Wal-Rettung

Odyssee in der Ostsee: Wir müssen uns den Buckelwal Timmy als glückliches Tier vorstellen

Schon wieder steckt er fest: Das Leiden des Ostsee-Wals scheint kein Ende zu nehmen. Unser Autor fühlt sich dabei an einen uralten Mythos erinnert.

Der Buckelwal Timmy ist der Sisyphos der Gegenwart.
Der Buckelwal Timmy ist der Sisyphos der Gegenwart.Susanne Hübner/imago

Es ist eine nie enden wollende Odyssee: Der Walbulle Timmy saß am Timmendorfer Strand fest. Die Situation schien hoffnungslos, man prophezeite sein Siechtum. Aber wie das eben so ist mit Totgesagten, leben diese bekanntlich länger. Wie durch ein Wunder konnte sich der Wal befreien – nur um wenige Tage später wieder festzustecken, aktuell in der Bucht vor Wismar, einige Kilometer östlich.

Kaum ist der Wal frei, beginnt sein Leid also von vorn. Es ist ein bisschen wie beim Mythos um Sisyphos. Der muss zur Strafe auf Ewigkeit einen Felsbrocken den Berg hochhieven. Immer wenn der Fels fast am Gipfel angekommen ist, rollt er zurück ins Tal und Sisyphos muss wieder von vorne beginnen.

Auch der Wal steht nun wieder ganz unten am Fuße des metaphorischen Bergs. Der Weg aus der Ostsee ist lang, voller Engstellen und Sandbänke. Jeder Meter in Richtung Freiheit könnte der nächste Irrweg sein. Die ganze Bundesrepublik fiebert gespannt mit dem Wal, wohlwissend, dass der nächste Wasserstand dem Tier das Leben schwer machen wird.

Buckelwal Timmy: Warum fasziniert er uns?

Viele fühlen sich mit dem Wal so verbunden, weil er sie an sie selbst erinnert. Wie wir Menschen ist auch der Walbulle Timmy ein Verirrter, der Sisyphos gleich immer und immer wieder von vorne beginnen muss. Aber schon Albert Camus wusste, dass wir uns diesen Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen müssen.

Die wahrhaftige Befreiung nämlich, liegt nicht im Ausbruch aus dem Käfig, sondern in der Akzeptanz. Sisyphos ist auf alle Zeiten zu einer sinnlosen, auslaugenden Arbeit verpflichtet. Doch weil er sein Schicksal akzeptiert, kann er sich seine Freiheit ein Stück weit zurückholen.

Der Buckelwal Timmy hat diese Erkenntnis vielleicht nicht. Er folgt seinem Instinkt, der Strömung, dem Zufall. Und doch wirkt seine Lage für uns Menschen vertraut. Auch wir beginnen ständig von vorn.

Wir stecken die Kabelkopfhörer flink in die Tasche, obwohl wir genau wissen, dass wir sie beim nächsten Mal wieder mühsam auseinanderfrickeln müssen. Wir essen immer wieder die ganze Tüte Chips, nur um danach festzustellen, dass wir davon Bauchschmerzen bekommen. Wir rufen nachts unsere Ex-Freundin an, obwohl wir genau wissen, dass es längst vorbei ist. Denn ob Männlein oder Weiblein, Mensch oder Wal, am Ende sind wir alle gleich.


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