Energiemärkte

Hormus blockiert, Preise explodieren: USA kippen Russland‑Sanktionen

Die USA lassen die Russland-Schattenflotten aus dem Schatten schwimmen. Der Grund: ein Krieg, den sie begonnen haben. Was unternimmt die EU nun?

Wird unwahrscheinlicher: Estland bei der Festsetzung eines Öltankers der russischen „Schattenflotte“.
Wird unwahrscheinlicher: Estland bei der Festsetzung eines Öltankers der russischen „Schattenflotte“.Eero Vabamägi/imago

Das US-Finanzministerium hat am Donnerstagabend (Ortszeit) eine Anordnung erlassen, die noch vor wenigen Monaten als politisch undenkbar galt. Washington hebt vorübergehend Sanktionen gegen russisches Öl auf – jenes Öl, dessen Blockade Europa unter enormen Kosten mitgetragen hat. Rund 130 Millionen Barrel russisches Rohöl treiben auf Tankern über die Weltmeere, ohne Käufer, ohne Hafen. Nun dürfen sie geliefert werden. Die Genehmigung gilt bis zum 11. April, wie die New York Times als erstes US-Medium berichtete.

Finanzminister Scott Bessent nennt die Maßnahme „eng zugeschnitten“ und „kurzfristig“. Es sei „bedauerlich“, dass Russland davon profitiere. Doch was er verschweigt, wiegt schwerer als das, was er sagt.

Der Krieg, der alles verändert

Seit Ende Februar 2026 führen die USA und Israel Krieg gegen den Iran. Die Folgen für die Weltwirtschaft sind beispiellos. Durch die Straße von Hormus, das wichtigste Nadelöhr des globalen Ölhandels, fließen normalerweise rund 20 Millionen Barrel pro Tag – ein Fünftel des Weltverbrauchs. Seit Kriegsbeginn ist dieser Fluss laut Internationaler Energieagentur auf unter zehn Prozent des Vorkriegsniveaus eingebrochen. Iran verlegt Seeminen, Tanker werden beschossen, Versicherer ziehen sich zurück. Die IEA spricht von der „größten Angebotsstörung in der Geschichte des globalen Ölmarktes“.

Brent-Rohöl hat die Marke von 100 Dollar pro Barrel durchbrochen, zeitweise stieg der Preis auf über 119 Dollar. Benzin in den USA ist so teuer wie nie in beiden Amtszeiten Trumps. Die Philippinen, die 95 Prozent ihres Rohöls aus dem Nahen Osten beziehen, haben öffentliche Bedienstete auf eine Vier-Tage-Woche umgestellt. Japan, Südkorea und Thailand verhängten einen Preisdeckel auf Benzin. Die IEA-Staaten beschlossen die größte koordinierte Freigabe strategischer Reserven aller Zeiten: 400 Millionen Barrel, davon 172 Millionen aus den USA.

Auch in Deutschland sind die Benzin- und Dieselpreise zunächst stark gestiegen und haben deutlich über zwei Euro gelegen. Nun gibt es einen leichten Rückgang – das Niveau bleibt jedoch extrem hoch.

Doch selbst das reicht nicht. Analysten rechnen vor: Bei einer Auslieferungsrate von gut zwei Millionen Barrel am Tag deckt die Freigabe nur einen Bruchteil des verlorenen Hormus-Flusses. Und Reserven sind endlich. Also griff Washington zu einem Mittel, das niemand erwartet hatte. Die Frage ist nun natürlich: Wie gehen die Russen mit dieser unfreiwilligen Handelsfreiheit um? Denn: Die Schattenflotte ist über Nacht zu einer geopolitischen Waffe geworden.

Russlands Erdöl als Nothelfer

Die „General License 134“ des Office of Foreign Assets Control autorisiert nicht nur die Lieferung des auf See treibenden russischen Öls, sondern ausdrücklich alle dafür nötigen Transaktionen: Versicherung, Bemannung, Flaggenführung, Klassifizierung, Bergung. Schon eine Woche zuvor hatte das Finanzministerium Indien eine Sondererlaubnis erteilt, russisches Öl von sanktionierten Tankern zu kaufen – ausgerechnet Indien, das Washington im vergangenen Sommer noch mit verdoppelten Zöllen bestraft hatte, weil es zu viel russisches Öl importierte.

Edward Fishman, Direktor des Greenberg Center for Geoeconomic Studies beim Council on Foreign Relations, sagt: „Mit einem Schlag haben wir einen Großteil des Drucks auf Russland zunichtegemacht.“ Und er fügt hinzu, was in Washington niemand offen ausspricht: „Ich mache mir Sorgen, dass dies de facto die Abschaffung der Ölsanktionen gegen Russland bedeutet.“

Denn die Frage ist nicht, ob die Genehmigung am 11. April ausläuft. Die Frage ist, ob sie es kann.

