Bosnien und Herzegowina gehört zu den letzten Ländern Europas, die vollständig von russischem Pipelinegas abhängig sind. Anders als Ungarn, die Slowakei oder Serbien verfügt das Land bislang über keinerlei Alternative: Das gesamte Erdgas kommt über TurkStream über Serbien ins Land.
Doch diese Abhängigkeit könnte nun erstmals aufbrechen. Zwei Infrastrukturunternehmen aus den USA haben offiziell Interesse bekundet, eine neue Gaspipeline zu bauen, die Bosnien und Herzegowina an alternative Gasquellen anschließen soll. Ein Konsortium der amerikanischen Firmen AAFS Infrastructure und AAFS Energy habe der Regierung der Föderation Bosnien und Herzegowina eine entsprechende Absichtserklärung (Letter of Intent) übermittelt, bestätigte die Regionalregierung diese Woche. Darüber berichten übereinstimmend mehrere bosnische Medien, darunter N1 Bosnia & Herzegovina und klix.ba.
Das geplante Projekt trägt den Namen Southern Interconnection. Es soll Bosnien und Herzegowina an das LNG-Terminal auf der kroatischen Insel Krk anbinden und damit erstmals eine Lieferroute schaffen, die nicht über Russland führt. Auch kroatische Medien wie Jutarnji list berichten über das Vorhaben, da das Projekt direkt an die bestehende LNG-Infrastruktur in Kroatien anknüpfen würde.
Bosnien und Herzegowina: Neue Pipeline gegen die Abhängigkeit von TurkStream
Bosnien und Herzegowina produziert selbst kein Erdgas und ist kein EU-Mitglied. Das Land ist daher auch nicht vom geplanten vollständigen Ausstieg der EU aus russischem Gas ab 2027 betroffen. Die gesamte Versorgung erfolgt bisher über langfristige Verträge mit Gazprom, geliefert über TurkStream und dessen Balkan-Abzweigungen.
Die neue Pipeline würde diese Struktur grundlegend verändern. Über Kroatien könnte künftig Flüssigerdgas (LNG) aus globalen Märkten eingespeist werden, vor allem aus den USA, Katar oder Afrika. Aus Regierungssicht geht es hier um eine Diversifizierung der Gasversorgung. Praktisch könnte die Abhängigkeit von Russland hier lediglich durch eine neue Abhängigkeit vom LNG-Markt und amerikanischen Anbietern ersetzt werden, zu möglicherweise höheren Lieferpreisen.
Die Regierung der Föderation bestätigte weiter, dass sie derzeit prüft, den Unternehmen aus den USA eine Konzession für Planung und Bau zu erteilen. Bereits im November hatte es eine grundsätzliche Einigung gegeben, wonach ein amerikanisches Unternehmen die Entwicklung und das Management der Verbindung übernehmen soll.
Neue Gasroute für Bosnien? US-Nähe der Gesprächspartner sorgt für Brisanz
Internationale Aufmerksamkeit erhält das Projekt nicht zuletzt wegen der beteiligten Akteure. Nach Angaben aus Regierungskreisen waren an den Gesprächen auch Personen beteiligt, die dem Umfeld von US-Präsident Donald Trump zugerechnet werden. Dazu zählen der Anwalt Jesse Binnall sowie der politische Berater Joe Flynn, die im Namen der amerikanischen Firmen Gespräche geführt haben sollen.
Neben der Pipeline selbst signalisierten die Unternehmen Interesse an weiteren Projekten: dem Bau gasbetriebener Kraftwerke, der Erweiterung der Leitung Kladanj–Tuzla sowie der Modernisierung von Flughäfen im Land.
Nächster Schritt der USA gegen russische Energie nach Sanktionen gegen Nord Stream 2
Trotz der geopolitischen Signalwirkung ist das Projekt zudem noch weit von der Umsetzung entfernt. Bosnien und Herzegowina besteht aus zwei autonomen Landesteilen: der Föderation und der Republika Srpska. Während die Föderation das Projekt unterstützt, gilt die serbische Teilrepublik als klar prorussisch und steht dem Vorhaben skeptisch gegenüber.
Zudem bleibt russisches Gas kurzfristig alternativlos. Die bestehenden Verträge mit Gazprom laufen weiter, die Preise werden quartalsweise angepasst. Der Bau der Southern Interconnection würde Jahre dauern, selbst bei politischem Rückenwind.
Damit ist klar: Die neue Pipeline wäre kein schneller Ersatz für TurkStream. Doch sie markiert einen strategischen Bruch. Zum ersten Mal seit Jahren liegt ein konkreter Plan auf dem Tisch, Bosnien und Herzegowina aus der vollständigen Abhängigkeit von russischem Gas zu lösen. Für die USA unter Donald Trump ist das – nach den Sanktionen gegen Nord Stream 2 in seiner ersten Amtszeit – ein weiterer Versuch, Russlands Einfluss auf die europäische Energieversorgung zurückzudrängen, diesmal auf dem Balkan, wo Moskau bislang besonders fest verankert ist.
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