Nahverkehr

Die Phantom-S-Bahn von Berlin: Rätsel um die S15 zum Hauptbahnhof

Wann im neuen S-Bahn-Tunnel erstmals Züge fahren, ist weiterhin unklar – vielleicht im Dezember 2026. Trotzdem weist die Bahn jetzt schon auf die Strecke in Mitte hin.

Unterwegs auf der S-Bahn-Neubaustrecke in Mitte: Der Museumszug des Vereins Historische S-Bahn war am 29. März 2026 zu Gast.
Unterwegs auf der S-Bahn-Neubaustrecke in Mitte: Der Museumszug des Vereins Historische S-Bahn war am 29. März 2026 zu Gast.Verein Historische S-Bahn Berlin

Man kann es mit der Fahrgastinformation auch übertreiben. In Berlin weisen Schilder und Ansagen auf eine S-Bahn-Linie hin, die es nicht gibt.

Auf Wegweisern im Hauptbahnhof sind sie schon verzeichnet: die S15 und das Gleis 22, an dem sie abfahren soll. Wer mit der S-Bahn zum Gesundbrunnen unterwegs ist, wird von einer freundlichen Stimme darüber informiert, dass man dort in die Linie S15 umsteigen kann.

Im Diskussionsforum Drehscheibe Online herrscht Aufregung. „Dumm, dümmer, DB“, heißt es dort. Ein Bahnsprecher beschwichtigt. Es sei nicht zu erwarten, die Schilder und Ansagen viele Fahrgäste verwirren, gibt er zu bedenken. Schließlich habe kaum jemand schon mal von der S15 gehört. Deshalb beziehe sie auch niemand in seinen Fahrtweg ein.

Der erste Spatenstich fand im Jahr 2000 statt

Damit spricht er die wesentlichen Problemthemen an. Die zweite Nord-Süd-S-Bahn, die bis zum Potsdamer Platz, zum Gleisdreieck und zum Südring führen soll, dürfte das unbekannteste Verkehrsprojekt in Berlin sein. Dabei hat der erste Spatenstich für den ersten Bauabschnitt, um den es jetzt geht, schon 2000 stattgefunden – vor mehr als einem Vierteljahrhundert. Zudem lässt sich die S15, die künftig zwischen Gesundbrunnen, Wedding und Hauptbahnhof verkehrt, leicht ersetzen.

Böse Zungen vergleichen das Bauvorhaben mit dem Bau des Flughafens BER. Stuttgart 21, ebenfalls lang und pannenreich, bietet sich genauso an. Passenderweise wurde auch das S-Bahn-Projekt in Mitte anfangs S21 genannt – vielleicht ein böses Omen. Auf den mittlerweile ziemlich verblichenen Bauschildern ist es bei dieser Bezeichnung geblieben.

Angekommen auf Gleis 22 gegenüber vom Hauptbahnhof: Am 29. März unternahm der Verein Historische S-Bahn Berlin eine Sonderfahrt. Rund 200 Fahrgäste waren an Bord.
Angekommen auf Gleis 22 gegenüber vom Hauptbahnhof: Am 29. März unternahm der Verein Historische S-Bahn Berlin eine Sonderfahrt. Rund 200 Fahrgäste waren an Bord.Verein Historische S-Bahn Berlin

Die S15 wird mit rund vier Kilometern die kürzeste S-Bahn-Linie der Hauptstadtregion sein. Die eigentliche Neubaustrecke ist sogar nicht einmal halb so lang. Sie endet gegenüber vom Hauptbahnhof in einem 610 Meter langen Tunnel, in dem sich die provisorische Endstation mit Gleis 22 befindet. Doch das Projekt steht unter einem schlechten Stern.

2010 begannen die Bauarbeiten. Ein Grundwassereinbruch 2015 erforderte Umplanungen, erst 2017 ging es weiter. Eine Zeit lang hieß es, dass der S-Bahn-Betrieb 2021 beginnen könnte. Doch auch jeder weitere Termin wurde gerissen – zum Beispiel, weil die Corona-Pandemie Materiallieferungen unterbrochen hatte. Zuletzt erweckten Angaben im DB-Navigator den Eindruck, dass die S15 am 30. März 2026 startet. Am 29. März fuhr erneut der Museumszug des Vereins Historische S-Bahn in den Tunnel, diesmal als Sonderfahrt mit rund 200 Fahrgästen.

