Nach jahrelanger Pause bekommt Berlin eine internationale Verbindung zurück. Vom 1. Mai an kann man wieder mit der Bahn ohne Umsteigen nach Dänemark reisen. Ein moderner Zug der tschechischen Bahn ČD verkehrt täglich nach Kopenhagen. Allerdings ist das neue Angebot vorerst alles andere als perfekt – das soll sich Mitte Juni jedoch ändern.
555 Sitzplätze, gezapftes Bier im Speiseabteil, Kinderkino auf manchen Verbindungen: Der neue Comfort Jet wird die neue Verbindung in den Norden herstellen. Ursprünglich sollten die Neunteiler schon Anfang des kommenden Monats ins Rollen kommen, während der Saison sogar dreimal täglich. Doch die Sanierung der Strecke Berlin-Hamburg verzögert sich. Darum gibt es zunächst nur ein Minimalangebot.
Zwar machen die ČD und die Deutsche Bahn (DB) trotz der andauernden Sperrung der Hamburger Bahn ihr Versprechen wahr und bieten ab Mai eine durchgehende Verbindung an. Doch nur einmal pro Tag und mit einer ziemlich langen Reisezeit - länger als selbst in den 1970er-Jahren zwischen Berlin, Hauptstadt der DDR, Rostock und Kopenhagen.
Anfangs dauert die Reise nach Kopenhagen neun Stunden
Auf der Website der tschechischen Bahn ist der Fahrplan zu lesen. Danach fährt der Zug RJ384 täglich um 6.31 Uhr in Prag ab. Die Abfahrt im Dresdner Hauptbahnhof ist für 8.53 Uhr vorgesehen, im Berliner Hauptbahnhof für 10.38 Uhr. Über Stendal geht es nach Hamburg, wo in Altona ein 79-minütiger Aufenthalt vorgesehen ist. Odense soll um 18.27, Kopenhagen um 19.38 Uhr erreicht werden. Auf die Minute genau neun Stunden nach dem Start in Berlin, wenn alles klappt.
Zurück dauert es ähnlich lange: Kopenhagen 8.22 Uhr, Berlin 17.24 Uhr, Dresden 19.07 Uhr, Prag 21.25 Uhr. In dieser Richtung nimmt der Unterwegshalt in Altona sogar anderthalb Stunden in Anspruch. Zeit, um sich die Beine zu vertreten und Proviant zu kaufen. Unterm Strich ist es aber keine attraktive Variante. Das gilt derzeit auch für den Preis: Für Prag – Kopenhagen gibt es bei der ČD Tickets ab umgerechnet 61 Euro, für Berlin – Kopenhagen nur zum Normaltarif: happige 214 Euro.

Im DB-Navigator ist die neue Verbindung noch nicht zu finden. Damit kann sie dort auch noch nicht gebucht werden. Auf eine Anfrage, wie viel die Fahrkarte bei der Bahn kosten werden, reagierte das Unternehmen bisher nicht.
„Ab 1. Mai fährt übergangsweise jeweils ein Zug pro Richtung zwischen Prag, Berlin und Kopenhagen. In Hamburg-Altona hat dieser zunächst noch einen Aufenthalt von rund 80 Minuten“, bestätigte eine Bahnsprecherin. „Die neue attraktive Direktverbindung startet dann nach Abschluss der Generalsanierung Berlin – Hamburg. Dann sind auch mehr Züge pro Tag und Richtung unterwegs.“ Start ist am 14. Juni.
Flixbus ist preiswerter - braucht aber nicht immer länger
Im Regelfahrplan soll die Fahrzeit von Berlin nach Kopenhagen sieben Stunden und 42 Minuten betragen. Der erste Zug fährt laut Plan um 8.53 Uhr am Dresdner und um 10.34 Uhr am Berliner Hauptbahnhof ab. Um 18.16 Uhr soll er Kopenhagen erreichen. Weitere Fahrten sind um 10.53 und 18.53 (Dresden) sowie 14.34 und 20.34 Uhr (Berlin) vorgesehen. Es wird also auch wieder eine Nachtverbindung geben – diesmal aber ohne Liege- und Schlafwagen. Der Nachtsprung wird bis Sommer angeboten.
