Beim Thema Medien und Rammstein denken viele sicher an den Sommer 2023: Zahlreiche junge Frauen beschuldigten Rammstein-Sänger Till Lindemann, sich ihnen gegenüber sexuell übergriffig verhalten zu haben – sogar durch Zuhilfenahme von Betäubungsmitteln.
Großteils erfolgten die Beschuldigungen anonym. Lindemann ließ über seine Anwälte dementieren, dass etwas Illegales passiert sei. Und auch die Berliner Staatsanwaltschaft musste ihre Ermittlungen noch im selben Sommer einstellen. Nachweisen ließ sich nämlich: nichts. Zumindest nichts strafrechtlich Relevantes.
Die meisten deutschsprachigen Medien hatten zuvor allerdings schon umfangreich über den Verdacht berichtet. Auch die Berliner Zeitung hat sich seinerzeit der Causa Lindemann gewidmet. Großes Leser-Interesse besteht allemal bei einer Person des öffentlichen Lebens wie Lindemann es nun mal war und ist.
Diese Form der Verdachtsberichtserstattung erwies sich teilweise als justiziabel: Mehrere renommierte Medien wie etwa der Spiegel, der NDR und die Süddeutsche mussten nachträglich Formulierungen anpassen – nachdem Lindemanns Anwälte gerichtlich dagegen vorgegangen waren. Auch die Bild-Zeitung musste sich verpflichten, bestimmte Aussagen so nicht weiter zu verbreiten.
Das Verhältnis zwischen Medien und Rammstein war seinerzeit jedoch schon lange vorbelastet. Das Martialisch-Teutonische in ihrer Ästhetik, nicht zuletzt das von Lindemann stets stilecht gerollte R, galt vielen Medienvertretern ohnehin als anrüchig und verdächtig.
Und dann verwendeten Rammstein auch noch nationalsozialistische Propagandabilder Leni Riefenstahls! Von den Olympischen Spielen 1936. Plumpe Provokation? Wie Flake 2025 im Gespräch mit Gregor Gysi beim Talk-Format „Missverstehen Sie mich richtig“ dargelegt hat, wollten Rammstein auf diese Weise eigentlich eine Textstelle des von ihnen gecoverten Depeche-Mode-Liedes „Stripped“ eindrücklich unterstreichen: „Let me see you stripped / Down to the bone“.
„Wir dachten, das klärt sich schon alles von selbst“
Quasi: sich nicht von der Fassade täuschen lassen. Die Riefenstahl-Bilder als schöner Schein, den es zu hinterfragen gilt. „Wir dachten damals tatsächlich, das klärt sich schon alles von selbst“, so Flake 2011 im Interview mit dem Musikmagazin Rolling Stone. Das tat es aber ganz und gar nicht. Vielen Medien galten die Riefenstahl-Bilder als Indiz dafür, dass Rammstein Nazis seien. Vorwürfe, denen die Band immer wieder eine Absage erteilt hat, nicht zuletzt 2001 durch ihr Lied „Links 2 3 4“.
Wohl noch übertroffen wurden die Reaktionen zum „Stripped“-Video allerdings 2019 beim Video zur Rammstein-Single „Deutschland“. „Rammstein schockt mit KZ-Video“, titelte die Bild-Zeitung. „Historiker, Politiker und jüdische Verbände reagieren empört.“ Zum Hintergrund: In einem damals noch vor dem gesamten Musikvideo veröffentlichten Ausschnitt waren vier Personen (darunter auch Lindemann selbst) auf eine Weise in Szene gesetzt, die an KZ-Insassen am Galgen gemahnte.
Im Kontext des mehr als neun Minuten langen Gesamtvideos und des Liedtextes wurde dann klar: Es geht um eine ambivalente Abrechnung mit Deutschland – gerade, indem auch die dunkelsten Kapitel der Geschichte collagiert wurden. Doch die mediale Aufregung war erst mal riesig. Auch von Antisemitismus war in Statements und Texten die Rede.
„Deutschland schämt sich für Rammstein“
Sündenbock Rammstein? 1999 nach dem Amoklauf von Littleton an der Columbine High School im US-Bundestaat Colorado stellte sich heraus, dass die Attentäter unter anderem Rammstein gehört hatten. Die Band befand sich seinerzeit in Mexiko auf Konzertreise. „Auf einmal mussten wir in der Zeitung lesen: ‚Diese Band gehört verboten‘ und ‚Deutschland schämt sich für Rammstein‘“, so Lindemann 2011 im Rolling Stone. Man habe gar nicht mehr nach Hause fahren wollen, doch der internationale Erfolg habe das gut kompensiert. „Also dachten wir: Leckt uns doch am Arsch!“ Auch nicht die feine englische Art.
Warum sind Rammstein so sehr auf Krawall gebürstet? Zu einem Teil liegt es sicher an den vorschnellen Urteilen, die man medial über sie gefällt hat. Wobei Rammstein freilich auch provozieren wollen. Das ist Teil ihrer DNA und auch ihres Geschäftsmodells. Und zu diesem Provokationsspiel gehört es eben auch, dass die Presse durchdreht statt sie zu feiern. Oder sie mit vergiftetem Lob bedenkt, wie der Spiegel, der sie als „ästhetische Rache des Ostens am Westen“ brandmarkte.




