Eskalation

Pakistan erklärt Taliban-Regierung in Afghanistan den „offenen Krieg“

Der militärische Konflikt zwischen Pakistan und Afghanistan eskaliert: Luftangriffe auf Kabul, Kandahar und entlang der Grenze fordern zahlreiche Todesopfer. Die Taliban kündigen Vergeltung an.

Angriffe der pakistanischen Armee auf Stellungen militanter Kämpfer haben in Afghanistan zahlreiche Opfer gefordert.
Angriffe der pakistanischen Armee auf Stellungen militanter Kämpfer haben in Afghanistan zahlreiche Opfer gefordert.Wahidullah Kakar/AP

Nach tagelangen gegenseitigen Angriffen hat der Konflikt zwischen Pakistan und der Taliban-Regierung in Afghanistan eine neue Eskalationsstufe erreicht. Pakistans Verteidigungsminister Khawaja Asif erklärte am Freitag auf der Plattform X: „Unsere Geduld ist am Ende. Jetzt herrscht offener Krieg zwischen uns und euch.“

Wie die Nachrichtenagentur AFP und der US-Sender CNN übereinstimmend berichten, flog Pakistan zuvor Luftangriffe auf Ziele in der afghanischen Hauptstadt Kabul, in Kandahar sowie in der Provinz Paktia.

Angaben zu Opferzahlen gehen weit auseinander

AFP-Reporter in Kabul meldeten über zwei Stunden andauernde Explosionen und Schusswechsel. In Kandahar, dem Sitz des Taliban-Anführers Hibatullah Achundsada, waren Flugzeuggeräusche zu hören. Taliban-Sprecher Sabihullah Mudschahid bestätigte die Angriffe laut CNN, erklärte jedoch, es habe keine Opfer gegeben. Er kündigte umgehend „umfassende Vergeltungsoperationen“ gegen pakistanische Militärzentren von Kandahar und Helmand aus an.

Pakistan erklärte laut CNN, 133 afghanische Taliban-Kämpfer getötet und zahlreiche Stellungen zerstört zu haben. Afghanistan meldete hingegen lediglich acht eigene gefallene Soldaten und elf Verletzte. Laut dem afghanischen Verteidigungsministerium wurden zudem 13 Zivilisten, darunter Frauen und Kinder, bei pakistanischen Angriffen auf ein Flüchtlingslager in der Provinz Nangarhar verletzt.

Blutige Anschläge als Auslöser

Auslöser der jüngsten Eskalation waren laut AFP pakistanische Luftangriffe am vergangenen Wochenende auf mutmaßliche Lager der pakistanischen Taliban (Tehrik-e-Taliban Pakistan, TTP) in Afghanistan.

Pakistan begründet seine Angriffe mit einer Serie von Attentaten, darunter ein Bombenanschlag auf eine schiitische Moschee in Islamabad vor zwei Wochen mit 31 Toten und über 160 Verletzten. Dazu bekannt hatte sich die Dschihadistenmiliz Islamischer Staat.

Pakistans Innenminister Mohsin Naqvi bezeichnete die Angriffe als „angemessene Reaktion“ auf die „offene Aggression“ der Taliban.

Am Donnerstag hatten afghanische Streitkräfte eine Offensive entlang der sogenannten Durand-Linie, der rund 2600 Kilometer langen und zwischen beiden Ländern umstrittenen Grenze gestartet. Der stellvertretende Taliban-Sprecher Hamdullah Fitrat behauptete laut CNN, 55 pakistanische Soldaten seien getötet und 19 feindliche Stellungen eingenommen worden.

Spannungen seit Taliban-Machtübernahme gewachsen

Verteidigungsminister Asif wies auf die jahrzehntelange Aufnahme von Millionen afghanischer Flüchtlinge durch Pakistan hin. Er warf der Taliban-Regierung vor, „alle Terroristen der Welt“ zu versammeln und Terrorismus zu exportieren. Pakistan wirft den Taliban seit Langem vor, nicht gegen militante Gruppen wie die TTP vorzugehen. Diese verüben von afghanischem Territorium aus Anschläge im Nachbarland.

Wie AFP berichtet, haben sich die Spannungen zwischen beiden Ländern seit der Machtübernahme der Taliban in Afghanistan im August 2021 stetig verschärft. Die im Oktober des vergangenen Jahres unter Vermittlung Katars und der Türkei vereinbarte Waffenruhe nach einwöchigen Kämpfen mit über 70 Toten erwies sich als brüchig.