Eine Verdopplung der Gaspreise würde die europäischen Gasimportkosten binnen eines Jahres um etwa 100 Milliarden Euro erhöhen, obwohl Europa von der Iran-Krise nur indirekt betroffen ist.
Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Analyse des Brüsseler Thinktanks Bruegel, einer der einflussreichsten Stimmen in der europäischen Energiepolitik. Im Jahr 2025 gab die EU demnach 117 Milliarden Euro für Gasimporte aus.
LNG wird global umgeleitet – und Europa zahlt den Preis
Zwar stammen nur rund acht Prozent der europäischen LNG-Importe aus Katar. Das entspricht einem Anteil von etwa vier Prozent an allen Gasimporten der EU, inklusive der Pipeline-Mengen. Anders als in der Energiekrise 2022 nach dem russischen Angriff auf die Ukraine ist die Gasversorgung der EU daher nicht unmittelbar gefährdet.
Doch Flüssigerdgas ist kein regionaler Energieträger, sondern ein global gehandelter Rohstoff. Da ein erheblicher Teil des Angebots aus dem Nahen Osten ausfällt, konkurrieren Käufer weltweit um die verbleibenden Mengen – unabhängig davon, wo die Krise tatsächlich stattfindet. Die Folge: Die Börsenpreise sind auch für Europa gestiegen – zuletzt auf rund 50 bis 60 Euro je Megawattstunde. Zum Vergleich: Zum Jahreswechsel lag der Gaspreis an der europäischen Börse TTF noch unter 30 Euro.
Preisdeckel locken – doch genau davor warnen die Experten
„Die EU muss sich daher auf einen längeren Zeitraum höherer Gaspreise und eine mögliche Verknappung des globalen LNG-Angebots einstellen“, schreiben die Brüsseler Analysten. Es bestehe die Gefahr, dass ein Großteil der ursprünglich für Europa bestimmten Ladungen aus den USA nach Asien umgeleitet wird. LNG-Tanker waren bereits mehrfach kurz vor Europa umgekehrt und stattdessen nach Asien gefahren.
Gerade deshalb liegt die Versuchung nahe, die Preise mit neuen Deckeln zu drücken – wie schon 2022. Doch genau davor warnt Bruegel. Preisdeckel und Subventionen würden die Preissignale schwächen, die für Einsparungen und Investitionen in alternative Energien entscheidend sind, so das Kernargument des Analysehauses.
Russisches Gas bleibt tabu – trotz steigender Preise
Auch die Rückkehr zum russischen Pipeline-Gas oder LNG sollte nicht erneut geprüft werden. Es würde „die Abhängigkeit wiederherstellen“, deren Abbau Europa drei Jahre und erhebliche politische Anstrengungen gekostet habe. „Dies würde es Russland ermöglichen, die Preise zu manipulieren, die EU politisch zu spalten und die langfristige Energiesicherheit des Blocks zu gefährden“, heißt es.
Auch die Merz-Regierung vertritt gegenwärtig diese Position. Momentan fließt noch russisches Pipeline-Gas über TurkStream in die EU. Russisches LNG erreicht seinerseits vor allem Frankreich, Belgien und Spanien. Ab 2027 fallen die Lieferungen dennoch unter EU-Sanktionen.
Schon das Befüllen der Speicher treibt die Preise weiter hoch
Die Vorbereitung auf den nächsten Winter wird bereits zum Problem. Die europäischen Gasspeicher sind derzeit niedriger gefüllt als in den vergangenen Jahren – in Deutschland nur zu 22 Prozent, wie Daten von Gas Infrastructure Europe zeigen. Doch das Auffüllen könnte die Lage weiter verschärfen. Schon bei einem Gaspreis von rund 60 Euro je Megawattstunde könnten die Kosten dafür auf etwa 35 Milliarden Euro steigen. Gleichzeitig zeigt sich ein Dilemma: Wird zu schnell eingekauft, treibt das die Nachfrage im Sommer – und damit die Preise – zusätzlich nach oben.
Was Bruegel den Regierungen stattdessen explizit empfiehlt, ist eine weitere Reduzierung der Nachfrage nach Gas und Strom vor allem bei den Haushalten. Seit 2021 sei die europäische Erdgasnachfrage „glücklicherweise“ um ein Fünftel gesunken, also müssten die Regierungen nun weitere Maßnahmen ergreifen, „die eine strukturelle Reduzierung der Erdgasnachfrage fördern“.
Europa soll sparen – doch das bremst Wachstum und Wohlstand
Was die Analyse ausblendet, sind die wirtschaftlichen Folgen. Denn der geringere Gasverbrauch war auch erzwungen und ging mit schwachem Wachstum einher. Kürzlich haben Deutschlands führende Wirtschaftsinstitute ihre Wachstumsprognose für 2026 mehr als halbiert – von bisher 1,3 Prozent auf nur noch 0,6 Prozent.
Stattdessen verweist Bruegel darauf, dass hohe Gaspreise Kohlekraft wieder wirtschaftlicher machen. In mehreren europäischen Ländern wird sie bereits stärker genutzt, um Gas zu ersetzen. Gleichzeitig raten die Ökonomen zu einer engeren Abstimmung mit anderen großen LNG-Importeuren wie Japan und Südkorea. Ohne Koordination droht ein Wettbewerb um knappe Lieferungen – und damit ein weiterer Preisschub.
Merz-Regierung hat weniger Spielraum – und kann kaum noch entlasten
Die Bruegel-Analyse ist auch deswegen bemerkenswert, weil ihre Empfehlungen auf einem wesentlichen Unterschied zum Jahr 2022 basieren, den sie nicht anspricht. Die wachsenden Schulden und hohe Ausgaben ermöglichen es dem Staat kaum, neue Entlastungen aus dem Haushalt zu finanzieren. Zwar erwägt die Merz-Regierung gegenwärtig laut Handelsblatt erstmals eine direkte Zahlung an Bürger als Entlastung bei hohen Spritpreisen. Einheimische Experten kritisieren jedoch schwache Effekte bei unteren Einkommensgruppen, die oft gar kein Auto haben, und verweisen direkt auf Haushaltsdefizite und die ohnehin hohe Verschuldung.
Der Finanzierungssaldo der öffentlichen Haushalte dürfte 2026 bei minus 3,7 Prozent des BIP liegen und 2027 auf minus 4,2 Prozent steigen, betont Geraldine Dany-Knedlik, Leiterin des Bereichs Prognose und Konjunkturpolitik beim DIW. Kurz gesagt: Für große Entlastungen fehlt das Geld – beim Gas ebenso wie beim Sprit.
Am Ende zahlen die Verbraucher – und die Schulden steigen weiter
Für Verbraucher bedeutet das eine unbequeme Realität: Entweder steigen die Energiepreise weiter – oder der Staat greift ein und finanziert Entlastungen über neue Schulden.




