„Wenn Sie am Montag ins Bürgeramt wollen und sich heute einlinken, kriegen Sie am Montag einen Termin.“ Mit diesem Versprechen eröffnet Kai Wegner (CDU) den 74. Wirtschaftsball des Vereins Berliner Kaufleute und Industrieller (VBKI) im großen Ballsaal des Berliner Hotels Intercontinental. Ein Monat nach dem massiven Stromausfall im Südwesten der Stadt und dem sogenannten Tennis-Gate spricht der Regierende Bürgermeister vor Unternehmern, Senatoren und Investoren. Es ist Wahljahr in Berlin.
Mehr als 2000 Besucher verteilen sich an diesem Abend über die gesamte Ballfläche. Während im Saal zugehört wird, werden in den Nebenräumen Austern geöffnet, Pommernrind tranchiert und andere Köstlichkeiten serviert. Sekt und Champagner fließen. 25 Jahre hat Berlin über eine Verwaltungsreform debattiert. Seit dem Jahreswechsel werde sie nun umgesetzt. Die Bürgerämter funktionierten wieder.
Ball der Berliner Wirtschaft: Kai Wegner lehnt Enteignungen gegen Wohnungsmangel ab
Einen Monat nach der Kritik präsentiert sich Wegner als Macher. Die Berliner CDU hat in Umfragen zuletzt an Zustimmung verloren. Doch im Saal bleibt die Stimmung gelöst. Applaus erhält er, als er das schnellere Baugesetz seiner Regierung hervorhebt, die Rolle starker Genossenschaften betont und private Wohnungsunternehmen als „wichtige Partner“ im Kampf gegen den Wohnungsmangel verteidigt. Enteignungen seien mit Sicherheit nicht die richtige Lösung, bekräftigt Wegner nochmal.

Im Anschluss verweist er auf die Erfolge Berlins im bundesweiten Bildungsranking – von den hinteren Plätzen auf Rang elf. „Antisemitismus darf in dieser Stadt keinen Platz haben“, sagt er mit Blick auf die Vorgänge bei der Berlinale.
Nach dem Regierenden übernimmt der Gastgeber. „Freiheit ist das Lebenselixier unserer Stadt“, ruft Markus Voigt. Der scheidende VBKI-Präsident eröffnet den Ball zum letzten Mal. Nach 15 Jahren an der Spitze des Vereins warnt er vor „Verbotsforderungen“, spricht von „Berlin ohne Autos, Berlin ohne Werbung“ als unvorstellbarem Szenario. Enteignung sei ein Irrweg. Freiheit müsse verteidigt werden – gerade jetzt. Der Applaus fällt kräftiger aus. Einige stehen auf. Es ist ein Moment des Abschieds, der Selbstvergewisserung – und vielleicht auch der Routine.
Unternehmer redet Klartext: Berlin funktioniere politisch „nicht wirklich gut“
Mit Eintrittspreisen zwischen 300 und knapp 600 Euro – je nach Mitgliedsstatus – gehört der Ball zu den exklusiveren Terminen im Berliner Wirtschaftskalender. Auch modisch zeigt sich die ganze Bandbreite: von klassisch-eleganten Roben bis zu deutlich mutigeren und selbstbewussteren Interpretationen des Dresscodes Black Tie. Einen Smoking oder ein bodenlanges Abendkleid trägt man schließlich nicht alle Tage.
Oberflächlich betrachtet ist die Stimmung gelöst. Man isst, man trinkt, man kommt ins Gespräch. „Es ist wichtig, dass man sich hier trifft“, sagt eine Unternehmerin und hebt kurz ihr Glas. Der Abend bietet Gelegenheit, Dinge zu klären, für die im Alltag oft keine Zeit bleibt – und für ein paar Stunden Abstand von politischen Debatten und wirtschaftlichen Sorgen.
