Ukraine-Krieg

„Roboter bluten nicht“: Ukraine schickt Maschinen statt Soldaten an die Front

Drohnen prägen längst den Krieg. Nun setzt die Ukraine auch am Boden zunehmend auf Roboter – sie bergen Verwundete, liefern Nachschub und greifen an.

Unbemannte Bodenfahrzeuge mit Kanonen gewinnen im Ukraine-Krieg immer mehr an Bedeutung.
Unbemannte Bodenfahrzeuge mit Kanonen gewinnen im Ukraine-Krieg immer mehr an Bedeutung.Stanislav Krasilnikov/imago

Die Ukraine setzt im Krieg gegen Russland zunehmend auf ferngesteuerte Bodenroboter und Drohnen, um Soldaten an der Front zu entlasten oder ganz zu ersetzen. Nach Angaben des Militärs kommen die Systeme inzwischen regelmäßig bei Angriffen, Nachschub und Evakuierungen zum Einsatz.

Ein Kommandeur der 3. Sturmbrigade berichtete dem US-Sender CNN von einer Operation, bei der eine russische Stellung ausschließlich mit Drohnen und landgestützten Robotern eingenommen worden sei. „Die Position wurde kampflos übernommen“, sagte Mykola „Makar“ Zinkewytsch. Unabhängig überprüfen lässt sich das nicht.

Vom Hilfsmittel zur Waffe

Was zunächst als Unterstützung gedacht war, wird zunehmend offensiv eingesetzt. Die ferngesteuerten Fahrzeuge auf Rädern oder Ketten wurden anfangs vor allem genutzt, um Verwundete zu bergen oder Munition zu transportieren. Inzwischen sind viele Systeme mit Maschinengewehren oder Sprengladungen ausgestattet. Sie können Ziele angreifen, Stellungen sichern oder feindliche Bewegungen stören.

Nach Angaben des ukrainischen Militärs konnte dem CNN-Bericht zufolge ein einzelner Bodenroboter mit Maschinengewehr eine russische Stellung über Wochen auf Distanz halten – bei geringem Wartungsaufwand und nur gelegentlichem Aufladen.

Ein ukrainischer Soldat steuert ein unbemanntes Bodenfahrzeug. Laut Militärgeheimdienst gehören Systeme wie „Ravlyk“ und „Lehit“ zu den an der Front eingesetzten Plattformen.
Ein ukrainischer Soldat steuert ein unbemanntes Bodenfahrzeug. Laut Militärgeheimdienst gehören Systeme wie „Ravlyk“ und „Lehit“ zu den an der Front eingesetzten Plattformen.Klymenko Oleksandr/Ukrinform/imago

Vorteile im Gefecht

Im Vergleich zu klassischen Militärfahrzeugen sind die Systeme kleiner und schwerer zu entdecken, teilte das Verteidigungsministerium der Vereinigten Staaten in einer Übersicht zu unbemannten Systemen mit. Anders als Drohnen aus der Luft könnten sie auch bei schlechtem Wetter eingesetzt werden und größere Lasten transportieren. Gleichzeitig seien sie robuster und könnten länger im Einsatz bleiben. Gesteuert würden die Systeme in der Regel von Soldaten aus sicherer Entfernung über Kameras und Funkverbindungen. Vollständig autonome Einsätze mit künstlicher Intelligenz spielten bislang keine zentrale Rolle.

Strategie gegen den Personalmangel

Hinter dem Einsatz steht auch ein strukturelles Problem: Die Ukraine verfügt über deutlich weniger Soldaten als Russland. „Wir werden nie eine zahlenmäßige Überlegenheit haben“, sagte Zinkewytsch gegenüber CNN. Ziel sei es daher, einen Teil der Infanterie durch Technologie zu ersetzen. Nach militärischen Planungen könnte perspektivisch etwa ein Drittel der Bodentruppen durch Drohnen und Roboter ergänzt werden.

Präsident Wolodymyr Selenskyj erklärte, in den vergangenen Monaten hätten solche Systeme zehntausende Einsätze übernommen. Dabei seien immer wieder Soldaten vor besonders gefährlichen Missionen bewahrt worden. Auch diese Angaben lassen sich nicht unabhängig überprüfen.

Ein unbemanntes Bodenfahrzeug der ukrainischen Nationalgarde. Das System wurde von Unterstützern aus Litauen für Transporte und Logistik an der Front beschafft.
Ein unbemanntes Bodenfahrzeug der ukrainischen Nationalgarde. Das System wurde von Unterstützern aus Litauen für Transporte und Logistik an der Front beschafft.Viacheslav Madiievskyi/imago

Grenzen der Roboter-Technik

Militärexperten sehen in den Systemen vor allem einen taktischen Vorteil. Sie könnten Verwundete bergen, Nachschub liefern oder Minen räumen – Aufgaben, die für Soldaten besonders riskant sind, sagte der Landkriegsexperte Robert Tollast vom britischen Forschungsinstitut Royal United Services Institute (RUSI) dem Sender CNN.

Beim Halten von Gelände stoßen die Systeme jedoch an Grenzen, hieß es. Dafür seien weiterhin Soldaten notwendig. Zugleich verändert die Technik das Gefecht grundlegend. Die permanente Beobachtung durch Drohnen mache Bewegungen nahe der Front für Soldaten nahezu unmöglich und extrem gefährlich, sagte Tollast.

Blick nach vorn

Die Ukraine treibt die Entwicklung weiter voran. Hunderte Firmen arbeiten an neuen Systemen, auch an Anwendungen mit künstlicher Intelligenz. Vollständig autonome Waffen sieht selbst das Militär bislang kritisch. „Die letzte Entscheidung muss immer ein Mensch treffen“, sagte Zinkewytsch. Fest steht jedoch: Maschinen übernehmen immer mehr Aufgaben. „Menschenleben sind unbezahlbar“, sagte der Kommandeur. „Roboter bluten nicht.“