Es kommt wie befürchtet: Die Eröffnung der jüngsten S-Bahn-Strecke in Berlin verzögert sich weiter. Die Neubautrasse zum Hauptbahnhof kann anders als zuletzt erwartet am 30. März 2026 noch nicht in Betrieb genommen werden, teilte die Deutsche Bahn (DB) am Montag mit.
Damit wird weitere Zeit vergehen, bis der Fahrgastbetrieb endlich beginnt. Vielleicht klappt es noch im Frühjahr, heißt es – das dauert bis 20. Juni. Die S15, mit nur rund vier Kilometern Länge künftig kürzeste S-Bahn-Linie von Berlin, wird Gesundbrunnen und Wedding mit einer provisorischen Tunnelstation gegenüber vom Hauptbahnhof verbinden.
Knapp zwei Kilometer entfallen auf die Neubaustrecke, für die vor rund einem Vierteljahrhundert der erste Spatenstich gefeiert wurde. Beobachtern fällt es mittlerweile schwer mitzuzählen, wie viele Inbetriebnahmetermine beim ersten Bauabschnitt der neuen Nordsüd-S-Bahn (Projektname S21) gerissen wurden. Nach einer überschlägigen Kalkulation musste der Termin allein in diesem Jahrzehnt siebenmal wieder kassiert werden. Anfangs sollte es im Sommer 2021 losgehen.
2000 wurde am Ring der erste Spatenstich gefeiert
Dabei hat sich das Vorhaben, das zu den unbekanntesten Verkehrsprojekten Berlins zählt, ohnehin schon ziemlich in die Länge gezogen. Im Jahr 2000 fiel am Ring, wo sich die Neubaustrecke in Richtung Süden ausfädelt, offiziell der Startschuss. Zehn Jahre später begannen erste Bauarbeiten, mit gebremstem Tempo. Ein Grundwassereinbruch setzte 2015 erneut ein Stoppzeichen und sorgte für Verzögerungen. Erst Jahre später nahm das Projekt an Fahrt auf.
Anfangs hieß das Projekt S21. Doch weil dieser Name an das von Pannen geplagte Bahnbauvorhaben „Stuttgart 21“ erinnerte, änderte die DB den Namen in City-S-Bahn – später klammheimlich wieder zurück in S21. Das böse Omen hat es leider nicht verloren. Anfangs verzögerten vor allem Lieferschwierigkeiten das Vorhaben. Corona war das Stichwort.
Die Termine im vergangenen Jahr platzten, weil bei Abnahmeprüfungen Mängel entdeckt wurden. Dem Vernehmen nach waren Gleich- und Wechselstrombereiche nicht ordnungsgemäß voneinander getrennt. Auch die Anlage, die bei einem Ausfall der öffentlichen Stromversorgung einspringen soll, stieß damals auf Bedenken.

Zuletzt hieß es, dass der Betrieb auf der Linie S15 am 28. März 2026 beginnen soll. Dann tauchten im DB-Navigator Fahrplandaten auf, die auf einen Start am 30. März 2026 hindeuteten. Danach sollte die Premierenfahrt an diesem Tag um 4.13 Uhr in Gesundbrunnen beginnen. Am Hauptbahnhof war der erste Start für 4.37 Uhr geplant.
Einem Bericht zufolge soll die jüngste Abnahmeprüfung am 12. März begonnen haben. Zwischenzeitlich machten Berichte über eine Krankmeldung die Runde, aber am 16. März ging es weiter. Doch offensichtlich verliefen die Untersuchungen nicht wie erwartet.
Der Prüfer vom Technischen Überwachungsverein (Tüv) „hat zur Kenntnis nehmen müssen, dass seine Beanstandungen von vor über einem Jahr weitgehend unberücksichtigt geblieben sind“, berichtete ein Gesprächspartner der Berliner Zeitung. Es gebe „pure Verzweiflung über die grenzenlose Ignoranz“ aufseiten des Bauherrn DB.
