Gasspeicher-Krise

Trotz niedriger Gasspeicher-Stände vor dem Winter: Merz-Regierung kippt Sicherung

Die Gasspeicher stehen niedriger als im Vorjahr. Trotzdem baut die Regierung Schutzregeln ab – und erhöht damit das Risiko für Verbraucher im Winter.

Mitarbeiter der Sefe Storage gehen an einer technischen Anlage zur Verdichtung von Erdgas auf dem Gelände des Erdgasspeichers Rehden entlang. (Symbolbild)
Mitarbeiter der Sefe Storage gehen an einer technischen Anlage zur Verdichtung von Erdgas auf dem Gelände des Erdgasspeichers Rehden entlang. (Symbolbild)Hauke-Christian Dittrich/dpa

Deutschlands Gasspeicher sind mit einem Füllstand von rund 73 Prozent so schlecht auf den bevorstehenden Winter vorbereitet wie seit Jahren nicht mehr. Das sind 14 Prozentpunkte weniger als im Mittel der Jahre 2017 bis 2021. Selbst Ende November 2024 lagen die Füllstände noch bei rund 90 Prozent. Die Initiative Energien Speichern (INES), der Zusammenschluss der deutschen Speicherbetreiber, warnt, bei einem außergewöhnlich kalten Januar könne es zu Engpässen kommen – auch durch den höheren Gasverbrauch der letzten vier Monate.

Trotz dieser Lage hat die Merz-Regierung nun eine weitreichende Entscheidung getroffen: Ab dem 1. Januar 2026 entfällt die Gasspeicher-Sicherheitsumlage – jene Umlage, mit der der Staat seit 2022 eigene Speicherbefüllungen finanziert hat. Grundlage ist eine Änderung des Energiewirtschaftsgesetzes, die das Kabinett am Donnerstag beschlossen hat. Damit wird ein zentrales Instrument der Versorgungssicherheit abgeschafft, und das ausgerechnet in einem Winter, in dem die Speicher niedriger gefüllt sind als in den vergangenen Jahren.

Gasspeicher-Krise: Merz-Regierung zieht sich aus der Verantwortung zurück

Bereits im Frühjahr 2025 hatte die Merz-Regierung außerdem die gesetzliche 90-Prozent-Vorgabe für den 1. November gestrichen – ohne neue Anreize oder Instrumente zu schaffen, die eine frühzeitige Einspeicherung wirtschaftlich attraktiv machen würden.

Der Staat zieht sich damit gleich an zwei Stellen aus der Speicherpolitik zurück – und lässt offen, wer künftig die Verantwortung trägt, wenn die Speicher im Winter nicht ausreichend befüllt sind und die Preise für Verbraucher plötzlich steigen. Genau hier entsteht das Vakuum, das diesen Winter so riskant macht – und am Ende die Verbraucher zu den Verlierern machen kann.

THE: „Können nur spekulieren“ – und ohne Auftrag nicht handeln

Trading Hub Europe (THE), Deutschlands zentraler Gasmarktmanager, kann die Verantwortung nicht übernehmen. Das Unternehmen erklärt auf Anfrage der Berliner Zeitung, man habe selbst keine zusätzlichen Befüllungen angeordnet – weil man das ohne Regierungsauftrag auch nicht dürfe. „Über die genauen Gründe für die diesjährige Situation bezüglich der Befüllung der Speicher können wir nur spekulieren“, heißt es.

THE verweist auf ein zweites Problem: Der Preisunterschied zwischen günstigem Sommergas und teurerem Wintergas, der Händler normalerweise zum Einspeichern motiviert, sei 2025 schlicht zu gering gewesen. Marktsignal und Regierungssignal fehlten gleichzeitig.

Während die Füllstände sanken, blieb der politische Auftrag aus: Ohne Zustimmung des Wirtschaftsministeriums unter Katherina Reiche (CDU) und der Bundesnetzagentur darf THE keine Befüllungen vornehmen. Genau dieser Auftrag kam 2025 nicht.

Deutsche ReGas: Staatliche Billigpreise verzerrten den Markt

Die Deutsche ReGas, Betreiberin des LNG-Terminals Deutsche Ostsee in Mukran auf Rügen, sieht die Verantwortung für zu niedrig gefüllte Gasspeicher klar beim Staat. Das Unternehmen speist große Mengen Gas für Ostdeutschland und Berlin ein – und erklärt, warum dieses Gas im Sommer kaum in den Speichern landete.

