Ein Jahr nach dem 7. Oktober

Israel, die Linke und Neukölln: Berlin, wir haben ein Problem

Der 7. Oktober hat die deutsche Linke endgültig gespalten. Nichts davon, worüber sie streitet, hilft den Menschen in Israel und Palästina. Ein (selbst)kritischer Rückblick auf die Debatte.

Pro-Palästina-Demo auf der Sonnenallee Ecke Reuterstraße im Oktober 2023
Pro-Palästina-Demo auf der Sonnenallee Ecke Reuterstraße im Oktober 2023dts Nachrichtenagentur/imago

7. Oktober 2023, ein ganz normaler Samstagmorgen, gewohnter, lauter Trubel an der Sonnenallee in Neukölln, feierliche Stimmung. Hätte ich nicht seit den frühen Morgenstunden bereits erfahren, was geschehen ist, würde ich nicht einmal bemerken, was los ist. Jemand verteilt Süßigkeiten an Passanten, nette Geste – dort, wo ich herkomme, macht man das auch zu besonderen Anlässen. Dieser Jemand, erfahre ich später, gehört zur mittlerweile verbotenen Gruppe Samidoun. Gefeiert wird die verheerendste Attacke gegen Juden seit dem Zweiten Weltkrieg. 

Am frühen Nachmittag hängt an der Hauswand vor dem Spielplatz an der Pflügerstraße ein großes Transparent mit der Aufschrift „Palästina Kurdistan Intifada Serhildan“, eine beliebte antiimperialistische Parole, die kurdische Aufstände gegen die türkische Herrschaft mit der Lage der Palästinenser im Westjordanland und Gaza gleichsetzt.

Die brutalen Attacken der Hamas-Terroristen auf das Nova-Festival sowie auf Dörfer und Kibbuzim im Grenzgebiet zum Gazastreifen haben nur wenige Stunden zuvor stattgefunden. Die Toten sind noch nicht gezählt. Die israelische Armee hat noch nicht reagiert – aber in bestimmten Kreisen weiß man bereits: Heute ist ein Tag zum Feiern.

„Bestimmte Kreise“ feiern: Das hört sich verschwörerisch und zugleich vage an. Während ich mit den Aktivisten dieser Kreise nichts zu tun habe, sie nur grölend auf Demonstrationen sehe, werde ich in den folgenden Tagen und Wochen feststellen, wie viele Sympathisanten sie plötzlich zu haben scheinen: die Nachbarn, die man seit einem Jahrzehnt im Kiez kennt, die Bekannten, mit denen man das Feierabendgetränk am Späti trinkt, die Freunde meines 18-jährigen Sohnes, die immer so nett grüßen.

Berlin, Pflügerstraße in Neukölln am 7. Oktober 2023
Berlin, Pflügerstraße in Neukölln am 7. Oktober 2023Federica Matteoni

Noch ausgelassener wird an diesem Tag auf Social Media gefeiert. Dort ist die Reaktionszeit noch kürzer. Die ersten Bilder der Attacke auf das Nova-Festival landen auf X, Instagram und TikTok bereits in den frühen Morgenstunden, praktisch live. Es sind zunächst verschwommene Fotos, chaotische Videos: Viel Staub ist zu sehen, Geschrei und Geräusche, die man nicht auf Anhieb als das erkennt, was sie sind: Schüsse. Der allererste Gedanke, nachdem ich realisiert habe, was gerade geschieht: Es ist eine Technoparty, ich war selber auf ein paar davon vor vielen Jahren, auch in der Negev-Wüste, wo genau, weiß ich jetzt nicht mehr. Natürlich werden auf solchen Partys auch Drogen konsumiert – wie furchtbar muss es sein, im Rausch um das eigene Leben rennen zu müssen, frage ich mich.

