Ungarn steht vor einem Regierungswechsel. Nach Auszählung von fast 99 Prozent der Stimmen liegt die Tisza-Partei des Oppositionsführers Péter Magyar deutlich vor der Fidesz-Partei von Ministerpräsident Viktor Orbán.
Nach Angaben der Wahlkommission kommt die Tisza derzeit auf 138 Mandate im 199 Sitze umfassenden Parlament und hätte damit auch die Zweidrittelmehrheit erreicht, die bei 133 Mandaten liegt. Nur mit dieser Mehrheit könnte Magyar weitreichende Reformen durchsetzen.
Orbán, der das Land seit 16 Jahren regiert, räumte seine Niederlage bereits ein. „Die Wahlergebnisse sind, wenn auch noch nicht endgültig, klar. Für uns sind sie schmerzhaft, aber eindeutig“, sagte der seit 16 Jahren regierende Politiker am Sonntagabend vor Journalisten. Orbán erklärte weiter, die Verantwortung für die Regierungsbildung sei nicht mehr seiner Partei übertragen worden. „Ich habe der siegreichen Partei gratuliert“, sagte er. Auch in der Opposition werde Fidesz „der Heimat dienen“.

Oppositionsführer Magyar bestätigte, Orbán habe ihn angerufen und zum Wahlsieg gratuliert. „Ministerpräsident Viktor Orbán hat mich gerade angerufen, um uns zu unserem Sieg zu gratulieren“, schrieb Magyar auf Facebook. Anhänger Magyars verwandelten die Uferpromenade an der Donau in eine Partymeile.
Ungarn-Wahlen: Magyar aktuell bei Zweidrittelmehrheit
Die Tisza-Partei des ungarischen Oppositionsführers Magyar hat nach Berechnungen der Wahlkommission eine Zweidrittelmehrheit im neuen Parlament erreicht. Demnach kommt Tisza auf 138 von 199 Mandaten, was derzeit 69,35 Prozent entspricht. Für die Fidesz-Partei von Orbán stimmten 37 Prozent der Wähler, Magyars Partei verzeichnete 53,6 Prozent der Stimmen.

Ungarns Präsident Tamás Sulyok bezeichnete den Ablauf der Parlamentswahl als korrekt. Er habe vom Nationalen Wahlamt die Information erhalten, „dass die Wahl ordnungsgemäß verlaufen ist“, sagte er in einer Rede. Wahlberechtigt waren 7,5 Millionen Bürger in Ungarn und mehr als 500.000 Auslandswähler.
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen begrüßte den Sieg der Oppositionspartei. „Ungarn hat Europa gewählt“, erklärte von der Leyen am Abend im Onlinedienst X. Das Land kehre „auf seinen europäischen Weg zurück“. „Heute Abend schlägt das Herz Europas in Ungarn stärker“, schrieb von der Leyen. „Die Union wird stärker.“
Bundeskanzler Friedrich Merz gratulierte Magyar zum Wahlerfolg. „Das ungarische Volk hat entschieden. Meine herzlichen Glückwünsche“, schrieb er auf X. „Ich freue mich auf die Zusammenarbeit – für ein starkes und geeintes Europa.“
Auch der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat Magyar gratuliert. Auf Telegram schrieb er, er gratuliere Magyar und der Tisza-Partei zu ihrem überzeugenden Sieg; wichtig sei, dass sich ein konstruktiver Ansatz durchsetze. Die Ukraine habe stets gute nachbarschaftliche Beziehungen zu allen europäischen Ländern angestrebt und sei bereit, die Zusammenarbeit mit Ungarn auszubauen.
Rekord-Wahlbeteiligung in Ungarn
Bereits im Vorfeld hatte sich eine Rekord-Wahlbeteiligung abgezeichnet. Eine halbe Stunde vor Schließung der Wahllokale lag sie nach Angaben der nationalen Wahlbehörde bei 77,80 Prozent. Damit liegt die Beteiligung deutlich über dem Wert der Parlamentswahl 2022, als zu vergleichbaren Zeitpunkten deutlich weniger Menschen gewählt hatten. Der bisherige Rekord wurde 2002 mit einer Beteiligung von 70,5 Prozent erreicht.
Orbán und Magyar werben bis zuletzt um Stimmen
Sowohl Ministerpräsident Orbán als auch sein Herausforderer Magyar hatten die hohe Beteiligung gewürdigt und die Bevölkerung zur Stimmabgabe aufgerufen. Magyar erklärte laut Angaben seines Teams, viele Menschen seien aufgebrochen, um Veränderungen herbeizuführen. Orbán betonte in einer Mitteilung, eine hohe Beteiligung sei entscheidend für die Zukunft des Landes und rief seine Anhänger zur Teilnahme auf. Bei seiner Stimmabgabe am Morgen hatte Orbán erklärt, er werde seinem Gegner gratulieren, sollte dieser die Wahl gewinnen. So kam es dann auch.

Blick nach Brüssel: Wahl mit Bedeutung für die EU
Die Wahl gilt als eine der wichtigsten politischen Entscheidungen seit der Wende 1989/90. Rund acht Millionen Menschen waren zur Abstimmung aufgerufen. Umfragen hatten zuletzt ein enges Rennen zwischen Orbáns Fidesz-Partei und der Oppositionsbewegung Tisza nahegelegt. Neben diesen beiden Kräften könnte nur eine weitere Partei den Einzug ins Parlament schaffen.


