Nicht nur in Deutschland gerät VW immer mehr unter Druck – auch in einem wichtigen Auslandsstandort spitzt sich die Lage zu. In Südafrika steht der Konzern vor einer Richtungsentscheidung über weitere Investitionen, wie die Nachrichtenagentur Bloomberg berichtet. Hintergrund ist der wachsende Wettbewerbsdruck durch günstige Autoimporte aus China und Indien, die den Markt zunehmend dominieren. Der chinesische Hersteller Chery hat VW zuletzt als drittgrößte Automarke im Land verdrängt.
Konkret geht es um das Werk in Kariega, das für Volkswagen von strategisch sehr hoher Bedeutung ist. Seit 2024 ist das Werk östlich von Kapstadt der weltweit einzige Produktionsstandort des VW Polo – rund 4000 VW- Mitarbeiter sind dort beschäftigt. In den kommenden Wochen will der Konzern entscheiden, ob eine größere Investition in die Produktion eines neuen Pick-up-Modells erfolgt – oder nicht. Intern gilt das Jahr 2026 als „Alles-oder-nichts“-Moment. Doch die aktuelle Wirtschafts- und Politiklage rechtfertige eine solche Großinvestition nicht, sagte Martina Biene, Vorsitzende der Volkswagen Group Africa.
China und Indien „überrollen“ VW in Südafrika
Die Probleme in Südafrika gehen jedoch über Volkswagen hinaus und treffen die gesamte Automobilbranche. Das Land ist der wichtigste Automobilstandort Afrikas, die Industrie stellt den größten Anteil der verarbeitenden Produktion und ist ein zentraler Exportmotor. Doch der Markt hat sich stark verändert: Während vor zehn Jahren noch neun der zehn meistverkauften Autos in Südafrika selbst produziert wurden, ist es heute weniger als jedes dritte Fahrzeug. Importe – vor allem aus China und Indien – gewinnen massiv an Bedeutung. „Wir werden von den Importen aus Indien und China regelrecht überrollt“, sagte Biene.
Hinzu kommen strukturelle Standortnachteile. Hohe Lohnkosten, teure Energie sowie erhebliche Defizite bei Infrastruktur und Logistik belasten die Produktion. Gleichzeitig sind importierte Fahrzeuge zuletzt sogar günstiger geworden. Branchenvertreter sprechen deshalb von einem ungleichen Wettbewerb, in dem lokale Hersteller zunehmend ins Hintertreffen geraten. Für Volkswagen wird Südafrika damit zum strategischen Prüfstein – und zum weiteren Schauplatz einer Krise, die den Konzern auch in anderen Märkten beschäftigt.

Gewinneinbruch und Schließungen: VW-Krise spitz sich zu
Die Krise bei VW verschärft sich seit mehreren Monaten immer mehr. Erst vor wenigen Tagen gab Deutschlands größter Autobauer einen erneuten Gewinneinbruch bekannt. Im vergangenen Jahr sei der Gewinn demnach um fast die Hälfte geschrumpft. Im Vergleich zum Vorjahr sei das Konzernergebnis nach Steuern 2025 um rund 44 Prozent von 12,4 Milliarden Euro auf 6,9 Milliarden Euro gesunken – das schlechteste Ergebnis seit dem Dieselskandal im Jahr 2015.
Im Rahmen der Bekanntgabe der schlechten Geschäftszahlen kündigte VW zudem an, bis 2030 rund 50.000 Stellen in Deutschland abzubauen. Ende 2024 hatte der Konzern noch einen Stellenabbau von 35.000 Jobs bis 2030 prognostiziert. Die Gründe für die Krise sind vielschichtig: US-Zölle, zunehmende Konkurrenz auf dem wichtigen Absatzmarkt China, hausgemachte Probleme bei den VW-Töchtern Audi und Porsche und der schleppende Umstieg auf Elektroautos belasten den Konzern. Ende 2025 hat VW mit der Gläsernen Manufaktur in Dresden erstmals in seiner 88-jährigen Unternehmensgeschichte die Autoproduktion an einem seiner Standorte eingestellt.
Experten warnen: VW-Krise bedroht deutsche Zulieferer
Die zunehmende Schieflage bei den deutschen Herstellern wirkt sich auch auf die Zulieferbranche aus. Seit 2018 hat deutsche Autoindustrie rund 120.000 Jobs verloren. Große Unternehmen wie Bosch und ZF Friedrichshafen haben umfangreiche Spar- und Abbauprogramme aufgelegt, um hohe Transformationskosten, sinkende Abrufzahlen der Hersteller und wachsenden Preisdruck abzufedern. Einige deutsche Zulieferer würden die Krise „nicht überleben“, warnte Stefan Bratzel, Chef des Center of Automotive Management (CAM) in Bergisch Gladbach.
„Die Lage ist ernst“, sagte Stefan Reindl, Direktor des Instituts für Automobilwirtschaft. Sie sei zwar „nicht existenzbedrohend, aber ein klares Alarmsignal“. Bereits im vergangenen Jahr warnte Autoexperte Wulf Schlachter in der Berliner Zeitung, dass es für VW jetzt „ums Überleben“ gehe. „Das ist eine kritische Phase – VW muss sich komplett neu aufstellen“, erklärte der Gründer des Ladeinfrastruktur-Unternehmens DXBe Management.
Autopapst Ferdinand Dudenhöffer sieht die Verantwortung für die Krise bei VW und Co. bei der Politik. Zwar kämen geopolitische Risiken hinzu – und die Transformation sei eine große Herausforderung. Doch „der ganz große Problembär ist Deutschland“, kritisierte der Gründer des CAR-Instituts in Bochum auf eine frühere Anfrage der Berliner Zeitung. Es seien Rahmenbedingungen geschaffen worden, die „uns zu einer industriellen Verlierernation“ werden lassen, sagte Dudenhöffer. Daher müsse sich Deutschland „neu erfinden“.



