Schattenflotte

Havarierter russischer LNG-Tanker „Arctic Metagaz“ treibt nun vor Libyen

Der am 3. März beschädigte LNG-Tanker „Arctic Metagaz“ treibt ohne Besatzung Richtung Libyen. Die Mittelmeer-Anrainer warnen vor einer Umweltkatastrophe. Was jetzt auf dem Spiel steht.

Der beschädigte russische LNG-Tanker Arctic Metagaz treibt im Mittelmeer.
Der beschädigte russische LNG-Tanker Arctic Metagaz treibt im Mittelmeer.Miguela Xuereb/AFP

Der beschädigte russische Flüssigerdgas-Tanker „Arctic Metagaz“ hat Maltas Such- und Rettungsgebiet verlassen und befindet sich nun im libyschen Such- und Rettungsgebiet. Das Schiff treibe 111 Seemeilen von der maltesischen Küste entfernt, berichtete am Mittwoch das Nachrichtenportal MaltaToday. Italiens Zivilschutzbehörde bestätigte gegenüber Reuters, dass der Tanker im libyschen Such- und Rettungsgebiet eingetroffen sei.

Neun südliche EU-Staaten – darunter Italien, Frankreich und Spanien – haben sich in einem gemeinsamen Brief an Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen gewandt. Das Schiff stelle „ein unmittelbares und ernstes Risiko einer schweren ökologischen Katastrophe“ dar und befinde sich in einem „prekären Zustand“, heißt es in dem Schreiben, aus dem auch die Financial Times zitiert. Die Unterzeichner fordern Brüssel auf, schnell koordinierte Maßnahmen einzuleiten.

Russland macht Kiew für Explosion verantwortlich

Am 3. März war der Tanker im zentralen Mittelmeer explodiert. Luftaufnahmen zeigten ein großes klaffendes Loch im Rumpf, wie MaltaToday berichtet. Die Detonation ereignete sich nach Angaben von Quellen aus dem Umfeld des maltesischen Militärs rund 150 Seemeilen südöstlich von Malta.

Russlands Transportministerium erklärte am 4. März, das Schiff sei mit Flüssigerdgas aus dem arktischen Hafen Murmansk unterwegs gewesen und von ukrainischen Marinedrohnen angegriffen worden, die von der libyschen Küste aus gestartet worden seien. Präsident Wladimir Putin bezeichnete am selben Tag den Vorfall  im Staatsfernsehen als „Terroranschlag“, wie die Financial Times berichtet.

Die Ukraine hat die Verantwortung nicht übernommen. Der Sicherheitsdienst der Ukraine (SBU) und der ukrainische Militärgeheimdienst HUR reagierten laut Financial Times nicht auf Anfragen.

Zum Zeitpunkt des Angriffs habe das Schiff 450 Tonnen Schweröl, 250 Tonnen Diesel und eine „erhebliche Menge“ Flüssigerdgas an Bord gehabt, teilte das russische Außenministerium am Dienstag mit. An Bord seien weiterhin Explosionen hörbar, die Schlagseite habe zugenommen, und es gebe lokalisierte Brände, hieß es in der Erklärung.

Unterschiedliche Einschätzungen zur tatsächlichen Gefahr

Wie groß die Gefahr tatsächlich ist, wird unterschiedlich bewertet. Italiens Zivilschutzbehörde erklärte gegenüber Reuters, dass zwar keine Gaslecks festgestellt worden seien, aber eine erhebliche Gefahr von Gasaustritten bestehe. Zwei Tanks seien intakt, es bleibe aber unklar, wie viel Gas sich noch an Bord befinde – ein Teil der Ladung könnte bereits ins Meer entwichen sein.

Zugleich relativierte dieselbe Behörde die Bedrohung für die italienische Küste. Es gebe „keine Hinweise auf einen Austritt von Treibstoff oder Gas“, sagte ein Beamter laut Financial Times am Dienstag. Die schwierigen See- und Wetterbedingungen erschwerten eine Annäherung an das Schiff.

Da sich der Tanker nun im libyschen Such- und Rettungsgebiet befindet, liegt die Zuständigkeit für jede Intervention nach Angaben der italienischen Behörden bei Libyen. Malta hatte vergangene Woche noch ein internationales Bergungsunternehmen beauftragt, einen Plan für den havarierten Tanker zu erstellen, als das Schiff rund 50 Seemeilen vor den maltesischen Küsten trieb, wie MaltaToday berichtet.

Moskau wies die Verantwortung für die Bergung zurück. Internationale Rechtsvorschriften sähen die Zuständigkeit bei den Küstenstaaten, erklärte das russische Außenministerium laut Financial Times.

EU-Staaten fordern härteres Vorgehen gegen Russlands Schattenflotte

Die neun Mittelmeer-Anrainer nutzen den Fall, um über die unmittelliche Umweltgefahr hinaus auf ein aus ihrer Sicht grundsätzliches Problem hinzuweisen. Der Vorfall werfe „ernste Bedenken aus der Perspektive der Sanktionsdurchsetzung“ auf, heißt es in dem Brief. Die Unterzeichner fordern ein schärferes Vorgehen gegen Russlands sogenannte Schattenflotte – jene Tanker, mit denen Moskau unter Umgehung westlicher Sanktionen weiterhin Öl und Flüssigerdgas exportiert.

Diese Schiffe nutzen nach Angaben der EU Methoden wie GPS-Manipulation und Flaggentäuschung und operieren mit Eigentümer- und Versicherungsstrukturen außerhalb der Zuständigkeit von EU und G7, wie die Financial Times berichtet. Viele befinden sich in schlechtem Zustand, da sie wegen der Sanktionen keine westlichen Häfen für Wartungsarbeiten anlaufen können.

Die Unterzeichner kündigten an, das Thema bei einem kommenden Europäischen Rat auf die Tagesordnung zu setzen. Der Fall verdeutliche „die Notwendigkeit einer schnellen, koordinierten und sichtbaren europäischen Antwort als Angelegenheit höchster Priorität“, heißt es in dem Schreiben.