Das bundeseigene Terminalunternehmen DET, das die staatlichen Nordsee-Terminals betreibt, habe Regasifizierungsleistungen wiederholt „zu Preisen unterhalb der eigenen variablen Kosten, teils sogar kostenlos“ angeboten, sagt ein Sprecher. Dies hätte viele Händler verleitet, auf weitere Niedrigstpreisrunden des Staates zu warten – statt regulär im Sommer zu liefern. Deutschland habe deshalb „unterdurchschnittlich im Vergleich zu Vorjahren und anderen europäischen Ländern“ eingespeichert.

Erst fielen die ökonomischen Anreize weg – dann auch noch mehrere Nordsee-Terminals selbst. ReGas betont: Mit marktkonformen Preisen wären „deutlich mehr Sommerlieferungen“ erfolgt. Das Ergebnis der Misere: Deutschlands größter Gasspeicher in Rehden, Niedersachsen, der von der staatlichen Sefe Storage (Teil von Sefe, ehemals Gazprom Germania mit Sitz in Berlin) betrieben wird, ist derzeit nur zu 27 Prozent gefüllt.

VNG: Ostdeutsche Speicher stehen deutlich besser da

Wie unterschiedlich die Speicherstände im Land ausfallen, zeigt ausgerechnet Ostdeutschland. Die Speicher der VNG Gasspeicher GmbH, einer Tochter des Leipziger Energieversorgers VNG, stehen bei 91 Prozent – deutlich über dem Bundesschnitt von 73 Prozent. VNG hängt dabei genauso vom bundesweiten Gasmarkt und den LNG-Importen ab wie andere Unternehmen. Entscheidend ist vielmehr: VNG und die Händler, die dort Kapazitäten nutzen, haben über den Sommer weiter regulär eingespeichert – während andere Marktakteure auf staatliche Niedrigpreisrunden warteten oder durch Terminalausfälle ausgebremst waren.

Der Unterschied zeigt also nicht „bessere Bedingungen“ im Osten – sondern dass dort eingespeichert wurde, obwohl die Anreize schwach waren. Die niedrigen Füllstände konzentrieren sich vor allem in jenen Bereichen, in denen staatliche Billigpreise oder fehlende Befüllungsaufträge den Markt verunsicherten.

Das Wirtschaftsministerium unter Reiche (CDU) sieht trotz niedriger Füllstände keinen unmittelbaren Handlungsbedarf. Auf Anfrage verweist das BMWE darauf, dass Rehden und andere schwächer gefüllte Speicher „vom Markt nicht in gleicher Weise nachgefragt wurden wie andere Speicher in Deutschland“. Einzelspeicher hätten für die Versorgungssicherheit an Bedeutung verloren, heißt es – entscheidend sei der bundesweite Durchschnittswert, der mit rund 73 Prozent weiterhin „ausreichend“ sei.

Gasag beruhigt Berliner Haushalte – aber die Lage bleibt zu riskant

Für Berliner Haushalte bringt der Wegfall der Sicherheitsumlage vorerst eine kleine Entlastung: Der Grundversorger Gasag kündigt zum Jahreswechsel leicht sinkende Preise an. Doch dieser kurzfristige Effekt ändert nichts an der eigentlichen Lage. Die Speicher stehen so niedrig wie seit Jahren nicht – und zwei Sicherungsmechanismen wurden gestrichen, ohne dass neue eingeführt wurden.

Kurzfristig wirkt die Entscheidung wie eine Preissenkung. Langfristig fehlt ein Sicherheitsnetz: Wer sorgt künftig dafür, dass die Speicher vor dem Winter verlässlich gefüllt werden? Und wer trägt die Verantwortung, wenn die Einkaufspreise anziehen? Genau diese Frage bleibt unbeantwortet – und sie entscheidet darüber, wie gut Deutschland durch einen wirklich kalten Winter käme.

Haben Sie Feedback? Schreiben Sie uns gern! briefe@berliner-zeitung.de


Empfehlungen aus dem BLZ-Ticketshop: