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Der Lehrmeister Krieg: Es gibt keine Gewinner

Die Kriegsherren der griechischen Antike haben uns gezeigt: Auch wenn ein Sieg nicht möglich ist, geht das Morden bis zum Untergang weiter. Sind wir bereit, eine Lehre daraus zu ziehen?

Kampfszene auf antiker griechischer Schale
Kampfszene auf antiker griechischer SchaleMetropolitan Museum of Art via CC

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Es war Frühling des Jahres 421 vor „unserer“ Zeit. Zehn Jahre schon tobte der zweite Peloponnesische Krieg zwischen Athen und Sparta, zwischen dem Attischen Seebund und dem Peloponnesischen Bund. Im Sommer zuvor waren die beiden entschiedensten Anhänger des Krieges beider Seiten, der attische Politiker Kleon und Spartas General Brasidas gefallen. Immer deutlicher wurde, dass in diesem Krieg keiner siegen würde, sondern die Frage nur noch war, wer hält das wechselseitige Morden länger durch. Am 9. April 421 v.u.Z. kam es zur Unterzeichnung eines auf 50 Jahre befristeten Friedensvertrags – dem Nikias-Frieden, benannt nach dem Verhandlungsführer Athens.

Zur gleichen Zeit fanden bei den Dionysischen Festspielen die jährlichen Wettbewerbe der Tragödien- und Komödiendichter Athens statt. Dabei ging es darum, die Konflikte, die die Gemeinschaft der freien Stadtbürger zu zerreißen drohten, auf die Bühne zu bringen, das Gemeinsame reinigend im öffentlichen Schauspiel allen vor Augen zu führen und jene Leidenschaften, die außer Kontrolle zu geraten drohten, der Lächerlichkeit preiszugeben und damit zu dämpfen. Der 24-jährige Aristophanes ging mit der Komödie „Eirene“ ins Rennen, benannt nach der Göttin des Friedens. Er führte selbst Regie. Held seiner Komödie ist der Weinbauer Trygaios aus Athmonia, einem Ort unweit von Athen, oder wie er sich selbst vorstellt in einer neueren Übersetzung durch Christoph Jungck von 1989: „Qualitätsweinproduzent in Attika, kein Panscher – kein Skandalreporter und kein Terrorist“.

Trygaios steigt auf einem stinkenden Mistkäfer reitend zu den Göttern auf, um ihnen seine Klage vorzutragen: „Zeus, was hast du vor? Hast du denn Griechenland noch nicht genug mit deinem eisernen Kriegsbesen ausgekehrt?“ Aber gelandet auf dem Olymp findet er die Wohnstätte der Götter verlassen vor. Nur Hermes, der Götterbote, hält noch die Stellung.

Auf die Frage, weswegen die Götter denn ausgezogen seien, antwortet er: „Aus Ärger über Griechenland. Sie lassen hier, wo sie sonst selbst gewesen, jetzt den Krieg logieren. Er solle mit euch machen, was er will. Sie selber zogen möglichst hoch hinauf, mit ansehn wollten sie nicht länger euer Kämpfen und eure Bitten nicht mehr hören.“ Die Götter hätten genug, so Hermes, vom frucht- und ergebnislosen Bemühen, Frieden zu stiften: „… wenn grade Sparta ein wenig nur im Vorteil war, so sagten sie: ‚Bei Kastor und Pollux, das Athenerlein soll büßen!‘ Doch hatten die Atheniker Erfolg, und kamen die Spartaner, wollten Frieden, so sagtet ihr sofort: ‚Das ist ein Trick! Bei der Athene und bei Zeus, da machen wir nicht mit. Die kommen wieder, wenn wir kompromisslos sind.‘“

Kampf zweier Hopliten auf antiker griechischer Stele
Kampf zweier Hopliten auf antiker griechischer SteleMetropolitan Museum of Art via CC

Wahlparole, so weiß Trygaios, folgt auf Wahlparole und heizt den Krieg immer neu an. Deshalb, so Hermes, sei es völlig ungewiss, ob die Griechen die Göttin Eirene und damit die Friedenszeit je wiedersehen werden. Der Gott des Krieges habe sie in ein tiefes Loch gesperrt, während er selbst mit einem riesigen Mörser eine griechische Stadt nach der anderen zerstampfe. Noch hofft Trygaios, dass diese Städte weit weg sind von seiner Heimat, bis er entsetzt sieht, dass die Reihe nun auch an Athen kommt.