Noch habe ich die Dimension der Tragödie nicht begriffen, ich scrolle weiter und weiter auf meiner Timeline. Die meisten Beiträge stammen von Teilnehmenden am Rave selbst: Die Videos und Fotos von jungen Menschen, die durchs Rave-Gelände fliehen, sich panisch im Gebüsch verstecken oder auf die Pick-ups der Terroristen gezerrt und nach Gaza entführt werden, gehen um die Welt. Auch „dank“ der Hamas-Terroristen, die ihre Taten selbst filmen und ins Netz stellen, um sich dabei zu feiern – und gefeiert zu werden –, wie sie jüdische Zivilisten abschlachten. Diese verstörenden Aufnahmen sind im Dokumentarfilm „We Will Dance Again“ des israelischen Regisseurs Yariv Mozar zu sehen, der vergangene Woche im deutschen Fernsehen gezeigt wurde.

Später am Morgen ergänzen die Bilder aus den Kibbuzim Beʾeri, Kfar Aza, Nir Oz, Nirim und Yad Mordechai sowie aus den Städten Ofakim, Sderot und anderen das Bild und lassen das Ausmaß der Katastrophe erahnen.

In den folgenden Tagen brennt mein Kiez, buchstäblich. Wie diese Auseinandersetzung Berlin verändert hat, zeigt meine Kollegin Carola Tunk anhand von Fakten, Zahlen und Protagonisten in ihrer Langzeitrecherche für die Berliner Zeitung am Wochenende. 

Wie sich das, was auf Berlins Straßen beinahe täglich stattfindet, auf der persönlichen Ebene von jemandem anfühlt, der lange in linken Zusammenhängen politisch aktiv war und sich dort – mehr oder weniger – immer zu Hause fühlte, versuche ich hier zu beschreiben.

Auch in den sozialen Medien sind es „bestimmte Kreise“, die sich immer wieder zu Wort melden. Alle irgendwie im linken bis linksradikalen Milieu angesiedelt, viele Accounts sind mir allerdings neu. Die meisten tragen den Zusatz „for Palestine“ im Namen: Students for Palestine, Queers for Palestine, Ravers for Palestine, Lawyers for Palestine, sogar „Fatties“ und „disabled people“ for Palestine – also dicke und behinderte Menschen für Palästina – tauchen in meiner Timeline auf. Alle bedienen sich derselben Begriffe: „Dekolonisierung“, „Widerstand“, „Befreiung“. Es sind auch die unterschiedlichsten User, die die Beiträge dieser Accounts zustimmend reposten. Ob links oder rechts, jüdisch oder muslimisch, mit Migrationshintergrund oder ohne, straight, gay oder queer – die verschiedensten Identitäten und politischen Einstellungen finden in den Tagen oder sogar schon in den Stunden nach dem Massaker einen neuen gemeinsamen Nenner: die sogenannte „Israelkritik“.

Es folgt ein Jahr der Eskalation auf jeder Seite, auf allen Ebenen. Allein in Berlin: Jüdische Menschen mussten in dieser Stadt wieder um ihre Sicherheit fürchten. Es gab Davidsterne an Haustüren, Molotow-Cocktails gegen eine Synagoge. Bereits kurz nach dem 7. Oktober gab es vermehrt Angriffe, Bedrohungen, gezielte Sachbeschädigungen und verbale Anfeindungen gegen jüdische Menschen in Berlin. Wer sich mit ihnen solidarisch zeigte, wurde schnell als „Genozidbefürwörter“ diffamiert und als Feind markiert; auf Demonstrationen wurde der jüdische Staat offen mit Nazideutschland verglichen; es kam zu Boykottaufrufen gegen einen Technoclub und zu wiederholten Angriffen gegen ein Café in Neukölln.

Gleichzeitig aber auch: Ein Palästina-Kongress wurde mit fragwürdiger Begründung verboten; Persönlichkeiten aus dem propalästinensischen Umfeld mit Einreise- bzw. Betätigungsverboten belegt. 
Bestimmte Symbole und Parolen auf Demos wurden verboten, Kulturzentren wurden geschlossen, Universitäten wurden besetzt und von der Polizei gewalttätig geräumt, Intellektuelle und Künstler wurden zu Vorträgen ein- und wieder ausgeladen wegen ihrer Positionen oder wegen bestimmter Aussagen zum Gazakrieg. Schon ein Like auf Social Media reichte in manchen Fällen, um Karrieren infrage zu stellen.

