Ein Mitglied der Taliban ist nach Recherchen der ARD offenbar zum Chef der afghanischen Botschaft in Berlin ernannt worden – ohne Wissen der Bundesregierung. Das berichtet die Tagesschau. Damit wäre Deutschland der erste EU-Staat, in dem Vertreter der Islamisten faktisch die Leitung einer diplomatischen Vertretung übernehmen.
Demnach war der Mann, Nebrasul H., erst im vergangenen Sommer als einfacher Konsularbeamter nach Deutschland gekommen – mit Zustimmung der Behörden. Offiziell sollte er unter anderem bei der Organisation von Abschiebungen nach Afghanistan helfen. Intern verfolgte er offenbar jedoch eine andere Mission: die Kontrolle über die Botschaft zu übernehmen.
Taliban in Berlin: Bundesregierung wusste von nichts
Inzwischen tritt Nebrasul H. laut den ARD-Recherchen als sogenannter Geschäftsträger auf. Diese Funktion entspricht der Leitung einer Botschaft, wenn kein offiziell ernannter Botschafter im Amt ist. Dokumente belegen laut Tagesschau, dass er bereits entsprechende Entscheidungen trifft und mit dem afghanischen Außenministerium kommuniziert.
Der bisherige Leiter der Vertretung, ein Diplomat der früheren afghanischen Regierung, wurde demnach entmachtet und spielt nur noch eine formale Rolle. Nach außen blieb er jedoch weiterhin als Ansprechpartner bestehen – offenbar bewusst, um die tatsächlichen Machtverhältnisse zu verschleiern. Die Bundesregierung sei über den Wechsel monatelang nicht informiert worden.
Besonders brisant: In internen Schreiben soll sogar festgelegt worden sein, dass Deutschland vorerst nichts von der Ablösung erfahren soll. Beobachter gehen dem Bericht zufolge davon aus, dass die Taliban so verhindern wollten, dass Berlin die neue Führung ablehnt.
Deutschland erkennt Taliban-Regierung nicht an
Politisch ist die Entwicklung heikel. Deutschland erkennt die Taliban-Regierung nicht als legitime Führung Afghanistans an. Entsprechend sensibel ist die Frage, wer diplomatische Vertretungen leitet. Offiziell hatte die Bundesregierung bislang betont, dass afghanische Auslandsvertretungen möglichst von Diplomaten aus der Zeit vor der Machtübernahme 2021 geführt werden sollten.


