Nach LNG droht Europa jetzt auch beim Öl ein harter Kampf mit Asien. Mehrere Öltanker mit Diesel an Bord haben auf dem Weg nach Europa plötzlich ihre Route geändert und fahren stattdessen nach Westafrika – möglicherweise mit Asien als Ziel. Das berichtet die Nachrichtenagentur Bloomberg unter Berufung auf Schiffverfolgungsdaten.
Insgesamt handelt es sich um vier Tanker mit rund 1,2 Millionen Barrel Diesel. Ursprünglich waren sie von den USA aus Richtung Europa unterwegs. Hintergrund der Umleitung ist die angespannte Lage auf den globalen Energiemärkten infolge des Konflikts im Iran, insbesondere durch die Blockade der Straße von Hormus.
Besonders stark betroffen ist derzeit Asien, wo die Preise für Diesel noch stärker gestiegen sind als in Europa. Händler leiten Lieferungen deshalb verstärkt in diese Region um, da dort höhere Gewinne erzielt werden können.
Experte: „Preise treiben Dieselimporte nach Osten“
Laut Bloomberg hatten vier Tanker – darunter die „Aliai“, „Minerva Vaso“ und „Elka Delphi“ – zunächst Kurs auf europäische Häfen wie Amsterdam und Gibraltar genommen. Inzwischen hätten sie ihren Kurs jedoch deutlich geändert: Eines der Schiffe sei nun auf dem Weg nach Togo in Westafrika, während die drei übrigen Tanker Häfen im Südosten ansteuerten, die für Zwischenstopps bei Routen Richtung Asien bekannt sind. „Die Preise in Asien sind deutlich höher als in Europa, was diese Dieselimporte nach Osten treibt“, sagte Mick Strautmann, Marktanalyst beim Öl- und Gasdatenanbieter Vortexa.
Branchenexperten betonten gegenüber Bloomberg zwar, dass Europa derzeit noch über ausreichend Ölreserven verfüge, um die Versorgung zu sichern. In den nächsten Wochen könnte Europa die Auswirkungen jedoch zeitverzögert zu spüren bekommen. Die EU und Großbritannien zählen zu den größten Importeuren von Diesel, der unter anderem im Transport- und Bauwesen benötigt wird. Marktbeobachter erwarten, dass die Importe im April deutlich zurückgehen könnten. „Europas Zeit wird kommen, aber im Moment ist es Asien, das am lautesten schreit“, sagte Philip Jones-Lux, Öl-Analyst beim Energieanalyseunternehmen Sparta Commodities.

„Wenn ein Kunde mehr zahlt, ändern Schiffe ihre Routen“
Auch bei Flüssigerdgas (LNG) wächst Europas Konkurrenz aus Asien. In den vergangenen Tagen hatten zahlreiche Tanker ihren Kurs Richtung Europa geändert und stattdessen asiatische Häfen angesteuert, die Berliner Zeitung berichtete. LNG und Öl werden jeweils global gehandelt und in der Regel dorthin geliefert, wo die höchsten Preise gezahlt werden. Da Asien stärker von Öl und Gas aus dem Nahen Osten abhängig ist als Europa, sind Lieferungen dorthin derzeit besonders lukrativ.
„Letztlich fahren LNG- und Öltanker immer dorthin, wo es ökonomisch gerade am sinnvollsten ist“, erklärte Jakob Schlandt, Leiter des Kompetenzfelds Regulation & Policy Consulting beim Hamburg-Institut. „Der Höchstbietende gewinnt.“ Normalerweise wird LNG im Rahmen von langfristigen Verträgen statt auf dem Spotmarkt verkauft; und es wird vorher geklärt, wohin die Händler das Gas liefern. „Aber wenn ein Importeur dringend Gas braucht, werden auch Schiffe kontaktiert, die bereits unterwegs sind“, sagte Walter Boltz, Berater der Anwaltskanzlei Baker McKenzie, dem Handelsblatt. „Und wenn der neue Kunde mehr zahlt, kann es sein, dass das Schiff seine Route ändert.“
LNG-Mangel gefährdet Europas Gasspeicherbefüllung
Der wachsende Kampf um LNG gefährdet auch die Befüllung der Gasspeicher für den kommenden Winter. Experten gehen davon aus, dass Europa für die Befüllung seiner Speicher in diesem Sommer etwa 180 LNG-Ladungen beziehungsweise 17 Milliarden Kubikmeter Gas mehr braucht als gedacht. Die Kosten für die Speicherbefüllung hätten sich dadurch um etwa 11,7 Milliarden auf insgesamt 34,5 Milliarden Euro erhöht.




