Ost-Ikonen

„Kulturpolitisches Verbrechen“: Warum Berlins beliebte DDR-Bauten weichen müssen

Anfang März verschwindet mit dem SEZ wohl Berlins nächste DDR-Ikone. Inmitten der Tilgung ostdeutscher Erinnerungsorte wird das FEZ zum gallischen Dorf der Wuhlheide.

Fotoillustration: Roshanak Amini/Berliner Zeitung am Wochenende. Fotos: Imago

Berlin räumt auf – und reißt ab. Wo früher DDR-Geschichte stand, rollen seit Jahren die Bagger. Der Palast der Republik ist längst verschwunden, das Ahornblatt nahezu geräuschlos aus dem Stadtbild getilgt, und bald arbeiten sich die Maschinen durch das SEZ. Wer durch Berlin geht, erlebt, wie biografische Fixpunkte ganzer Generationen verschwinden: Markante DDR-Bauten, einst prägend für Identität und Alltag, werden nach und nach ausgelöscht.

Das Gebäude des DDR-Außenministeriums am Berliner Schinkelplatz wurde abgerissen. Das Generals­hotel in Schönefeld ist weg – trotz Denkmalschutz. Im Jahn-Sportpark brechen die Tribünen ein. Abriss folgt auf Abriss, Erinnerung auf Leerstelle.

Inmitten dieser Verluste wirkt das FEZ in der Wuhlheide wie ein letzter Zufluchtsort – ein Ort, an dem ein Stück gebaute Geschichte noch standhält.

Viele DDR-Bauten sind Orte voller Erinnerungen

Es ist ein kalter Tag. Der Schnee fällt leise auf die Kiefern, der Wald schluckt den Lärm der Großstadt. Hier steht das FEZ, 1979 als Pionierpalast „Ernst Thälmann“ fertiggestellt. Heute nennt es sich „Europas größtes gemeinnütziges Familienzentrum“. Vor dem Eingang stehen Gabriela und ihre beiden Kinder. Der Atem wölkt in der frostigen Luft, während sie Bananen essen. Sie kommen gerade aus einer Theateraufführung. Gabriela ist 62 Jahre alt, sie arbeitet als Betreuerin. „Wir waren früher ganz oft hier“, sagt sie und blickt auf den riesigen Flachbau mit den markanten braunen Fensterrahmen.

Gabriela stammt aus Thüringen, zog 1987 nach Berlin. Für sie ist das Gebäude mehr als Architektur; es ist ihre Biografie. „Meine Tochter hat hier Geige gelernt“, erzählt sie. Dass das Haus mittlerweile unter Denkmalschutz steht, findet sie „total toll“. Es ist ein Satz, der Erleichterung verrät. Denn Gabriela weiß: Es ist im heutigen Berlin eine politische Entscheidung, ob ein Haus der DDR-Moderne stehenbleiben darf oder nicht.

Gabriela lebt seit 1987 in Berlin. Gebäude wie das FEZ sind Teil ihrer Biografie.
Gabriela lebt seit 1987 in Berlin. Gebäude wie das FEZ sind Teil ihrer Biografie.Valentin Wölflmaier/BLZ

„Hier wird abgerissen, was noch funktioniert“

Ein paar Kilometer weiter westlich, an der Landsberger Allee, scheitert diese Anerkennung gerade. Das SEZ, einst der Stolz von Friedrichshain, wird abgerissen. Ein Investor, ein jahrelanger Rechtsstreit, nun das Ende. Das SEZ war das Spaßbad des Ostens, ein Ort mit Wellenbad und Kaskaden. Der Architekt Christoph Wagner sieht darin ein grundsätzliches Problem der Stadtentwicklung: „Das Problem ist, dass man hier etwas abreißt, was noch funktioniert – und das eine Bedeutung für viele Menschen hat“, sagt er. „Von der Umweltbelastung dieser Abrisse ganz zu schweigen.“

Das Argument, dort dringend benötigten Wohnraum zu schaffen, lässt er nicht gelten: „Wohnen findet ja nicht nur in Wohnungen statt, sondern benötigt kulturelle, sportliche und Versorgungseinrichtungen in direkter Nachbarschaft. Sonst leben wir mitten in Berlin bald in einer Schlafstadt.“

Die Liste der abgerissenen DDR-Bauten ist lang

Der Abriss des SEZ ist Teil einer Entwicklung, die kurz nach der Wende einsetzte. Die sogenannte Ostmoderne hatte einen schweren Stand. Sie galt vielen als politisch belastet oder ökonomisch ineffizient. Dabei war diese Architektur oft experimentierfreudiger, als es das Klischee vom Plattenbau vermuten lässt. Das Ahornblatt auf der Fischerinsel etwa, eine kühne Betonschalenkonstruktion von Ulrich Müther, wurde im Jahr 2000 trotz  Proteste für einen Hotelneubau geopfert. Es war das Signal dafür, wie die neue Berliner Republik mit dem Erbe des Ostens umzugehen gedachte.