Trygaios nutzt den kurzen Moment, da dem Gott des Krieges, da er ansetzt, Athen zu zermalmen, der Stößel zerbricht und ein neuer Stößel nicht sofort zur Hand ist, der Nachschub für den Krieg also ausbleibt: „Jetzt, liebe Griechen“, so ruft Trygaios, „jetzt wird alles gut. Wir werden Kriegsgeschäft und Schlachten los und ziehn die allerliebste Friedenszeit heraus, bevor ein andrer Stößel das verhindert. Ihr Bauern, Händler, Bauarbeiter, Handwerker, Gastarbeiter und ihr Fremden, ihr von den Inseln, kommt jetzt alle her!“ Unter dem Protest der Demagogen und Kriegsgewinnler, der „Kriegspropheten“ und „Gschaftlehuber“ des Rüstungsgewerbes wird Eirene befreit und werden 421 v.u.Z. ein Fest des Friedens und die Hochzeit des Trygaios auf der Bühne am Fuße der Akropolis gefeiert.

Eine ganze Generation: Nichts als Krieg und Zerstörung

Die Wirklichkeit aber sah anders aus: Der Nikias-Frieden hielt nicht, weil Spartas Bündnispartner, darunter vor allem Theben, Korinth und Megara, ihre Interessen nicht berücksichtigt sahen und weder Sparta noch Athen alle ihre Zusagen einhielten. Es war ein kurzer, fauler Frieden. 416 v.u.Z. entbrannte der Krieg mit noch größerer Macht erneut und endete erst 404 v.u. Z., als Athen erschöpft und am Rande der völligen Vernichtung aufgeben musste und sich sogar zeitweilig gegen eine oligarchische Verschwörung im Innern zu wehren hatte. Sparta, selbst geschwächt und ausgeblutet, war nur ein scheinbarer Sieger. Seinen Sieg verdankte es persischem Gold, mit dem es eine eigene Flotte baute und der Seemacht Athen nun auf dem Meer vernichtende Niederlagen beibrachte. Dafür gaben die Spartaner das griechische Kleinasien den Persern preis. Eine ganze Generation zwischen 431 und 404 v.u.Z. kannte nichts als Krieg und Zerstörung. Die Griechen gerieten erst in die Abhängigkeit von Persien, dem sie ein knappes Jahrhundert zuvor widerstanden hatten, dann unter die Herrschaft der Mazedonier. Sie hatten einander besiegt und wurden durch Dritte erobert.

Wie aber war es möglich, dass fünfzig Jahre nach den glänzenden Siegen der Griechen über die Perser sie selbst sich zerfleischten und damit am Ende ihre Eigenständigkeit verloren und zu Provinzen fremder Reiche wurden? Die Ursache liegt in ihrer Spaltung in die beiden schon genannten Blöcke – dem unter Führung Athens als Seemacht und dem unter Hegemonie Spartas als Landmacht. Es war der attische Aristokrat, Politiker und militärische Anführer Thukydides, der nach seiner Verbannung im Gefolge einer Niederlage im Krieg 424 v.u.Z. zum Chronisten dieses großen Krieges wurde. Wie er selbst schrieb, könne sein Werk sich nicht mit Homers Epos über den Trojanischen Krieg dichterisch vergleichen, aber es habe eine andere Stärke: „Wer klare Erkenntnis des Vergangenen erstrebt und damit auch des Künftigen, das wieder einmal nach der menschlichen Natur so oder ähnlich eintreten wird, der wird mein Werk für nützlich halten, und das soll mir genügen.“

Kriegerische Auseinandersetzungen waren ein beliebtes Motiv auf Vasen und Schalen.
Kriegerische Auseinandersetzungen waren ein beliebtes Motiv auf Vasen und Schalen.Metropolitan Museum of Art via CC

Thukydides: Ursache und Anlass des Krieges unterscheiden

Thukydides wurde zum Begründer der wissenschaftlichen Geschichtsschreibung, indem er die Ursache des Krieges und den Grund für sein Andauern über mehr als ein Vierteljahrhundert von dem Anlass des Krieges und den Anlässen seines immer neuen Aufflammens deutlich unterschied. So detailliert er die Ereignisse darstellt, die die Kriegsparteien heranzogen, um den Krieg zu beginnen und immer weiter fortzusetzen, so klar insistiert er zugleich darauf, dass es nicht die Ereignisse selbst waren, die diesen langanhaltenden großen Krieg verursachten und es so schwierig machten, ihn zu beenden: „Den letzten und wahren Grund, von dem man freilich am wenigsten sprach, sehe ich im Machtzuwachs der Athener, der den Spartanern Furcht einflößte und sie zum Krieg zwang.“ Der Peloponnesische Krieg war Fortsetzung des interimperialistischen Gegensatzes zwischen Sparta und Athen mit militärischen Mitteln. Mit Carl von Clausewitz gesagt: „Bedenken wir nun, dass der Krieg von einem politischen Zweck ausgeht, so ist es natürlich, dass dieses erste Motiv, welches ihn ins Leben gerufen hat, auch die erste und höchste Rücksicht bei seiner Leitung bleibt. […] Die Politik also wird den ganzen kriegerischen Akt durchziehen und einen fortwährenden Einfluss auf ihn ausüben, soweit es die Natur der in ihm explodierenden Kräfte zulässt.“