Wer wirklich profitiert

Die US-Regierung behauptet, der Nutzen für Moskau sei begrenzt, weil Russland den Großteil seiner Öleinnahmen über Steuern an der Förderstelle erziele. Das Centre for Research on Energy and Clean Air (CREA) widerspricht mit Zahlen.

Ende Februar lagen 6,9 Millionen Tonnen russisches Rohöl im Wert von 2,3 Milliarden Euro auf See – ohne Käufer. Die Freigabe dieser Mengen bringt Russland nicht nur Verkaufserlöse. Der entscheidende Effekt ist ein anderer: Sie verengt den Preisabschlag, mit dem russisches Öl gegenüber Brent gehandelt wird. Wird dieser Abschlag kleiner, steigen automatisch die Steuern, die Russland auf jedes Barrel erhebt. CREA formuliert es so: „The key reason for any Russian revenue growth will not centre around merely the sales of these cargoes but also the spillover effect on a narrowing of the discount on Russian oil.“

Die jüngsten Zahlen belegen diesen Trend deutlich. So stiegen Russlands fossile Exporterlöse im Februar 2026 auf 492 Millionen Euro pro Tag, ein Plus von 7 Prozent gegenüber dem Vormonat. Allein mit per Schiff exportiertem Rohöl nahm Moskau täglich 173 Millionen Euro ein, 14 Prozent mehr als zuvor. Gleichzeitig verringerte sich der Preisabstand der Sorte Urals zu Brent auf 12,60 US‑Dollar je Barrel, was einem Rückgang des Abschlags um 29 Prozent entspricht. Chinas Importe russischen Rohöls haben sich im Vergleich zum Vorjahr nahezu verdoppelt, während auf See weiterhin rund 6,9 Millionen Tonnen russisches Öl ohne Käufer treiben – mit einem Warenwert von 2,3 Milliarden Euro.

All das geschah noch vor der Sanktionslockerung vom 12. März. Was danach kommt, dürfte die Zahlen weiter nach oben treiben. Doch das ist nicht das einzige Problem.

Die Schattenflotte, die niemand stoppt

Russland hat längst Fakten geschaffen, die jede Sanktionsarchitektur unterlaufen. Im Februar transportierten sanktionierte Schattentanker 56 Prozent der russischen Rohölexporte über See. Nur noch 33 Prozent liefen über Tanker aus G7-Staaten. 63 Schattenschiffe fuhren unter falscher Flagge; 23 von ihnen lieferten russisches Öl, während sie eine Flagge führten, die ihnen nicht zustand. Das älteste Schiff in der Flotte ist 35 Jahre alt.

Gleichzeitig sind Russlands sanktionierte Ölkonzerne Rosneft und Lukoil zwar formal aus dem Exportgeschäft gedrängt – ihre Lieferungen brachen um 83 Prozent ein. Doch neu gegründete Zwischenhandelsunternehmen wie RusExport und Redwood Global Supply Group sprangen ein und exportierten allein zwischen Dezember und Februar zusammen 17 Millionen Tonnen. Die Sanktionen werden nicht umgangen. Sie werden unterlaufen – mit Konstruktionen, die formal legal sind.

Und nun gibt Washington selbst das Signal, dass die Regeln flexibel sind. Die Frage, die sich daraus ergibt, reicht weit über den Ölmarkt hinaus.

Wie viele Kriege verträgt die Welt?

Der Krieg in der Ukraine dauert seit vier Jahren. Er hat Europa in eine Energiekrise gestürzt, die Inflation angeheizt und die größte Aufrüstungswelle seit dem Kalten Krieg ausgelöst. Die Sanktionen gegen Russland waren der wirtschaftliche Pfeiler der westlichen Reaktion – teuer, aber strategisch begründet.

Nun kommt ein zweiter Krieg hinzu, diesmal von Washington selbst geführt. Verteidigungsminister Pete Hegseth erklärte, die USA wollten Irans Fähigkeit, Atomwaffen zu erlangen, „forever“ auslöschen. Sieben Amerikaner sind gefallen, 140 verwundet. Kulturerbestätten wurden beschädigt. Und die wirtschaftlichen Folgen treffen nicht den Iran allein – sie treffen die gesamte Weltwirtschaft.

Die aggressive Militärpolitik der Trump-Regierung erzeugt einen doppelten Schock: Sie destabilisiert die Energiemärkte durch den Iran-Krieg und untergräbt gleichzeitig das Sanktionsregime gegen Russland, das Europa unter erheblichen eigenen Kosten mitgetragen hat. Demokratische Senatoren finden dafür klare Worte: Der Krieg habe „starke Ausschläge bei den Benzinpreisen für Amerikaner“ verursacht, die Sanktionslockerung diene nur dazu, den Schaden eines „selbstverschuldeten Krieges“ abzufedern.