Von Kopenhagen soll es um 5.53, 9.53 und 23.13 Uhr wieder nach Berlin, Dresden und Prag zurückgehen. Tickets sind bereits buchbar. Typische Sparpreise sind 56,99, 69,99 oder 79,99 Euro. Damit ist dieses Verkehrsmittel für den Fahrgast deutlich teurer als der Fernbus, der zwischen Berlin und Kopenhagen ähnlich schnell ist wie der Zug – aber weniger kostet. Der schnellste Flixbus legt diese Distanz in sieben Stunden und 35 Minuten zurück. Tickets sind ab 19,99 Euro erhältlich.

Noch schneller geht es natürlich per Flugzeug. Trotzdem erwarten Beobachter, dass auch diese neue Verbindung gut ausgelastet sein wird. Mit dem Intercity Express (ICE), der seit Ende 2024 zwischen Berlin und Paris verkehrt, sind die Reisenden ebenfalls länger unterwegs als auf dem Luftweg. Trotzdem sind die Züge gut gebucht – auch weil sie mit Unterwegshalten zusätzliche Relationen ermöglichen. Der Comfortjet stoppt in Dänemark auch in Padborg, Kolding, Middelfart, Odense und Ringsted.
Mit den früheren Speisewagen nicht zu vergleichen
Die modernen Züge, die von dem Konsortium Siemens/ Škoda produziert wurden, bieten klimatisierte Innenräume, Sitze für Rollstuhlfahrer und Familien mit Kindern, Platz für Kinderwagen, Fahrräder und großes Gepäck, ein bordeigenes Wi-Fi-Netz, spezielles Fensterglas, das Handysignale durchlässt, Steckdosen sowie USB-Anschlüsse. Die kleinen Bistrobereiche mit gerade mal 18 Plätzen sind mit den hochgelobten Speisewagen des Typs WRmz815, die in den bisherigen Eurocity-Zügen unterwegs waren, aber nicht zu vergleichen.
Die Tageszüge zwischen Berlin und Kopenhagen fahren einen großen Umweg über die Brücke über den Großen Belt. Der Diesel-ICE, der im Dezember 2015 zum letzten Mal zwischen der deutschen und der dänischen Hauptstadt verkehrte, hatte die Ostsee dagegen per Schiff überquert: auf der Vogelfluglinie zwischen Fehmarn und Lolland.
Im Dezember 2014 hatte die Bahn ihre Nachtzugverbindung zwischen Berlin und Kopenhagen eingestellt. Inzwischen bietet das schwedische Unternehmen Snälltåget wieder einen Nachtzug auf dieser Route an.
Mit Neptun und Ostsee-Express nach Dänemark
Die meiste Zeit verkehrten die Züge allerdings über Rostock, auf einer Strecke, die mit zuletzt 474 Kilometern deutlich kürzer ist als spätere Routen. Zwischen Warnemünde und Gedser brachten Fähren die Wagen übers Meer – bis das Trajekt 1995 eingestellt wurde. Zu DDR-Zeiten gab es als erstes ab 1953 eine Verbindung über Nacht, ab 1957 mit dem Ostsee-Express. Tagsüber verkehrte der Neptun – ab 1964 zunächst mit Dieseltriebwagen, ab 1973 dann als lokbespannter Schnellzug.
Ein Faltblatt der Deutschen Reichsbahn der DDR für den Fahrplan ab Oktober 1972 zeigt, dass der Neptun um 9.34 Uhr am damaligen Ostbahnhof abfahren und Kopenhagen um 16.51 Uhr erreichen sollte – nach sieben Stunden und 17 Minuten. In der Gegenrichtung sollte die Reise sogar nur sechs Stunden und 46 Minuten dauern. Die neuen Züge nach Dänemark sind zwar komfortabler und länger. Doch die damalige Direktverbindung war schneller als das künftige Direktangebot ab Juni.