Vergiftete Debatte: Entweder du polarisierst oder du gehst unter

Kufiya gegen Davidstern – bei einem Derby in der Fankurve ist mehr Komplexität zu finden, habe ich mir manchmal gedacht bei den Debatten des vergangenen Jahres – dabei habe ich selbst mitgemacht. Ich gehörte auch zu denen, die sich empört und geärgert, Texte geschrieben und in Social-Media-Threads kommentiert haben, die oft nur aus wüsten Beschimpfungen oder sarkastischen, empathielosen Memes auf beiden Seiten bestanden. Denn in einer derart polarisierten diskursiven Umgebung kann man nur polarisierend an Debatten teilnehmen oder sich komplett entziehen – wer versucht, sachliche Positionen einzunehmen, geht in der Regel unter.

Ist denn überhaupt eine „Debatte“ über Israel und Palästina möglich? Will ich eine Debatte überhaupt führen mit jemandem, der auf Instagram Auszüge von einem akademischen Essay postet, der mit folgendem Satz beginnt: „Die Bilder vom 7. Oktober, als Gleitschirmflieger der israelischen Luftabwehr auswichen, waren für viele von uns erheiternd“? Autorin dieses Textes, der den Titel „Palästina spricht für alle“ trägt, ist die US-Politologin Jodi Dean, die darin dem Befreiungskampf der Palästinenser, angeführt von der Befreiungsbewegung Hamas, einen universellen emanzipatorischen Charakter attestiert.

Will ich einen so wichtigen Tag für meine politische Sozialisation, wie es der Internationale Frauentag ist, auf Demos mit Menschen teilen, die Überlebenden des Massakers nicht glauben, wenn sie von Vergewaltigung und schwerer sexueller Misshandlung durch die Hamas-Terroristen berichten?

Will ich mir mangelnde Empathie gegenüber den zivilen Opfern von Gaza vorwerfen lassen von jemandem, der mitten in Berlin jubelt, wenn der Iran Raketen auf Israel abwirft?

Will ich das alles?

Und wenn die Antwort Nein lautet, bin ich dann intolerant?

Ein richtiger Pro-Palästina-Slogan: „Free Gaza from Hamas!“

Aber es gibt eine noch wichtigere Frage: Warum war auf nur wenigen der größeren Pro-Palästina-Veranstaltungen in Berlin, in Deutschland oder auch weltweit bis heute keine Parole gegen die Hamas prominent zu hören?
Von uns Zionisten – ja, das ist kein Schimpfwort – wird erwartet, dass man angesichts der über 40.000 Toten in Gaza die vernichtende Kriegsführung der Regierung Netanjahu kritisiert – doch was ist mit der Hamas? Warum genau soll die Verklärung einer Terrororganisation helfen und zur Befreiung der Menschen in Palästina beitragen?

Keine der westlichen Palästina-Freunde traut sich, diese Fragen zu stellen. Diese Menschen mögen nicht alle glühende Antisemiten sein, doch solange sie sich dieser Frage nicht stellen beziehungsweise mit der Formel „Der 7. Oktober war schlimm, aber ...“ beantworten, wird man ihnen vorwerfen, dass die Freiheit, die sie meinen, allein „von Israel befreit“ bedeutet. Damit übernehmen sie das Narrativ der Islamisten, das ein politisches Projekt ist, dessen Folgen vor genau einem Jahr für alle begreifbar wurden. 

Wer die Idee eines Nahen Ostens, in dem Israelis und Palästinenser in Frieden und Freiheit leben und in dem für alle Gerechtigkeit herrscht, nicht aufgeben will, kann und darf sich nicht mit dem kollektiven Schweigen in der propalästinensischen Szene abfinden. Ich habe viele Pro-Palästina-Demos in meinem geliebten Reuterkiez gesehen im vergangenen Jahr. Bei keiner davon ging es um die Zukunft der Menschen in Palästina, sondern um den ewigen Täter Israel, um eine Projektion.

Wirklich propalästinensisch wäre nur ein Slogan, der bisher leider nie laut auf einer solchen Demo skandiert wurde: „Free Gaza from Hamas!“

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