Einer der Anlässe des Krieges, keinesfalls sein Grund, war ein Defensivbündnis Athens mit Kerkyra (heute Korfu), das im kriegerischen Konflikt mit Korinth, einem Bündnispartner Spartas, war. In einem vorhergehenden Abkommen zwischen dem Attischen Seebund und dem Peloponnesischen Bund war den noch nicht in den jeweiligen Bündnissen zusammengeschlossenen Städten die freie Wahl des Anschlusses an eines der Bündnisse zugesichert worden. Das Bündnis zwischen Athen und Kerkyra war also formell völlig korrekt. Korinth sah aber den Geist des Abkommens gebrochen. Kerkyra hatte nach Athen die zweitgrößte griechische Flotte. Durch das Bündnis der beiden würden die Kräfteverhältnisse grundsätzlich verändert und eine Übermacht entstehen.

Die Wahrnahme des Rechts auf freie Bündniswahl durch Kerkyra widersprach nach Auffassung der Korinther dem Geist des zwischen den beiden großen Bündnissen geschlossenen Abkommens. Dieses habe darauf gezielt, eine Art wechselseitiger Nichtangriffsfähigkeit durch ein Kräftegleichgewicht zu bewahren. Thukydides gibt die Worte der Korinther Abgesandten vor der Volksversammlung in Athen so wider: „Wenn nämlich im Vertrag festgelegt ist, einer nicht eingeschriebenen Stadt stehe es frei, sich nach eigenem Wunsch einem der beiden Bündnisse anzuschließen, so gilt diese Bestimmung nicht für solche, die durch ihren Beitritt einem der Vertragspartner schaden.“

Thukydides übermittelte als Geschichtsschreiber unter anderem die viel rezipierte Leichenrede des Athener Staatsmannes Perikles, hier in einer Interpretation aus dem 19. Jahrhundert.
Thukydides übermittelte als Geschichtsschreiber unter anderem die viel rezipierte Leichenrede des Athener Staatsmannes Perikles, hier in einer Interpretation aus dem 19. Jahrhundert.wikimedia commons

Thukydides hat den „harten Lehrmeister“ Krieg, wie er ihn nannte, studiert, wie keiner, den wir kennen, vor ihm in Europa. Er wusste auch, wie jene Leidenschaften entstehen, die es leichter machen, eine immer weitere Eskalation des Krieges zu befördern, als dem Krieg ein Ende zu setzen.

Zu den folgenden Worten Thukydides erübrigt sich jeder Kommentar: „[…] lieber lassen sich die meisten Menschen gewitzte Bösewichter nennen als einfältige Ehrenmänner; des einen schämen sie sich, mit dem andern brüsten sie sich. An all dem ist die Herrschsucht schuld, die sich in Habgier und Ehrgeiz äußert, und daraus erwächst dann, wenn erst der Hader hinzutritt, wilde Leidenschaft. Denn die Führer in den Städten – bei beiden Parteien mit schönklingenden Worten: sie vertreten die Gleichberechtigung des Volkes oder die gemäßigte Herrschaft der Besten – machten das Staatsgut, dem sie ihren Worten nach dienten, zu ihrem persönlichen Kampfpreis; in ihrem Ringen, auf jede Art den anderen zu überbieten, erkühnten sie sich zu den verwegensten Taten und übersteigerten dann noch ihre Rache. Dabei aber hielten sie sich nicht im Rahmen des Rechtes und des Staatswohls, nein, jede Partei fand jeweils ihre Richtschnur nur in ihrer Leidenschaft; und ob sie durch betrügerische Abstimmung oder mit Gewalt zur Herrschaft gelangt sind, sie waren entschlossen, die Kampfwut des Augenblicks zu sättigen. Hier und dort galt Frömmigkeit nichts; wem es glückte, mit schönklingenden Worten ein Werk des Hasses zu vollbringen, der stand in besserem Ruf. Die parteilosen Bürger wurden von beiden Gegnern umgebracht, entweder weil sie nicht mitkämpften oder aus Neid, dass sie etwa mit dem Leben davonkämen.“

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Mehr als 2450 Jahre liegt der große Krieg der Griechen zurück, der sie in den Untergang trieb und jäh das kurze Jahrhundert der Blüte des Geistes, der Kultur und Politik der griechischen Antike beendete. Was danach kam, lebte von diesem Erbe, bis es aufgebraucht war und Griechenland selbst zur Beute von Eroberern wurde. Kriege sind Lehrmeister. Doch es fehlen ihnen bis heute jene, die bereit sind, in ihre Lehre zu gehen, und – dem Aufruf von Antje Vollmer folgend – den Krieg endlich zu verlernen. Wie dichtete Aristophanes am Ende seines Stückes: „Lasst alles Gute wieder uns sammeln, das verloren. Die Waffen nieder!“

Michael Brie ist Philosoph und ehem. Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Er ist Mitglied der Gruppe Neubeginn.

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