Doch Europa hat ein Problem, das noch tiefer reicht als steigende Preise.

Europas Abhängigkeitsfalle

Die EU hat in vier Jahren ihre Abhängigkeit von russischer Energie drastisch reduziert. Russisches Öl macht weniger als drei Prozent der EU-Importe aus, russisches Gas noch rund 13 Prozent. Im Januar 2026 beschloss der Rat einen stufenweisen Importstopp für russisches Gas; ein vollständiges LNG-Verbot soll ab 2027 greifen. Das 19. Sanktionspaket vom Oktober 2025 verschärfte die Maßnahmen weiter.

Doch die Kehrseite dieser Abkopplung ist eine neue Abhängigkeit. Europa hat russisches Gas zu einem erheblichen Teil durch LNG ersetzt – und der größte Profiteur war Washington. US-amerikanisches Flüssiggas füllte die Lücke, die russische Pipelines hinterließen. Brüssel feierte das als Diversifizierung. Tatsächlich tauschte Europa eine Abhängigkeit gegen eine andere.

Wie fragil diese neue Versorgungslinie ist, zeigt sich jetzt. Katar, das 20 Prozent des globalen LNG liefert und rund zehn Prozent der EU-LNG-Importe abdeckte, hat die Produktion eingestellt und Force Majeure erklärt. Die Gaspreise in Europa steigen – nicht wegen einer realen Verknappung, wie die EU-Kommission betont, sondern weil der Markt Unsicherheit einpreist.

CREA rechnet vor, was möglich gewesen wäre: Hätte die EU allein die Spot-Markt-Käufe von katarischem LNG im Jahr 2025 in Solaranlagen investiert, wären monatlich 1,75 Gigawattstunden zusätzliche Kapazität entstanden. Die Solarstromerzeugung der EU sparte 2025 bereits rund zwei Milliarden Kubikmeter Gas pro Monat ein. Der Weg aus der fossilen Abhängigkeit wäre technisch möglich. Politisch wird er viel zu langsam beschritten.

Was kann die EU noch tun?

Formal hält Brüssel Kurs. Die Kommission erklärte am 4. März, es gebe keine unmittelbare Versorgungskrise. Costa und von der Leyen kündigten an, die maritimen Missionen Aspides und Atalanta auszubauen. Am 11. März bekräftigte Costa mit Aserbaidschans Präsident Alijew die Bedeutung des Southern Gas Corridor. Die Notfallklausel im Gas-Phaseout-Gesetz erlaubt der Kommission, das Importverbot bei ernster Versorgungslage für bis zu vier Wochen auszusetzen.

Doch die inneren Risse werden sichtbar. Ungarn und die Slowakei erhalten seit Ende Januar kein russisches Rohöl mehr über die Druschba-Pipeline. Orbán blockiert das 20. Sanktionspaket. Die Frage, ob Europa seine harte Linie bei anhaltend hohen Preisen durchhält, ist offen.

Drei Optionen bleiben. Erstens: Kurs halten, Energiewende beschleunigen, Diversifizierung vorantreiben – langfristig richtig, kurzfristig teuer. Zweitens: Technisch anpassen – Reserven freigeben, Nachfrage steuern, Notfallmechanismen nutzen. Das geschieht gerade. Es kauft Zeit, löst aber kein strukturelles Problem. Drittens: Sanktionen selektiv lockern. Die Mehrheit lehnt das ab – zu Recht, denn es würde signalisieren, dass wirtschaftlicher Druck ausreicht, um Europas Prinzipien zu kippen.

Doch wenn der Krieg Monate dauert und die Preise weiter steigen, wird der Druck wachsen. Und dann stellt sich die eigentliche Frage.

Der Engpass, der zählt

Edward Fishman hat sein Buch „Chokepoints“ genannt – Engpässe. Die Straße von Hormus ist ein solcher Engpass. Aber der eigentliche Engpass ist politisch: Es ist die schrumpfende Fähigkeit des Westens, seine eigenen Prinzipien durchzuhalten, wenn sie unbequem werden.

Die USA haben die Russland-Sanktionen initiiert, durchgesetzt und Europa dazu gebracht, sie unter hohen Kosten mitzutragen. Nun heben sie dieselben Sanktionen auf, um die Folgen eines Krieges abzufedern, den sie selbst begonnen haben. Europa steht vor der Wahl: an Regeln festhalten, die der wichtigste Verbündete nach Belieben bricht – oder selbst in den Pragmatismus abgleiten, der die regelbasierte Ordnung endgültig zur Floskel macht.

Die EU muss diese Fähigkeit jetzt beweisen. Nicht weil es einfach wäre. Sondern weil die Alternative – eine Welt, in der Sanktionen je nach Tagesform verhängt und aufgehoben werden – für Europa noch gefährlicher wäre als jeder Ölpreis.