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Das Theater versucht oft, vermeintlich steigendem Legitimationsdruck durch Aktualität zu begegnen. Das schlägt meistens fehl. Die Produktionsprozesse einschließlich der notwendigen künstlerischen Reflexion sind zu langwierig. Niemanden interessieren die Breaking News von vor zwei Monaten. Stark und relevant ist die Bühnenkunst hingegen in der Bearbeitung archaischer Konflikte, des ewig wiederkehrenden zutiefst Menschlichen. Shakespeare ist mit seinen zeitlosen Stücken ein Musterbeispiel dafür.
Doch zuweilen geschieht es, dass die Wirklichkeit die Kunst einholt und Arbeiten, die schon seit geraumer Zeit in der Welt sind, eine ungeahnte und ungewollt tagespolitische Aktualität erfahren. Das passiert gerade dem Stück „Der Kaufmann von Venedig“ durch das blutig aufgebrochene und unauflösliche Dilemma Nahost.
Als ich vor acht Jahren die Inszenierung dieses Stückes in Angriff nahm, war ich mir der Gefahren, die eine ambivalent-kritische Darstellung der Handlungsweisen eines jüdischen Protagonisten mit sich bringt, bewusst. „Shakespeares heikelstes Werk“, urteilte damals Irene Bazinger in ihrer Rezension für die Berliner Zeitung vom 7.7.2016.
Der reiche Kaufmann Antonio, dessen gesamtes Vermögen auf See ist, benötigt kurzfristig Geld, um die Wünsche seines Freundes Bassanio zu erfüllen. Er wendet sich daher an seinen schlimmsten Feind, den Juden Shylock, damit dieser ihm die benötigte Summe gegen Zinsen leihen möge. Shylock verzichtet auf Zinsen, verlangt jedoch „nur zum Spaß“ ein Pfund von Antonios Fleisch als Pfand. Ein Sturm vernichtet Antonios Reichtum, worauf das Pfand justiziabel wird.

Für mich als Regisseur spielte die Frage, wem ich mit meiner Interpretation womöglich auf die Füße treten würde, nicht die Hauptrolle. Mir ging es um das Verallgemeinerbare in der fatalen Dualität von Gut und Böse im Handeln der porträtierten Charaktere. Dem Autor William Shakespeare gerecht zu werden, hieß in diesem Fall, den Schmerz, die Wut und den folgerichtig entstehenden Rachedurst des Juden Shylock nicht nur verständlich, sondern erlebbar zu machen. Sein Schmerz über die systematische Ausgrenzung und Benachteiligung in der venezianischen High Society wurde zu meinem Schmerz, seine Wut über die ständigen Sticheleien, Provokationen und Beleidigungen, die er von der „ehrbar“ christlichen Gemeinschaft zu erdulden hatte, wurde zu meiner Wut, sein Rachedurst wurde zu meinem Rachedurst, als der Zufall dem gepeinigten Darlehensgeber Shylock endlich das Recht in die Hände spielte, seinem schlimmsten Widersacher „ein Pfund Fleisch zunächst dem Herzen aus dem Leib zu schneiden“. Shylock wollte nie mehr das Opfer sein und nahm dafür die Bürde auf sich, zum Täter zu werden.
Israel: Im Selbstverteidigungsmodus
Als sich der Staat Israel im Jahre 1948 mit breiter Zustimmung der Vereinten Nationen wehrhaft gründete, lag darin ebenfalls der verständliche Anspruch, dass Juden nie mehr Opfer sein sollten. Gut und versöhnlich war das Bekenntnis der jungen Bundesrepublik Deutschland zu diesem Anspruch, ebenso die wiederholt postulierte Haltung des ehemaligen Tätervolkes Deutschland, dass Israels Sicherheit Staatsräson für uns Deutsche sei. Im anderen deutschen Staat ging die Außenpolitik einen anderen, propalästinensischen Weg. Dafür gab es zahlreiche Gründe, doch war die ideologische Überwölbung jeglicher Parteinahme für die Meinungsbildung der Menschen in der DDR fatal: Noch als Oberschüler hielt ich damals irrtümlich die Begriffe „Zionismus“ und „Zynismus“ für bedeutungsgleich.