„Glatte 6“ für die Technik im provisorischen Endbahnhof
Dem Vernehmen nach ist das Problem weiterhin nicht in den Gleisen, Weichen und Signalen zu verorten. Es lässt sich in der provisorischen Endstation, die sich nördlich der Invalidenstraße befindet, lokalisieren. Der Mittelbahnsteig und das Gleis 22, an dem die S15 ankommen und abfahren soll, befinden sich in einem 610 Meter langen Tunnel.
Ein Gesprächspartner berichtet, dass die Stromversorgung weiterhin keine ausreichenden Redundanzen hat. Im Fokus ist also immer noch die Technik, die dafür sorgt, dass Brandschutz, Notbeleuchtung und andere Anlagen auch bei einem Ausfall der Stromversorgung funktionieren. Hier hatte der Abnahmeprüfer schon 2025 Defizite moniert. Anderen Schilderungen zufolge sei die Brandwarnmeldeanlage bei der Prüfung „durchgefallen“. Sie habe eine „glatte 6“ bekommen.

Als ein positives Zeichen sehen Beobachter, dass die Prüfungen an diesem Montag wieder aufgenommen wurden. Dem Vernehmen nach geht es jetzt auch darum, in welchem Umfang sie fortgesetzt werden – so wurde die DB aufgefordert, bei der Technik-Dokumentation nachzuarbeiten. Von einem großflächigen Umbau der Stromversorgung ist nicht die Rede. Trotzdem könnte es noch dauern, bis am Gleis 22 erstmals Fahrgäste ein- und aussteigen dürfen.
„Die technischen und baulichen Voraussetzungen für einen sicheren und zuverlässigen S-Bahn-Betrieb sind erfüllt, was auch die durchgeführten Abnahmefahrten gezeigt haben“, erklärte ein Bahnsprecher am Montag.
Noch könne die Verkehrsaufnahme aber nicht erfolgen, bestätigte er. „Die Zulassungs- und Abnahmeprozesse sicherheitsrelevanter Ausrüstungstechnik im Bahnhof laufen noch. Dazu gehört unter anderem die Abnahme der Netzersatzanlage zur Sicherstellung der Ersatzstromversorgung im Bahnhof bei einem Stromausfall.“
Die Abnahmeprüfung dieser Anlage musste unterbrochen werden, da durch die komplexen Regelungen erneute fachliche Konsultationen notwendig geworden sind, hieß es. „Die weiteren erforderlichen Prüf- und Inbetriebsetzungsprozesse werden daher neu terminiert.“
Museumszug befährt am 29. März die neue Strecke
Hieß es zuletzt, dass der S-Bahn-Betrieb in sechs bis acht Wochen beginnen könnte, ist bei der DB nun vage von einem Start im Frühjahr 2026 die Rede. Die (ausverkaufte) Sonderfahrt mit dem Museumszug des Vereins Historische S-Bahn, die für den 29. März geplant ist, soll aber stattfinden. Wenn der Zug mit Wagen von 1928 und 1938 im Endbahnhof wendet, ist Aussteigen verboten.
Die neue Nordsüd-Strecke soll die bestehende, 1939 komplettierte Nordsüd-S-Bahn ergänzen und entlasten. Ein weiteres Ziel ist, die Verbindungen zum Hauptbahnhof zu verbessern. Die S15 hätte Fahrgästen aus dem Norden Berlins die Anfahrt erleichtert. Jetzt müssen sie weiterhin andere Routen nehmen und öfter umsteigen.
In der Passerelle zur Tram M10 und zur U5 nach Hönow
Vier-Wagen-Züge der S-Bahn-Baureihe 481 sollen im Zehn- oder 20-Minuten-Takt verkehren. Vom provisorischen Bahnsteig am Gleis 22 nördlich der Invalidenstraße können die Fahrgäste die Passerelle unterm Hauptbahnhof erreichen – mit Zugängen zur Tram M10 und U5.





