Geopolitik

Bericht: China fängt russisches Öl ab, das Indien meidet

China kauft einem Bericht zufolge zunehmend russisches Rohöl, das Indien zuletzt unter dem Druck der USA weniger abnimmt. Damit verschieben sich die Lieferströme nach Osten.

China weitet Ölimporte aus Russland aus.
China weitet Ölimporte aus Russland aus.Mohssen Assanimoghaddam/dpa

Chinesische Raffinerien greifen einem Medienbericht zufolge verstärkt bei russischem Rohöl zu, das indische Abnehmer zuletzt gemieden haben. Wie Bloomberg berichtet, kann Russland so einen Rückgang der Lieferungen an Indien zumindest teilweise ausgleichen. Indien gilt normalerweise als größter Käufer russischer Seefrachten.

Nach von Bloomberg ausgewerteten Schiffs- und Hafenbewegungen stiegen die Lieferungen russischen Rohöls an chinesische Häfen in den ersten 18 Tagen des Februar auf durchschnittlich 2,09 Millionen Barrel pro Tag. Im gesamten Januar lagen sie bei 1,72 Millionen Barrel pro Tag, im Dezember bei 1,39 Millionen Barrel pro Tag. Der Anstieg habe den Rückgang der indischen Käufe mehr als kompensiert.

Für Moskau ist es von zentraler Bedeutung, weiterhin Abnehmer für sein Öl zu finden. Die Einnahmen aus Energieexporten sind eine wichtige Stütze des Staatshaushalts, während der Krieg gegen die Ukraine in sein viertes Jahr geht. Zugleich verweist Bloomberg auf Anzeichen dafür, dass Produktion und Bohrtätigkeit unter Druck geraten könnten – auch weil sich zunehmend Rohöl auf See staut, das nicht sofort abgenommen wird.

Das chinesische Unternehmen Shandong Yulong Petrochemical hat sich zu einem der größten Abnehmer von russischem Urals-Öl entwickelt.
Das chinesische Unternehmen Shandong Yulong Petrochemical hat sich zu einem der größten Abnehmer von russischem Urals-Öl entwickelt.Avalon.red/imago

Indien reduziert Käufe, China springt ein

Indiens Importe russischen Rohöls lagen in den vergangenen Monaten laut Bloomberg bei rund 1,2 Millionen Barrel pro Tag. Das ist deutlich weniger als im November, als noch 1,78 Millionen Barrel pro Tag eingeführt wurden, und rund 40 Prozent unter dem Hoch vom Juni des vergangenen Jahres.

Gleichzeitig stehen indische Raffinerien politisch unter Druck. Die Vereinigten Staaten drängen Neu-Delhi dazu, die Käufe russischen Rohöls einzustellen oder weiter zu reduzieren. Wie dauerhaft diese Zurückhaltung ist, hängt nach Einschätzung von Bloomberg auch vom Verlauf der Handelsgespräche zwischen Washington und Neu-Delhi ab.

Die frei werdenden Mengen fließen nun verstärkt nach China. Betroffen sind dem Bericht zufolge mehrere russische Exportqualitäten, darunter vor allem die Sorte Urals aus Ostsee- und Schwarzmeerhäfen sowie Lieferungen aus der Arktis. Ziel seien vor allem chinesische Häfen in der Provinz Shandong, wo zahlreiche private Raffinerien angesiedelt sind.

Urals-Lieferungen erreichen Mehrjahreshoch

Bloomberg zufolge stiegen die für China bestimmten Urals-Lieferungen im Dezember zeitweise auf rund 600.000 Barrel pro Tag – den höchsten Wert in den verfügbaren Daten seit 2018. Da zu diesem Zeitpunkt noch mehr als 20 Frachten unterwegs waren und ein Teil davon noch keinen endgültigen Zielhafen auswies, könnte der tatsächliche Wert noch höher liegen.

Zu den Käufern zählt unter anderem Shandong Yulong Petrochemical. Das Unternehmen habe sich binnen weniger Monate zu einem der größten Abnehmer von Urals entwickelt, nachdem Sanktionen aus Großbritannien und der Europäischen Union den Zugang zu anderen, üblichen Rohölsorten erschwert hatten. Neben Urals bezieht Yulong auch die leichtere Sorte ESPO aus Russlands Fernem Osten.

Große Abschläge, lange Wege

Ein wesentlicher Anreiz für chinesische Käufer sind die Preise. Händler sagten Bloomberg, Urals für Lieferung nach China sei zeitweise mit Abschlägen von bis zu zwölf US-Dollar je Barrel gegenüber ICE Brent gehandelt worden. Hintergrund ist die nachlassende Nachfrage aus Indien in den vergangenen Wochen. „China profitiert derzeit stark davon, Käufer letzter Instanz für gestrandetes russisches Öl zu sein“, sagte June Goh, Analystin bei Sparta Commodities SA, gegenüber Bloomberg. Zudem verfüge China über ausreichend Kapazitäten, um Öl in größerem Umfang einzulagern – auch vor dem Hintergrund der angespannten geopolitischen Lage.

Für Russland bringt die Umleitung allerdings neue Probleme. Die Transportwege sind deutlich länger: Eine Fahrt von der Ostsee nach Shandong umfasst rund 23.300 Kilometer – deutlich mehr als die etwa 14.200 Kilometer bis zur indischen Westküste. Hinzu kommen Verzögerungen. Mehrere Frachten lagen zuletzt wochenlang vor Oman, im Raum des Suezkanals oder nahe der indonesischen Riau-Inseln auf Reede.

Mehr russisches Öl auf See

Die längeren Routen und Verzögerungen haben die Menge russischen Öls auf dem Wasser – einschließlich Transit und schwimmender Lagerung – laut Bloomberg auf etwa 140 Millionen Barrel steigen lassen. Das entspricht einem Zuwachs von mehr als 60 Prozent seit Ende August, als die Umleitung nach China spürbar wurde.

Ob und wie schnell diese Mengen abgebaut werden, dürfte entscheidend davon abhängen, ob indische Raffinerien wieder stärker in den Markt zurückkehren. In der Vergangenheit habe Russland trotz Sanktionen wiederholt Wege gefunden, seine Öllieferungen nach Indien aufrechtzuerhalten, schreibt Bloomberg.