Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj warnt vor einer möglichen neuen russischen Offensive und bringt dabei auch Nato-Staaten im Baltikum ins Spiel. Hintergrund seien nach seiner Darstellung zunehmende Einschränkungen sozialer Netzwerke in Russland, die aus seiner Sicht nicht nur der Kontrolle von Kritik dienen.
„In meiner Sicht gibt es einen tieferen Zweck – Aufstände zu verhindern“, sagte Selenskyj in einem Interview, das am Sonntagabend im ukrainischen Gemeinschaftsprogramm mehrerer Fernsehsender ausgestrahlt wurde. Darüber berichtete unter anderem die Zeitung Ukrainska Pravda.
Nach Einschätzung des Präsidenten könnten solche Maßnahmen darauf abzielen, Unruhen im Fall einer neuen groß angelegten Mobilmachung zu verhindern. Eine solche Mobilisierung könne auch Bewohner großer Städte wie Moskau oder St. Petersburg betreffen.
Zwei Szenarien: Ukraine oder Baltikum
Selenskyj skizzierte zwei mögliche militärische Optionen aus russischer Sicht. Zum einen könne eine umfassende Mobilmachung auf eine neue Offensive gegen die Ukraine zielen. Zum anderen sei auch ein begrenzter Angriff denkbar, „mit weniger Kräften und geringerem Aufwand“, etwa gegen einen Staat im Baltikum. Einige dieser Länder seien aus seiner Sicht „nicht auf starken Widerstand vorbereitet“. Für diese Behauptungen legte Selenskyj keine unabhängig überprüfbaren Belege vor.
Abhängigkeit vom Verhalten der Nato
Der ukrainische Präsident erklärte weiter, die Entscheidung Moskaus könne davon abhängen, wie die Nato reagiert. „Er beobachtet, was mit den Nato-Staaten passiert“, sagte Selenskyj mit Blick auf den russischen Präsidenten Wladimir Putin. Auf die Frage nach dem Bündnisfall äußerte er sich zuversichtlich, dass die Allianz reagieren würde. „Sonst gäbe es keine Nato mehr“, sagte Selenskyj. Die Mitgliedstaaten hätten „keine andere Wahl“, als gemeinsam zu handeln.
Drohnenangriff auf Hafen in Tuapse
Parallel meldeten russische Behörden einen ukrainischen Drohnenangriff auf den Schwarzmeerhafen Tuapse in der Region Krasnodar. Dabei sei mindestens ein Mensch ums Leben gekommen, eine weitere Person verletzt worden, schrieb Gouverneur Weniamin Kondratjew auf Telegram.
Im Hafen sei ein Brand ausgebrochen. Trümmer hätten Gebäude beschädigt, darunter eine Schule und einen Kindergarten. Das Portal Kyiv Independent berichtete unter Berufung auf Anwohner von Explosionen und brennenden Tanks einer Raffinerie. Der Hafen war bereits in der vergangenen Woche Ziel eines Angriffs.
Ölinfrastruktur als Ziel
Die Ukraine greift im Verlauf des Kriegs verstärkt russische Energieanlagen an, die als wichtige Einnahmequelle für Moskaus Kriegführung gelten. Tuapse ist einer der wichtigsten Häfen für den russischen Ölexport am Schwarzen Meer. Dort befindet sich auch eine Raffinerie des Konzerns Rosneft. Die Stadt liegt rund 75 Kilometer nordwestlich von Sotschi.
Selenskyj erklärte am Sonntag, die Angriffe hätten Einnahmeverluste von mindestens 2,3 Milliarden US-Dollar verursacht. Der Kyiv Independent berichtete, im April seien rund 40 Prozent der russischen Öl-Exportkapazitäten beeinträchtigt worden. Unabhängig überprüfen lassen sich diese Angaben nicht.



