Energie

„Keine Wahl“: Verbündete der USA greifen aus Not zu russischem Öl

Die Iran-Krise reißt Lieferströme auf. Selbst enge Partner der USA sichern sich wieder russisches Öl, um ihre Versorgung zu stabilisieren.

Der Öltanker „Tigran Martirosyan“ im Handelshafen Noworossijsk am Schwarzen Meer (Symbolbild)
Der Öltanker „Tigran Martirosyan“ im Handelshafen Noworossijsk am Schwarzen Meer (Symbolbild)Imago

Die Energiekrise infolge der Eskalation rund um Iran hat wichtige Lieferströme aus dem Nahen Osten unterbrochen. Nun greifen selbst Partner der USA und andere Staaten in Asien wieder zu russischem Öl.

Mehrere Länder haben in den vergangenen Wochen neue Käufe aus Russland vereinbart oder bestehende Lieferungen ausgeweitet. Das berichtet die britische Zeitung Financial Times (FT) unter Berufung auf Marktteilnehmer und Regierungsvertreter. Demnach nutzen viele Staaten gezielt eine von den USA gewährte befristete Ausnahme von Sanktionen, um ihre Versorgung zu sichern.

Asien reagiert auf die Energiekrise: „Sie haben keine andere Wahl als Russland“

Besonders stark betroffen sind importabhängige Volkswirtschaften in Asien. Länder wie die Philippinen, Vietnam oder Sri Lanka decken einen Großteil ihres Energiebedarfs über Lieferungen aus dem Nahen Osten. Fällt diese Versorgung teilweise aus, entsteht sofort Druck auf Preise und Verfügbarkeit.

„Diese Länder sind momentan in einer verzweifelten Lage und wollen die Ausnahmeregelung der US-Sanktionen maximal ausnutzen“, zitiert die FT die Analystin June Goh vom Rohstoffhaus Sparta Commodities. „Sie haben keine andere Wahl als Russland. Wenn jemand Öl anbietet und die Lage angespannt ist, wie soll man da Nein sagen?“

In den Philippinen, einem engen Sicherheitspartner der USA, sind erstmals seit Jahren wieder Tanker mit russischem Öl eingetroffen. Der dortige Raffineriebetreiber Petron bestätigte den Kauf von 2,5 Millionen Barrel – als „außergewöhnliche Maßnahme“ angesichts der angespannten Lage. Petron liefert 30 Prozent des gesamten Kraftstoffs auf den Philippinen, die einen Großteil ihres Ölbedarfs aus dem Nahen Osten decken. Das Land hat angesichts der Energiekrise den Energienotstand ausgerufen.

Petron erklärte, die Käufe von russischem Öl seien nicht Teil der üblichen Beschaffungsstrategie. „Die Käufe erfolgten ausschließlich aus äußerster Notwendigkeit als außerordentliche Notmaßnahme infolge beispielloser geopolitischer und Lieferkettenstörungen und erst nachdem alle wirtschaftlich und operativ tragfähigen Alternativen ausgeschöpft waren“, betonte das Unternehmen.

Produkt aus Rohöl: Südkorea kauft jetzt russisches Naphtha

In Südkorea, einem weiteren engen Verbündeten der USA, beziehen Unternehmen zwar noch kein russisches Rohöl, haben aber bereits 27.000 Tonnen russisches Naphtha gekauft, ein aus Rohöl gewonnenes Produkt, das zur Herstellung von Kunststoffen verwendet wird. Beamte in Thailand und Indonesien haben sich derweil offen für den Kauf von russischem Öl gezeigt, während das vietnamesische Unternehmen Binh Son Refining and Petrochemical Gespräche mit russischen Partnern führt.

In Sri Lanka teilte der staatliche Ölkonzern Ceylon Petroleum Corp. Bloomberg diese Woche mit, dass er mit russischen Ölkonzernen verhandelt. „Wir haben uns nicht nur an unsere traditionellen Öllieferanten gewandt, sondern auch versucht, andere Quellen zu erschließen, die nicht vom Krieg im Nahen Osten betroffen sind“, sagte der philippinische Präsident Ferdinand Marcos jr. letzte Woche. „Nichts ist ausgeschlossen. Wir prüfen alle Möglichkeiten.“

China und Indien räumen 85 Prozent der russischen Ölexporte ab

China und Indien, die Hauptabnehmer von russischem Öl, hatten laut dem Schifffahrtsdatenunternehmen Veson Nautical bereits rund 85 Prozent der russischen Rohölexporte abgenommen und dabei von den günstigen Lieferpreisen profitiert, um ihre Raffinerien zu versorgen. Indische Raffinerien kauften im Februar täglich eine Million Barrel russisches Rohöl, diese Menge verdoppelte sich laut dem Datenanbieter Kpler bis Ende März auf 1,9 Millionen Barrel pro Tag.

Ein Teil des für Märkte wie China bestimmten russischen Rohöls wurde sogar nach Indien umgeleitet, da Neu-Delhi einen Aufschlag von fast fünf Prozent auf die jeweils geltenden Preise zahlte, wie die FT berichtet.

Für Russland ergibt sich daraus eine stärkere Nachfrage nach seinen Lieferungen. Durch die gestiegenen Preise und die eingeschränkte Konkurrenz aus dem Nahen Osten kann Moskau seine Rohstoffe mit höheren Gewinnen verkaufen.

Die Entwicklung zeigt die Grenzen westlicher Sanktionspolitik. Entscheidungen werden weniger von politischen Bündnissen bestimmt als von Verfügbarkeit und Preis. Und genau das bringt Länder in eine Lage, in der selbst frühere Tabus wieder fallen.

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