Dann kam der Palast der Republik. „Erichs Lampenladen“, wie der Volksmund sagte. Er war Ort der Volkskammer, aber auch Ort der Bowlingbahn, der Restaurants, der Diskotheken. Offiziell besiegelte der Asbest sein Ende. In der Tat hatten sich Mitarbeiterinnen des Palasts über die Asbestbelastung beschwert. Doch während das ebenfalls asbestbelastete ICC im Berliner Westend unter Denkmalschutz steht, verweist der Historiker Hanno Hochmuth beim Palast auch auf die politische Dimension: „In den 90er-Jahren und auch noch beim Palast der Republik schwang das Politische sehr stark mit.“

Es ging darum, die städtebauliche Dokumentation der DDR im Herzen der Stadt zu brechen und die preußische Tradition des 18. Jahrhunderts zu rekonstruieren. Heute steht dort das Humboldt Forum mit seiner barocken Schlossfassade.

Abriss des Palast der Republik – ein „kulturpolitisches Verbrechen“

Ein „kulturpolitisches Verbrechen“ nennt das Rudolf Denner, Sprecher des Freundeskreises Palast der Republik. 100.000 Unterschriften habe man damals gesammelt, 800 Petitionen vorgetragen, eine Mehrheit der Bevölkerung sei für den Palast gewesen. Beim SEZ sieht Denner Parallelen: „Auch hier werden Fakten geschaffen gegen den Willen der Bevölkerung.“

Hanno Hochmuth zufolge hat sich das Bewusstsein für den Wert der DDR-Architektur aber gewandelt, der Palast würde heute wohl nicht mehr abgerissen. „Beim SEZ geht es auch nicht vorrangig um eine Tilgung der DDR, sondern vielmehr um die Schaffung von neuem Wohnraum, und Wohnen ist in Berlin heute ein viel heißeres Thema als der Umgang mit der Vergangenheit“, sagt Hochmuth. Dennoch plädiert er in dieser hochsymbolischen Frage für mehr Sensibilität: „Es wäre sensibler, das SEZ zu erhalten, denn neue Wohnungen könnten auch noch woanders geschaffen werden.“

Missachtung der DDR: „Unsere Geschichte wird plattgemacht“

Für viele Menschen im Osten fühlt sich das Verschwinden der Ost-Bauten wie eine Entwertung ihrer eigenen Biografie an. „Das ist eine Missachtung der DDR“, sagt Ute. Sie ist 70 Jahre alt und mit ihrer Freundin Bettina auf dem Weg zum Schwimmen im FEZ. Ute hat eine klare Meinung zu dem, was mit den Orten ihrer Vergangenheit passiert: „Dass da einiges vielleicht marode war, okay. Aber das jetzt verfallen zu lassen, wie das SEZ, und dann zu sagen: Jetzt können wir es wegreißen – das finde ich den Ostbürgern gegenüber schuftig. Das war unsere Geschichte. Die wird plattgemacht.“

Ein „Ort unserer Geschichte“: Ute und Bettina gehen zweimal in der Woche zum Schwimmen ins FEZ.
Ein „Ort unserer Geschichte“: Ute und Bettina gehen zweimal in der Woche zum Schwimmen ins FEZ.Valentin Wölflmaier/BLZ

Bettina nickt. Sie ist gebürtige Berlinerin. „Auch wenn in der DDR nicht alles in Ordnung war“, sagt sie, „es ist unsere Geschichte. Und die existiert dann einfach nicht mehr.“ Die Debatte um die DDR-Architektur ist damit immer auch eine Debatte um Anerkennung. Wenn Gebäude wie das Kino International oder das Haus der Statistik gerettet werden, sind das Ausnahmen. Die Orte des täglichen Lebens, die Schwimmbäder und Gaststätten, verschwinden zuerst.

Das FEZ hat überlebt. Vielleicht, weil es weit draußen im Wald liegt, überlegt Bettina. Sie sorgt sich dennoch um solche Orte, die in Berlin weniger werden. Nicht nur wegen ihrer Geschichte: „Wir wollen immer, dass die Kinder nicht so viel daddeln am Handy“, sagt sie. „Aber eigentlich tun wir gar nichts dafür, um diese Orte zu erhalten.“