TÜV-Prüfer gab entnervt auf

Die Abnahme verlief aber bisher nicht so, wie der Bauherr sich dies vorgestellt hat. Als der Prüfer vom Technischen Überwachungsverein (TÜV) den S-Bahnhof unter der Invalidenstraße aufsuchte, musste er feststellen, dass Beanstandungen vom vergangenen Jahr weitgehend unberücksichtigt geblieben sind. Dem Vernehmen nach kam er im März mehrmals wieder, ohne die Haustechnik abnehmen zu können.

Dann sprach die Bahn von einer Krankmeldung. Insider stellten es allerdings so dar, dass der erste Abnahmeprüfer entnervt aufgegeben habe. Der Ingenieur wollte sich nicht zum Sündenbock machen lassen angesichts der Tatsache, dass sich Projektbeteiligte über anerkannte Regeln der Technik und Sicherheit hinweggesetzt haben, hieß es.

Die zweite Nord-Süd-S-Bahn soll in zwei Abschnitten zum Potsdamer Platz und zum Südring weitergebaut werden. Die Tunnelstation unterm Hauptbahnhof soll so aussehen.
Die zweite Nord-Süd-S-Bahn soll in zwei Abschnitten zum Potsdamer Platz und zum Südring weitergebaut werden. Die Tunnelstation unterm Hauptbahnhof soll so aussehen.Visualisierung; Deutsche Bahn

Zwar konnte ein neuer Prüfer gewonnen werden, weshalb das Verfahren in der zwölften Kalenderwoche wieder aufgenommen werden konnte. Allerdings sieht es für die Bahn diesmal kaum besser aus. So wird moniert, dass Pläne sowie andere prüffähige Unterlagen fehlen.

Es geht um „sicherheitsrelevante Ausrüstungstechnik im Bahnhof“, teilte die Bahn am 23. März mit. „Dazu gehört unter anderem die Abnahme der Netzersatzanlage zur Sicherstellung der Ersatzstromversorgung im Bahnhof bei einem Stromausfall.“ Der Prüfprozess musste unterbrochen werden, weil erneut fachliche Konsultationen notwendig geworden seien. Ein Beobachter sagte: „Die Brandwarnmeldeanlage ist durchgefallen, eine glatte 6.“

„Selbst Dezember 2026 ist noch nicht spruchreif“

„Das Projekt sowie alle Projektpartner und beteiligten Unternehmen arbeiten mit Hochdruck daran, die Inbetriebnahme des ersten Bauabschnitts des Projektes S21 Berlin wie angekündigt im Frühjahr 2026 umzusetzen“, erklärt die Bahn. Andere Gesprächspartner glauben nicht, dass die Strecke tatsächlich spätestens am 20. Juni eröffnet wird. „Selbst Dezember 2026 ist noch nicht spruchreif“, sagt einer von ihnen.

Blickfang: In der Tunnelstation gegenüber vom Hauptbahnhof begutachten Mitarbeiter der Bahn und der Firma Omeras aus Sachsen 2024 die Verkleidung aus emailliertem Stahlblech.
Blickfang: In der Tunnelstation gegenüber vom Hauptbahnhof begutachten Mitarbeiter der Bahn und der Firma Omeras aus Sachsen 2024 die Verkleidung aus emailliertem Stahlblech.Deutsche Bahn AG

Während hinter den Kulissen zunehmend Ratlosigkeit herrscht, wird in S-Bahnen zum Beispiel auf der Linie S2 weiterhin auf die neue Linie S15 hingewiesen. Es wäre zu aufwendig, die Durchsagen erst einmal wieder zu tilgen, sagt der Bahnsprecher. „In den Zügen der Baureihe 481 werden sie per Hand von einem USB-Stick aufgespielt.“ Für eine Änderung müsste jeder Zug in die Werkstatt. „Das wäre zu aufwendig.“

Dass die S15 fälschlicherweise angesagt wird, sei „nicht superschön“, gesteht der Sprecher ein. Doch vielleicht kann man es auch positiv sehen, wie ein Beobachter meint: Dann wächst schon mal die Vorfreude auf den Tag X, wenn endlich erstmals eine S-Bahn zum Gleis 22 fährt.