Nach der Wiedervereinigung löste sich der Dissens in der Bewertung der Politik des Staates Israel naturgemäß auf und es blieb die erwähnte Staatsräson. Nachdem am 7. Oktober 2023 die Hamas ihren brutalen Überfall auf ahnungslose friedliche israelische Menschen verübt hatte, leuchtete das Brandenburger Tor in den Farben der israelischen Flagge. Auch ich war extrem bewegt und schockiert von diesem jähen Einbruch mittelalterlicher Grausamkeit in eine moderne, weltoffene Gesellschaft. Meine affektive Reaktion war aufs Innerste zu wünschen, dass es dem israelischen Militär gelingen möge, die Hamas gänzlich zu vernichten, um ein solches Ereignis unwiederholbar zu machen. Auf einmal war ich es, der „ein Pfund Fleisch zunächst dem Herzen“ forderte.
Es ist bekannt, dass der Aggressor des 7. Oktober kein im Feld stehendes feindliches Heer ist, dem die israelische Armee mit Rückendeckung des Völkerrechts den Garaus machen könnte. Vielmehr ist er unauflösbar verwoben in den Organismus der Bevölkerung des Gazastreifens. Die Hamas ist, um im Bild zu bleiben, das Pfund Fleisch, dessen gewaltsame Entfernung die lebensgefährliche Verletzung oder gar den Tod des Körpers, dessen Teil sie ist, bewirkt. Wieder zu Verstand gekommen, begann ich mich zu fragen, wie weit das Recht auf Selbstverteidigung gehen kann. Ein furchtbares Dilemma. In der Justiz bedingt jeder Rechtsspruch implizit die Mittel zu dessen Durchführung. Wenn ich also der israelischen Bevölkerung das Recht zugestehe, den Terror effektiv und nachhaltig zu bekämpfen, muss ich dann bei der Erlangung dieses Rechts entstehende Ungerechtigkeiten in Form unschuldiger Opfer billigend in Kauf nehmen?

In Shakespeares Stück erscheint an dieser Stelle die weibliche Hauptfigur Portia und parodiert das vertraglich zugesprochene Recht auf Vergeltung durch einen paradoxen Schiedsspruch: Shylock darf das ihm zustehende Pfund Fleisch aus dem Leib seines Feindes schneiden, aber dabei keinen einzigen Tropfen Blut vergießen. Das Recht ist damit gewährt, seine Erlangung jedoch verwehrt. Es ist nicht zufällig eine Frau, die diesen Trick erfindet, bedurfte es doch einer Erweiterung des männlich verengten Blicks auf Buchstabenrecht, Gesetz und Ehre hin zu einer humanistisch versöhnlichen Perspektive.
Es ist die internationale Gemeinschaft demokratischer Staaten, die der israelischen Nation die Botschaft gibt: Du darfst dein Leben und deine Unversehrtheit verteidigen, dabei jedoch keine unschuldigen Menschen töten. Ein Ding der Unmöglichkeit. Ab hier geht die Wirklichkeit des Nahostkonfliktes seit nunmehr einem Jahr einen deutlich anderen Weg als die Handlung in Shakespeares „Kaufmann von Venedig“. Während Shylock sich wortlos aus der Handlung zurückzieht und der venezianischen Gesellschaft damit einen vergifteten Sieg beschert, führt Israel einen immer größer und schrecklicher werdenden Krieg um das Recht seiner Einwohner auf ein Leben in Frieden und Sicherheit.
Von Shakespeare gibt es keine Lösung
Shakespeare war klug genug, jegliche Schlussfolgerung aus dem Gezeigten seinen Zuschauern zu überlassen. Er war weder Anti- noch Philosemit. Er war Theatermann und ließ unter den Worten die Erkenntnis mitschwingen, dass die Niederlage Shylocks gleichzeitig die Niederlage des venezianischen Staates bedeutete, der sein Selbstverständnis als internationale Handelsmacht vor allem aus seiner verlässlichen Rechtsstaatlichkeit zog. Hätte jedoch Portia anders entschieden, wäre mit ziemlicher Sicherheit endloses Gemetzel die Folge gewesen. Hätte Shylock seinen Feind getötet, wären die rächenden Freunde nicht lange untätig geblieben und hätten eine Spirale neuen Unrechts in Gang gesetzt.

Hamas, Huthi, Hisbollah und Co. sind weit davon entfernt, rechtsstaatlichen Prinzipien zu folgen. Deren Charta fordert den Dschihad, den Kampf für den Sieg des Islam, ergänzt um eine betäubend verklärende Jenseitserwartung. Ein Widerspruch in sich ist dabei die Tatsache, dass die fünf Säulen des Islam keinem Muslim kriegerisches Verhalten auferlegen. Was nun, wenn der moderne Staat Israel den tragischen Kreislauf durchbrechen würde, wenn ein neuer Jitzchak Rabin erschiene und mithilfe der internationalen Gemeinschaft den gordischen Knoten des Hasses durchschlagen würde?
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So weit erzählt William Shakespeare seinen „Kaufmann von Venedig“ nicht. Er taucht zurück in seinen Zeitkontext und klappt das alte Buch wieder zu, dem er entstiegen war. Wir bleiben allein in unserer heillos verwirrten Gegenwart mit all den offenen Fragen. Was es uns gebracht hat, dem Wiedergänger Shylock so nahe gekommen zu sein, als wäre er unser Zeitgenosse, ist die anstrengende Einsicht, dass jedes menschliche Gebilde zahllos viele Seiten hat und aus jeder Perspektive in einem anderen Licht erscheint. Wir dürfen nicht verlernen, den Standpunkt zu ändern. Auch dann nicht, wenn wir erschreckt, bedroht oder verletzt wurden.




