Energiepuffer schmilzt

Gasspeicher nur noch bei 26 Prozent: Ostdeutschland hängt an LNG-Importen

Deutschlands Gasspeicherstände rutschen unter 30 Prozent. Während Bayern auf Reserven angewiesen ist, lebt Ostdeutschland zunehmend von LNG und Importflüssen.

David Scheller, Standortmeister, arbeitet auf dem Gelände des Untergrund-Gasspeichers der VNG AG. (Symbolbild)
David Scheller, Standortmeister, arbeitet auf dem Gelände des Untergrund-Gasspeichers der VNG AG. (Symbolbild)Jan Woitas/dpa

Deutschlands Gasspeicherstände rutschen weiter ab. Am 9. Februar 2026 waren sie zuletzt laut Daten von Gas Infrastructure Europe (GIE/AGSI) nur noch zu 26,99 Prozent gefüllt – so wenig wie seit der Energiekrise 2022 nicht mehr. Der winterliche Puffer schmilzt schneller als geplant. Zum Vergleich: Ende Januar lagen die Speicherstände noch bei mehr als 41 Prozent. In kürzester Zeit ist ein großer Teil der Reserve aufgebraucht worden.

Dass die Speicherstände im Winter sinken, ist normal. Nach Einschätzung der Fernleitungsnetzbetreiber sollten sie jedoch zwischen 30 und 40 Prozent liegen, um Versorgungssicherheit und Netzstabilität zu gewährleisten. Dieses Niveau ist seit Tagen unterschritten. Besonders deutlich zeigt sich das im Süden: In Bayern sind einzelne große Speicher nahezu leer. Wolfersberg lag zuletzt bei nur 4,23 Prozent, Breitbrunn bei 14,11 Prozent. Bierwang ist mit 34,25 Prozent zwar noch besser gefüllt, leert sich aber weiter schnell.

Im roten Bereich: Bayerns Speicher sind fast leer

Im Osten zeigt sich auf den ersten Blick ein anderes Bild als in Bayern. Zwar ist auch der bundesweit größte Gasspeicher Rehden in Niedersachsen, der an überregionale Fernleitungsnetze, darunter auch Richtung Osten, angebunden ist, mit zuletzt 7,80 Prozent sehr niedrig gefüllt. Andere Speicher, die direkt an ostdeutsche Netze angeschlossen sind, weisen jedoch höhere Füllstände auf: Kraak lag zuletzt bei 39,24 Prozent, Peckensen bei 34,37 Prozent, der VGS Storage Hub dagegen nur bei 29,34 und der VNG-Speicher bei 29,39 Prozent.

Die Zahlen machen zwei unterschiedliche Versorgungslogiken sichtbar. Während im Süden Deutschlands regionale Reserven entscheidend sind, kommt das Gas im Osten stärker direkt aus Importen und Netzflüssen.

Die Bundesnetzagentur bestätigt diese Unterschiede auf Anfrage: „Die Einspeisesituation Ostdeutschlands unterscheidet sich deutlich von der Bayerns, insbesondere durch Importmöglichkeiten und LNG-Einspeisungen.“ Die Gasspeicherfüllstände seien weiter wichtig, aber kein Indiz für eine Gasmangellage, sagt die Behördensprecherin Nadia Affani.

Osten anders versorgt: Mehr Gasimporte, weniger Puffer

Dass Ostdeutschland zurzeit stärker aus laufenden Importen versorgt wird, bedeutet jedoch nicht, dass niedrige Speicherstände folgenlos bleiben. „In den letzten Wochen haben Gasspeicher in ganz Deutschland erheblich, teilweise sogar mehrheitlich zur Gasversorgung beigetragen“, sagt Sebastian Heinermann, Geschäftsführer der Speicherinitiative INES. Das gelte auch für die Gasspeicher in Ostdeutschland. Besonders kritisch sei jedoch die Lage im Süden, bestätigt Heinermann. Dort seien die Füllstände der Speicher „eine besondere Herausforderung für das Gassystem“.

Um das Gasnetz bei weiter sinkenden Speicherständen stabil zu halten, greift der Marktgebietsverantwortliche Trading Hub Europe (THE) vorsorglich ein. Das private Unternehmen hat Anfang Februar zusätzliche sogenannte Long-Term-Options (LTO) an ausgewählten Gasspeichern ausgeschrieben. Damit soll sichergestellt werden, dass auch bei Kälte und hoher Nachfrage genug Gas zur Stabilisierung des Netzes verfügbar bleibt.

Rehden: Die Einspeicherung bleibt unattraktiv

Dass Ausschreibungen jedoch oft nicht funktionieren, zeigt das Beispiel Rehden. Europas größter Porenspeicher, der früher von der Gaszprom-Tochter Astora und nach der Verstaatlichung von der Sefe Storage betrieben wird, stand vor dem Ukraine-Krieg mit rund vier Milliarden Kubikmetern Arbeitsgasvolumen für circa ein Fünftel der deutschen Speicherkapazität – und scheiterte bereits im vergangenen Sommer wiederholt bei den Vermarktungsauktionen. Es fanden sich kaum Händler, die bereit waren, Gas einzulagern, weil sie nicht mit deutlich höheren Winterpreisen rechneten. Das Speichern lohnte sich schlicht nicht.

„Der Gasspeicher Rehden steht dem Markt grundsätzlich zur Verfügung“, teilt ein Sefe-Sprecher auf Anfrage mit. Über die konkrete Nutzung würden jedoch nicht die Betreiber entscheiden, sondern die Händler. „Für die Befüllung der Speicher sind letztlich die Speicherkunden verantwortlich.“

Wer für die niedrigen Speicherstände verantwortlich ist, liegt damit zwischen Markt und Politik. Im Januar hat die Regierung die Gasspeicher-Sicherheitsumlage abgeschafft – jenes Instrument, mit dem der Staat seit 2022 eigene Speicherbefüllungen finanziert hat. Der Staat hält sich damit zurück.

Aus Sicht der Branche zeigt der Winter vor allem ein strukturelles Problem. Stefan Dohler, Chef des Versorgungsunternehmens und Speicherbetreibers EWE, warnt seit Monaten vor fehlenden Anreizen zum Einspeichern. „Wenn Speichernutzer keine wirtschaftlich tragfähigen Anreize haben und sich der Staat zugleich aus der Verantwortung nimmt, ist das Risiko real, dass Speicher vor dem kommenden Winter nicht hinreichend gefüllt sind“, resümiert er die momentane Lage. Dohler plädiert deshalb für eine strategische Gasreserve, bei der der Staat im Zweifel selbst Speicherkapazitäten füllt – ein Modell, das etwa in Österreich existiert.

Staat zieht sich zurück: Wer sorgt noch für volle Speicher?

Im Bundeswirtschaftsministerium wird derzeit geprüft, ob und wie die bestehenden Speicherregeln angepasst werden müssen. Konkrete Maßnahmen oder Entscheidungen gibt es jedoch bislang nicht, trotz der hartnäckigen Spekulationen über eine staatliche Gasreserve.

Für den ostdeutschen Netzbetreiber Ontras ist die Lage derzeit zwar beherrschbar. Doch die Abhängigkeit von laufenden Importen wächst. „Grundsätzlich sind Speicher für die Sicherstellung der Energieversorgung im Winter zwingend notwendig“, sagt Ontras-Sprecher Sebastian Luther. LNG-Importe könnten Flexibilität schaffen, die Rolle der Speicher aber nicht ersetzen.

Übersetzt heißt das: Je leerer die Speicher, desto dünner wird der Puffer mitten im Winter – auch dort, wo heute noch genug Gas fließt.

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