in den Wiederaufbau der Speicher. Trotz höherer Liefermengen bleibt der Puffer gering.

Bericht: Deutschland will EU-Speicherregeln nach 2027 neu ausrichten

Nun berichtet die Nachrichtenagentur Bloomberg unter Berufung auf eigene Quellen, dass die Bundesregierung von Friedrich Merz (CDU) nach dem Auslaufen der EU-Speicherregeln im Jahr 2027 einen Kurswechsel anstrebt. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) soll im Januar eine Reihe von Treffen mit Wirtschaftsvertretern sowie Aufsichtsbehörden abgehalten haben, da die Besorgnis über niedrige Speicherstände zunimmt. Demnach bereitet die Bundesregierung vor, sich gegen eine Verlängerung der verpflichtenden EU-Füllstandsvorgaben zu stellen. Im Gegenzug wird über nationale strategische Gasreserven diskutiert – nicht als Instrument zum dauerhaften Eingriff in den Markt, sondern als Absicherung für Extremfälle.

Die heutigen Gasspeicherregeln stammen aus dem Krisenjahr 2022. Damals führte die EU verpflichtende Mindestfüllstände ein, um Versorgungsengpässe nach dem russischen Angriff auf die Ukraine zu verhindern. Sie sehen für den Winter nicht nur ein Hauptziel von 90 Prozent bis zum 1. November vor, sondern auch eine Befüllung entlang fester Zwischenmarken. Für Anfang Februar liegt der Richtwert bei rund 45 Prozent, die Deutschland derzeit nicht erreicht hat. Diese Vorgaben gelten EU-weit und laufen 2027 aus.

Gasspeicher-Krise: Was das Wirtschaftsministerium zu aktuellen Plänen sagt

Mit der Abschaffung der Gasspeicherumlage entfiel zum Jahreswechsel ein zentrales Instrument, mit dem der Staat seit der Energiekrise 2022 direkt in den Markt eingegriffen hatte. Der Staat greift seither nicht mehr aktiv in die Einspeicherung ein; zusätzliche Bedarfe werden überwiegend über kurzfristige Importe marktbasiert gedeckt. Das hat die Frage verschärft, wer tatsächlich die Verantwortung dafür trägt, wenn Gas knapp oder extrem teuer wird.

Der Kavernenspeicher der HanseWerk AG, der einzige Gasspeicher in Mecklenburg-Vorpommern, ist derzeit zu 42,14 Prozent gefüllt. Am 2. Januar waren es noch 63,39 Prozent.
Der Kavernenspeicher der HanseWerk AG, der einzige Gasspeicher in Mecklenburg-Vorpommern, ist derzeit zu 42,14 Prozent gefüllt. Am 2. Januar waren es noch 63,39 Prozent.Jens Büttner/dpa

Sollte sich Deutschland auf EU-Ebene gegen eine Verlängerung der Gasspeicherregeln durchsetzen, würde diese Verantwortung noch stärker auf den Markt verlagert. Der Staat dürfte dann nur noch über eine nationale strategische Gasreserve und ausschließlich im Extremfall eingreifen statt wie bisher über verbindliche Regeln für alle Marktteilnehmer.

Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWE) bremst diese Lesart jedoch. Auf Anfrage erklärte das Ministerium, es gebe bislang keine Festlegung zur künftigen Ausgestaltung der Gasspeicherregeln. Zwar habe man ein Gutachten zu verschiedenen Fragen des Gasmarktes beauftragt, das auch die bestehenden Füllstandsvorgaben in Deutschland und der EU untersuche. Die Ergebnisse würden derzeit ausgewertet und in einen vertieften Dialog mit den Marktakteuren einfließen. Eine Positionierung stehe noch aus, hieß es aus dem Ministerium.

Marktaufsicht bleibt passiv – Verantwortung bei Gasspeichern weiterhin ungeklärt

Auch die Bundesnetzagentur sieht derzeit keinen unmittelbaren Handlungsbedarf. Niedrige Speicherfüllstände seien kein Indikator für eine Gasmangellage, teilt die Behörde auf Anfrage mit. Die Gasversorgung in Deutschland sei stabil, zusätzliche Importmöglichkeiten über LNG-Terminals und Pipelines stützten den Markt. Aus Sicht der Aufsicht gebe es daher aktuell keinen Anlass für kurzfristige Eingriffe, auch wenn die Speicherstände niedrig seien.

Eine wichtige Klarstellung kommt von Trading Hub Europe (THE), der deutschen Marktgebietsverantwortlichen für Gas. Die zum Jahreswechsel abgeschaffte Gasspeicherumlage stehe in keinem Zusammenhang mit den gesetzlichen Füllstandsvorgaben, so eine THE-Sprecherin. Diese gelten weiterhin. Die Umlage habe lediglich das Finanzierungsinstrument betroffen, nicht aber die rechtlichen Mindestfüllstände selbst.

Gleichzeitig macht THE deutlich, dass ein aktives Eingreifen nicht automatisch vorgesehen ist. Welche Rolle das Unternehmen künftig im Zusammenhang mit einer möglichen strategischen Gasreserve spielen könnte, sei offen und hänge von politischen und regulatorischen Entscheidungen ab. Ohne neue Vorgaben könne THE nicht eigenständig handeln, hieß es.

Damit bleibt offen, wer im Ernstfall eingreift, wenn niedrige Speicherstände auf hohe Preise oder anhaltende Kälte treffen. Die Gaspreise an der europäischen Börse TTF sind zuletzt zwar von rund 40 Euro am 23. Januar auf 34,27 Euro pro Megawattstunde gefallen und liegen unter dem Vorjahresniveau. Für Verbraucher dürfte das kurzfristig entlastend wirken. Die strukturelle Frage der Gasabsicherung bleibt jedoch ungelöst – und würde sich erst in wetter- oder marktbedingten Extremfällen zuspitzen.

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