Treppen steigen statt gemütlich fahren: Als die Bahn Mitte Februar fast alle Rolltreppen im Hauptbahnhof abschalten musste, war das für viele Fahrgäste eine Katastrophe. Inzwischen sind von den 52 Anlagen bis auf ein halbes Dutzend alle wieder in Betrieb. Doch die überraschenden Stilllegungen warfen ein Schlaglicht darauf, dass hier unbemerkt ein Problembereich entstanden ist. Jetzt gibt es dazu neue offizielle Daten.
Danach haben sich die Ausfallzeiten auf Berliner Bahnhöfen mit S-Bahnverkehr fast verdoppelt. Standen die Fahrtreppen - so die offizielle Bezeichnung - 2021 insgesamt 2212 Tage still, waren es im vergangenen Jahr insgesamt 4110 Tage. Das geht aus der Antwort des Senats auf eine Anfrage des Linken-Abgeordneten Kristian Ronneburg hervor.
Die mittlere Ausfalldauer pro Fahrtreppe und Jahr stieg von 8,5 auf 14,8 Tage, teilte Verkehrs-Staatssekretär Arne Herz (CDU) unter Bezug auf Angaben der Deutschen Bahn mit. Die Verfügbarkeit ging von 97,1 auf 93,9 Prozent zurück, berichtete der Senatspolitiker.
Split im Getriebe: Im Winter legt Streugut Anlagen lahm
Während der Jahre 2021 bis 2025 traten die meisten Störungen im Hauptbahnhof sowie in den Bahnhöfen Potsdamer Platz, Südkreuz, Ostkreuz, Berlin Friedrichstraße auf. Wenig überraschend, denn dort sind viele Reisende unterwegs. Laut Bahn wird allein der Hauptbahnhof in Berlin täglich im Schnitt von rund 329.000 Menschen frequentiert.
Es gibt auch einen Negativ-Rekord für Berlin: „Die maximale Ausfallzeit einer Fahrtreppe zwischen 2021 und 2025 betrug 230 Tage“, heißt es. „Der betroffene Bahnsteig ist jedoch mit zwei Fahrtreppen ausgestattet, es gab also keine Einschränkungen für Reisende.“

Es seien immer mehr Fahrgäste unterwegs, das belaste die Technik, erklärte die Bahn. Meist gingen die Ausfälle auf Externe zurück. Anders formuliert: Sie werden fahrlässig oder vorsätzlich verursacht.
Vandalismus, unsachgemäße Behandlung und Fremdkörper waren in Berlin an 20.129 Störungen schuld, heißt es in der parlamentarischen Drucksache dazu. Im Winter legte vor allem „DB-fremdes Streugut“ Fahrtreppen lahm - 16.984 Fälle wurden gezählt. Intern ist zu erfahren, dass das Ostkreuz zu den besonders betroffenen Stationen gehört.

Wenn Rolltreppen für längere Zeit ausfallen, liegt das oft daran, dass Ersatzteile lange Lieferzeiten haben, so die Bahn weiter. So gelten für Getriebekomponenten, wie sie am Hauptbahnhof benötigt wurden, in der Regel mehrmonatige Bestellfristen. „Die Teile müssen weltweit geordert und nach Berlin gebracht werden“, so ein Bahnsprecher.
„Dies betrifft besonders ältere, bisher eher störungsunauffällige Anlagen“, steht in der Antwort auf die Anfrage des Abgeordneten Ronneburg. Damit rückt ein weiteres Thema ins Blickfeld: die Alterung. Die Anlagen, die im Hauptbahnhof und am Südkreuz ausfielen, wurden nach Angaben des Herstellers Kone zwischen 2002 und 2006 geliefert. Die DB geht davon aus, dass einige komplett getauscht werden müssen.
Die Bahn betreibt in Berlin an 41 Stationen insgesamt 262 Fahrtreppen. Noch mehr sind es bei den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG): Das Landesunternehmen verfügt über 399 Fahrtreppen an 99 Bahnhöfen.
Diese U-Bahnhöfe waren bei der BVG besonders betroffen
Bei der BVG hat sich die Situation allerdings in den vergangenen Jahren verbessert, geht aus der parlamentarischen Drucksache hervor.
Summierte sich die Ausfalldauer 2021 noch auf 3485 Tage, so waren es im vergangenen Jahr noch 2546. Die mittlere Ausfalldauer pro Jahr und Fahrtreppe sank von neun auf sieben Tage. Die durchschnittliche Verfügbarkeit stieg von 97,21 auf 97,94 Prozent. Damit erfüllt das Unternehmen die Vorgabe. Der aktuelle Verkehrsvertrag fordert mindestens 97 Prozent. Anders als bei der Bahn hätten die meisten Störungen technische Ursachen, zum Beispiel Antriebsdefekte, hieß es.
„Durch eine interne Anpassung des Entstörungsprozesses im Jahr 2024, insbesondere durch schnellere Abläufe zwischen Störungsmeldung und Reparatur, konnten Ausfallzeiten reduziert und die Verfügbarkeit der Anlagen spürbar verbessert werden“, erklärte die BVG. Um eine Überalterung zu vermeiden, werden kontinuierlich Anlagen erneuern.

Doch auch die BVG meldet einen Negativrekord: „Im Zeitraum von 2021 bis 2025 betrug die maximale Ausfallzeit einer Fahrtreppe rund 2.200 Stunden.“ Solch lange Ausfallzeiträume traten insbesondere bei schwerwiegenden technischen Defekten auf. Die längsten Stillstandszeiten gab es in den U-Bahnhöfen Lipschitzallee, Friedrich-Wilhelm-Platz, Rotes Rathaus sowie Franz-Neumann-Platz.
„Aus den vorliegenden Zahlen und Stellungnahmen kann man zu dem Schluss kommen, dass die Verfügbarkeit von Fahrtreppen insgesamt ein größeres Problem bei der Bahn als bei der BVG zu sein scheint“, stellt Kristian Ronneburg fest.
Linken-Politiker Ronneburg fordert neue Strategie
Lange Ausfallzeiten wegen schwer verfügbarer Ersatzteile treten bei beiden Unternehmen auf, so der Linken-Politiker. Für dieses Probleme gebe es sicher „keine Wunderlösung, aber eine Kombination aus technischen, organisatorischen und strategischen Maßnahmen sollte die Situation deutlich verbessern.“
Nötig sei mehr Standardisierung, strategisches Ersatzteilmanagement, langfristige Lieferverträge und eine stärkere Herstellerbindung – was allerdings andere Vereinbarungen erfordern und damit auch höhere Kosten mit sich bringen kann, kommentieren Experten.