Und doch fallen zwischen Garderobe und Bar auch andere Sätze. Ein Unternehmer aus der Kunstbranche – er betreibt eine Galerie in Charlottenburg – winkt erst ab und wird dann doch deutlich. Er habe Wegners Rede nicht gehört, sagt er, aber Berlin funktioniere politisch „nicht wirklich gut“. Er komme aus Hamburg, dort laufe auch nicht alles rund, „aber Berlin ist noch einen Zacken schärfer“.
Stromausfall in Berlin traf Kunden und Partner: „Wie verzweifelt die waren“
Seit fast drei Jahren, erzählt er, liege vor seiner Galerie eine Baustelle. Ein Bagger stehe dort Tag für Tag, die Mietkosten liefen weiter – und dennoch gehe es nicht voran. „In einem anderen Land, in jeder anderen Stadt“ hätte das „maximal ein halbes Jahr“ gedauert. Wenn schon so etwas im Kleinen so schieflaufe, was passiere dann im Großen? Den massiven Stromausfall im Januar habe er bei Kunden und Partnern miterlebt, „wie verzweifelt die waren“ und „was da für Schicksale stattgefunden haben“. Das sei „sehr schräg organisiert“ gewesen.

Seine Kritik bleibt nicht beim Organisatorischen stehen. Politik sei „ein dreckiges Geschäft“, sagt er, er wolle das nicht machen. Aber er wünsche sich „mehr Pragmatismus, ein bisschen mehr Hands-on“. Er spricht über seine Sorge, wie schnell sich Mehrheiten verschieben können: „Wie schnell in Amerika Autokratien entstehen.“ Es sei „sehr, sehr traurig“, wie wenig Menschen bereit seien, „dieses große Gut“ Demokratie zu verteidigen – gerade in einer Stadt, die von Vielfalt lebe. „Ich weiß auch nicht, wo ich alternativ hingehen würde“, sagt er. „Ich bin verdrossen.“
Managerin verrät: „Das ist in Berlin das große Problem“
Doch er ist nicht der Einzige, der an diesem Abend leiser klingt als die Bühne im großen Saal. Die Verwaltungsreform klinge gut, sagt eine frühere Managerin aus dem Bereich Elektromobilität, aber entscheidend sei, ob sich im Alltag wirklich etwas ändere. Ihr Eindruck: Die Politik rede viel, am Ende passiere zu wenig. Gleichzeitig könne Politik allein die Wirtschaft nicht bewegen, gibt sie zu. „Es braucht Unternehmergeist.“
Beim Aufbau von Ladeinfrastruktur sei Berlin „sehr zäh“ gewesen, kritisiert sie jedoch weiter. Ohne Infrastruktur funktioniere Elektromobilität nicht. Doch der Senat sei beim Aufbau öffentlicher Ladestrukturen „sehr behäbig“ gewesen. Klare Regelwerke fehlten, oder sie seien überreguliert gewesen. Strommasten auszurüsten, Genehmigungen zu bekommen, Zuständigkeiten zu klären – all das habe sich hingezogen. „Das ist in Berlin das große Problem“, sagt sie: Senat und Bezirke würden sich teilweise gegenseitig blockieren.
Gleichzeitig widerspricht sie der allzu düsteren Stimmung. Der deutsche Anlagen- und Maschinenbau werde regelmäßig „downgegradet“, sagt sie, am Ende seien die Ergebnisse oft besser als prognostiziert. „Es steht um die Wirtschaft gar nicht so schlecht“, meint sie. Zu viel Negatives werde erzählt.
„Schwierige Rahmenbedingungen kein Grund, um nichts zu tun“
Ein Unternehmer aus dem Einzelhandel sieht es ähnlich differenziert. Bürokratie koste zwar Zeit, sagt er, Abstimmungen dauerten oft länger als nötig. „Aber es ist nicht alles schlecht.“ Man dürfe nicht so tun, als stehe die Wirtschaft am Abgrund. Viele Unternehmen arbeiteten solide, die Nachfrage sei da.




