Die Regierung zögert

Neue EU-Daten: Strom in Deutschland fast viermal so teuer wie in Ungarn

Deutschlands Haushalte zahlen so viel für Strom wie niemand sonst in Europa. Experten nennen Stromsteuer und Netzentgelte als Hebel – doch die Merz-Regierung zögert.

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und Monika Schnitzer, Vorsitzende des Sachverständigenrats, bei der Übergabe des Jahresgutachtens des Sachverständigenrats zur gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (Symbolbild)
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und Monika Schnitzer, Vorsitzende des Sachverständigenrats, bei der Übergabe des Jahresgutachtens des Sachverständigenrats zur gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (Symbolbild)Britta Pedersen

Deutschlands Haushalte zahlen so viel für Strom wie niemand sonst in Europa. Laut den neuesten EU-Vergleichsdaten, ausgewertet im Strom-Report auf Basis von Eurostat-Zahlen, zahlten Haushalte in Deutschland zum Ende des Jahres 2025 durchschnittlich 38,3 Cent pro Kilowattstunde.

Zum Vergleich: In Spanien lag der Haushaltsstrompreis bei rund 26 Cent pro Kilowattstunde, in Frankreich bei 26,6 Cent. In Ungarn ist der Strompreis laut der Eurostat-Auswertung mit 10,4 Cent am niedrigsten in der EU – in einem Land, das neue Atomkraftwerke baut und weiterhin russisches Pipelinegas über TurkStream importiert. Und in einem, in das deutsche Hersteller wie Bosch und nun auch Mercedes-Benz teilweise ihre Produktion verlagern. Warum ist der Abstand zu Deutschland so extrem – und was macht andere Länder so viel billiger? Deutschland lag auch im Jahresverlauf 2025 fast durchgehend an der Spitze.

Strompreise in Europa im vierten Quartal 2025: Deutschland ist an der Spitze.
Strompreise in Europa im vierten Quartal 2025: Deutschland ist an der Spitze.Strom-Report auf Basis von

Energieexpertin Kemfert zu Ungarn: Billiger Strom per Staatsbeschluss

„Die niedrigen Haushaltsstrompreise in Ungarn sind kein Marktergebnis, sondern Ergebnis staatlicher Preisdeckel und massiver Subventionen“, sagt Prof. Dr. Claudia Kemfert, Energieökonomin am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), der Berliner Zeitung. Der Staat greife dort direkt in die Preisbildung ein und gleiche Kosten aus dem Haushalt aus. Steuern und Abgaben würden teils offen, teils verdeckt gesenkt oder übernommen.

Kurzfristig entlastet das Millionen Haushalte deutlich. Langfristig sei das Modell jedoch riskant. „Fiskalisch ist das wenig transparent und auf Dauer schwer tragfähig“, warnt Kemfert.

Strom in Deutschland: Der Staat deckelt kaum – und bestimmt doch den Preis

In Deutschland sind die Strompreise dagegen stark marktgetrieben. Staatliche Preisbestandteile spielen dennoch eine zentrale Rolle. „Steuern, Abgaben, Umlagen und Netzentgelte machen in Deutschland heute einen Großteil des Strompreises aus“, erklärt Christian Jekat, Sprecher des Berliner Grundversorgers Vattenfall, auf Anfrage der Berliner Zeitung.

Den staatlichen Zuschuss zu den Übertragungsnetzentgelten 2026 von rund 1,6 Cent wertet Vattenfall zwar als positives Signal. Gemessen am Gesamtstrompreis von 38,3 Cent entspricht das jedoch nur rund vier Prozent Entlastung. Um die hohe Belastung der Haushalte spürbar zu mildern, seien weitere Schritte nötig, betont das Unternehmen.

Strompreise in Europa im vierten Quartal 2025
Strompreise in Europa im vierten Quartal 2025Strom-Report

Stromsteuer für Haushalte: Merz bricht ein Versprechen

Das zeigt die Erfahrung anderer EU-Länder. Während Ungarn Strompreise per Staatsbeschluss deckelt, hält Frankreich Haushaltsstrom über seinen staatlich dominierten Atomstrom vergleichsweise niedrig. Spanien und Portugal greifen regulierend in Netzentgelte ein, Italien entlastet Haushalte zeitweise über Steuern und Abgaben.

Deutschland dagegen greift abgesehen von punktuellen Maßnahmen kaum ein. Trotz der höchsten Haushaltsstrompreise in Europa liegt die Stromsteuer für private Haushalte weiter bei 2,05 Cent pro Kilowattstunde – obwohl eine Absenkung auf das EU-Mindestmaß politisch angekündigt war. Das EU-Mindestmaß zum Vergleich: 0,1 Cent pro kWh! Die Merz-Regierung setzte bislang vor allem auf Entlastungen für Unternehmen und Industrie. Dabei ist die Stromsteuer historisch gesehen nicht einmal eine Energie- oder Klimasteuer im engeren Sinne, sondern eine reine Fiskalsteuer, um die Rentenversicherung zu finanzieren und die Haushaltslöcher zu stopfen.

BDEW: Zuschuss zu Netzentgelten sollte über 2026 hinaus greifen

Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) weist darauf hin, dass der europäische Vergleich ein wichtiges Detail ausblendet: Bezieht man die Kaufkraft ein, rückt Deutschland im EU-Vergleich deutlich Richtung Mittelfeld. Für Haushalte ändert das jedoch wenig. Denn Strom wird nicht nach Kaufkraft bezahlt, sondern in Euro pro Kilowattstunde – und hier bleibt Deutschland Spitzenreiter.

Ähnlich wie Vattenfall rechnet der Verband damit, dass der Mini-Zuschuss von 1,6 Cent zu den Netzentgelten 2026 Entlastung bringen dürfte. Das löst aber nicht das Problem, denn es handelt sich dabei um eine zeitlich begrenzte Maßnahme. Deswegen plädiert der BDEW dafür, den Zuschuss über 2026 hinaus zu verstetigen, um Verbrauchern Planungssicherheit zu geben.

Für 2026 ist die Priorität aus Sicht von Ökonomen klar. Kemfert sieht die schnellste Entlastung für Haushalte nicht in neuen Förderprogrammen, sondern bei bestehenden Abgaben. Eine dauerhafte Senkung der Stromsteuer auf das EU-Mindestmaß würde Haushalte sofort ohne neue Verzerrungen entlasten, meint die Energieexpertin.

Auch aus Sicht von Vattenfall liegt der Hebel dort, wo der Staat direkt eingreifen kann. Der Stromversorger verweist darauf, dass steuerliche und regulatorische Bestandteile den Endkundenpreis heute stärker prägen als der eigentliche Strompreis. Genau diese Stellschrauben sind politisch bekannt – werden aber bislang nicht konsequent genutzt.

Bundesnetzagentur setzt auf dynamische Stromtarife

Die Bundesnetzagentur setzt dagegen auf Marktmechanismen. Auf Anfrage der Berliner Zeitung verweist sie vor allem auf sogenannte dynamische Stromtarife, die in Deutschland bisher nur begrenzt verfügbar sind. Haushalte könnten Kosten senken, wenn sie ihren Verbrauch gezielt in Zeiten niedriger Preise verlagerten – etwa beim Betrieb energieintensiver Geräte.

Zu staatlichen Preisdeckeln oder direkten Eingriffen, wie sie andere EU-Länder praktizieren, äußert sich die Behörde nicht. Eine Stellungnahme des Bundeswirtschaftsministeriums (BMWE) zu möglichen weiteren Entlastungen für Haushalte liegt bislang nicht vor.

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